Wie Asiaten in Freiburg Fuß fassen

Friederike & David Weigend

Hinter vielen asiatischen Restaurants stecken interessante Reisegeschichten. Wir haben zwei von ihnen aufgeschrieben. Der Indonesier Isa Harimurti (tonton am Lederleplatz) und der Chinese Sang (Chinaimbiss Hummelstraße) über ihren langen Weg von Fernost nach Freiburg und über die Frage, ob es ihnen gelungen ist, sich hier heimisch zu fühlen.



Ayie: Eingedeutscht

Isa Harimurti, oder Ayie, wie seine Freunde ihn nennen, ist Indonesier und lebt seit zwölf Jahren in Deutschland. Nach Aufenthalten in Frankfurt, Kaiserslautern und Hamburg ist er in Freiburg angekommen. Wie das ablief, hat er uns erzählt.

„Am 10. April 1975 erblickte ich als erster Sohn das Licht der Welt. Geboren wurde ich in Ostsumatra, in der Provinz Riau, die nah an der Grenze zu Malaysia und Singapur liegt. Aufgewachsen in einer Großfamilie, verbrachte ich eine recht traditionelle indonesische Kindheit; morgens ging ich in die Schule und nach dem Läuten des Pausengongs vertrieb ich mir die Zeit mit Schulkameraden und meinen sechs Geschwistern.

Nachmittags tollten wir gemeinsam über die Plantage der Kokosnussfabrik, deren Geschäftsführer mein Vater war. Obwohl ich mir schon früh wünschte, mit einem Warung selbstständig zu machen (ein indonesischer Imbiss mit frisch zubereitetem Essen und meist dazugehörigem Gemischtwarenladen), begann ich nach dem Abitur eine Ausbildung bei der Marine. Dort war ich im Kommunikationsbereich tätig und wickelte den Seefunkverkehr ab. Schon nach der neunmonatigen Ausbildung war klar, dass ich mich nicht für das Militär verpflichten wollte und mir der Sinn nach etwas Anderem stand: Ich wollte die Welt sehen, auf eigenen Beinen stehen und mich an einem schönen Plätzchen Erde niederlassen.



Nachdem ich noch zwei Jahre auf einem Schiff arbeitete, war es 1997 so weit und ich traf in Deutschland ein. Warum gerade dieses Land? Inspiriert wurde ich durch einen Onkel, der sich in der Frankfurter Gastronomiebranche einen eigenen Laden aufgebaut hatte. Somit war es für mich viel leichter, in jungen Jahren unter unbekannten Bedingungen Fuß zu fassen. Die Zeit in Frankfurt war zwar wunderbar bereichernd, aber nicht immer leicht.

Große Eingewöhnungsprobleme entstanden mit der fremden und zunächst schwer zu erlernenden Sprache. Während ich bei meinem Onkel als Servicekraft etwas Geld verdiente, machte ich einen Deutschkurs. So kam ich täglich mit immer mehr Menschen in Kontakt, was mein Einleben in die neuartige Kultur erleichterte. Nach dieser ersten, etwas schwierigeren Phase war ich von meinem neuen Leben so angetan, dass ich den Entschluss fasste, hier zu bleiben. Ich hing an meine zwölf Schuljahre, die ich in Indonesien absolviert hatte, noch ein Jahr am Studienkolleg in Kaiserlautern dran, um das deutsche Abitur zu machen.



Das Studium der Sozialpädagogik in Frankfurt beendete ich vorzeitig, da mir klar wurde, dass dieses nicht zu mir passte. Außerdem war ich zu sehr durch meine autoritäre indonesische Erziehung geprägt, als dass ich in diesem Feld mein Leben lang gut hätte arbeiten können.

Erst wollte ich zurück in meine Heimat gehen, da ich in Deutschland keine Berufsperspektive mehr sah. Die wirtschaftlichen und politischen Zustände in Indonesien waren zu dieser Zeit jedoch eher beunruhigend und so jobbte ich wieder bei meinem Onkel in Frankfurt. In diesem Augenblick wollte es das Schicksal, dass ich meine jetzige Ehefrau kennenlernte.



Wir lebten kurze Zeit in Hamburg; dort erwachte die Idee einer Selbstständigkeit wieder. Da aber die Gastronomie- und Laden- Szene so überlaufen war, zogen wir spontan nach Freiburg, der Heimatstadt meiner Frau.

Gemeinsam bauten wir unser Projekt namens tonton café & objekte auf, womit sich in Freiburg eine Marktlücke aufgetan hat: Mein Tagescafé, in dem es mittags ausschließlich indonesische Speisen und deutschen Kuchen gibt und wo zudem eine kleine Auswahl an europäischen und asiatischen Wohnaccessoires zum Verkauf angeboten wird.

Am Anfang ist es schwer, einen neuen Laden zu eröffnen, sich einen Kundenstamm aufzubauen und die Menschen von den Eigenheiten der indonesischen Küche zu überzeugen. Aber mittlerweile läuft es richtig gut. Und vor anderthalb Jahren hat sich unsere deutsch-indonesische Familie vergrößert - wir haben Zwillinge bekommen!

