Wie arbeitet ein Comic-Übersetzer?

Christopher Bünte

Marc-Oliver Frisch studiert in Saarbrücken Amerikanistik. Und er übersetzt Comics ins Deutsche, darunter der Zombie-Reißer The Walking Dead und der Dioxin-Krimi Chew. Christopher hat sich mit ihm über seine Arbeit unterhalten. Und über sexy Geheimagentinnen.



Wie bist Du zum Comic-Übersetzen gekommen?


Marc-Oliver Frisch: Da war Frauke Pfeiffer dran schuld, meine Lektorin bei Cross Cult. Die haben damals jemanden gesucht, der The Walking Dead (TWD) machen sollte, und Frauke und ich kannten uns über Comicgate. Da Frauke wusste, dass ich mit Englisch ganz gut unterwegs bin und TWD mochte, hat sie mich dann gefragt. Und so kam's dazu. Ich bin also mehr so 'reingestolpert.

Wie ging es dann weiter?

 
TWD lief dann erst mal, es waren wohl alle zufrieden. Die Serie ist mittlerweile bei Band 13 angekommen. Irgendwann kamen dann auch andere Sachen dazu, erst bei Cross Cult und später dann auch bei Nona Arte.

The Walking Dead ist ja sehr erfolgreich. Wie erklärst du dir das?

Tja, so ganz genau weiß man das nie, sonst würd's jeder machen. Ich glaub', das ist einfach so ein Ding, das gut reinläuft - ein "page turner", wie die Amis sagen. Die Serie versteht's, mit sehr einfachen Mitteln Spannung zu erzeugen und einen bei der Stange zu halten. Das merke ich auch an mir selber, weil es teilweise sehr schwer ist, die Bände aus der Hand zu legen, wenn man mal angefangen hat zu lesen. Jedenfalls hat sich TWD in den USA über die Jahre zur erfolgreichsten laufenden Independent-Serie gemausert, und bei uns läuft es spätestens seit der TV-Serie offenbar auch ziemlich rund.

Du studierst Amerikanistik. Inwiefern hat das geholfen, den Weg zum Comic-Übersetzen zu finden? War das schon immer dein Traumberuf?

Die Verbindung ist natürlich die Sprache. Es macht mir Spaß, zu sehen, wie Autoren mit Sprache umgehen, welche Effekte sie mit welchen Mitteln erzielen, wie man in einem Text eine Welt oder eine Figur entstehen lässt. Der Reiz beim Übersetzen besteht für mich darin, erst mal zu sehen, wie der Originaltext funktioniert und was er genau sagt, und das dann wiederum selbst in einer anderen Sprache anzuwenden. Ob's mein Traumberuf ist, weiß ich nicht, aber wenn ich damit Geld verdienen kann, find ich das schon ziemlich klasse.

Wenn jemand Comic-Übersetzer werden will, was würdest du ihm raten?


Er oder sie sollte sich 'nen anständigen Job suchen. (lacht)

Warum?

Da zitiere ich mal Kurt Vonnegut: "Wenn du deinen Eltern so richtig wehtun willst, und du bringst es nicht übers Herz schwul zu sein, dann mach irgendwas Künstlerisches." Aber im Ernst: Kein Mensch bei klarem Verstand will Comic-Übersetzer werden. Und wenn doch, sollte man sich erst mal auf was Ordentliches spezialisieren, wie zum Beispiel