Auch wenn ich wegen meiner Familie in Indonesien immer mal wieder dorthin fahren möchte, bin ich nun in Deutschland zu Hause. Heute kann ich sagen, dass ich mich zwar stets als Indonesier fühlen werde, aber dennoch eingedeutscht bin.“

Sang: Heimat ist dort, wo Arbeit ist



Herr Sang ist am 1. Juni 1951 geboren, im Jahr des Hasen. Vom Hasen heißt es, er sei häuslich und lege viel Wert auf eine vertraute Umgebung und Sicherheit. Wenn man sich die bisherige Biographie von Herrn Sang anschaut, muss man annehmen, dass er sich aus dem Koordinatensystem der chinesischen Astrologie recht weit entfernt hat.

Es ist heiß und wir sitzen in Sangs kleinem Imbisslokal an der Hummelstraße, zwischen Rotteckgymnasium und Mariotti. Die eiskalte Limonade tut gut. Jetzt, um die Mittagszeit gegen halb drei, ist nicht viel los. Sang sagt, es könnte generell mehr los sein bei ihm. Wenn keine Kunden im Laden sind und wenn er jeden Topf, jede Schüssel geputzt und an ihren Platz gestellt hat, nimmt sich Sang Zeit, in den chinesischen Zeitungen zu lesen, die er sich am Bahnhof besorgt hat. Es ist ruhig, bis auf die Schwertransporter, die in regelmäßigen Abständen über die Kronenstraße donnern, Hauptargumente für die Stadttunnelbefürworter.



Sang ist in Hongkong geboren und aufgewachsen. Sein Vater betrieb einen kleinen Krämerladen, die Mutter arbeitete auf einem Golfplatz. Nach der Schule zeichnete sich ab, was der Motor in Sangs Leben sein würde: Dort hingehen, wo es Arbeit gibt. Zunächst mal hieß das: Nach London, zum Schwager, der dort ein chinesisches Lokal führte. Sang lernte Kochen und wurde auch als Kellner eingesetzt.

Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, ob er in die Heimat zurückkehren oder bleiben würde. „Mal kucken, mal probieren“, sagte sich Sang und heute lächelt er darüber. Es trieb ihn weiter, nach Amsterdam und von dort aus nach Deutschland, das war 1974. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier Fuß fassen würde“, sagt Sang.

 



Die Stationen, die er nun aufzählt, zeugen von einem routinierten Vagabunden in der pfälzischen Chinalokalszene: Bad Dürkheim, Grünstadt, Kichheimbolanden. Sang heiratet, zeugt drei Kinder, lässt sich scheiden, kommt 1993 ins Badische: Er arbeitet als Kellner im Bambusgarten in der Konviktstraße, eröffnet in Herbolzheim den inzwischen wieder geschlossenen Sang-Garden, schlägt sich mit Mini-Jobs durch, malocht mal hier, brutzelt mal da. Er lernt vor allem eines: sich nur auf andere zu verlassen, ist meist mit Problemen verbunden. Also: Selbständigkeit.

Im Dezember 2005 eröffnet Sang seinen kleinen China-Imbiss unweit der Kronenbrücke und zieht ins selbe Haus, einen Stock höher. Viel braucht er nicht für den eigenen Laden: einen Herd, einen Wok, einen Kühlschrank, zwei Regale, Styroporbehälter zum Essenstransport und die kleinen Küchenkniffe, die man in Hongkong so mitbekommt. Der Imbiss ist beliebt in der Nachbarschaft, denn Sang kocht relativ frisch und günstig.



Aber natürlich hat auch Sang es nicht leicht. „Die Konkurrenz ist riesig, mehr als 60 Chinalokale in Freiburg und Umgebung“, sagt er. „Aber ich habe keine andere Wahl. Ich habe nichts anderes gelernt. Und selbst in der Gastronomie ist es für einen 58-jährigen Chinesen schwer, einen Job zu bekommen…“ „Ich nehm die 43 und ein Wasser zum Mitnehmen“, sagt ein Gast an der Durchreiche. Sang entschuldigt sich und macht sich ans Kochen.

Hühnerfleisch nach Sezuan-Art mit Gemüse und pikanter Sauce, scharf. Mit Farbstoff, mit Konservierungsstoffen, mit Geschmacksverstärker, aber was will man sagen, bei 4,50 € für den Riesenteller. Sang schichtet das Hühnerfleisch in die Styrobox, packt sie in eine Plastiktüte, nimmt das Geld entgegen und steckt es in seine Kasse, ein Plastikkörberl, das auch als Tragekorb für Zwergpinscher durchgehen könnte.



Ob Sang Heimweh hat? Er scheint die Frage nicht recht zu verstehen und lässt den Gasanzünder auf der Theke routieren. Für ihn ist Heim da, wo Arbeit ist. Und arbeiten will er hier, solange er kann. Wir bestellen die Nummer 101: Glück im Leben.



fudder-Serie: Freiburger in Hongkong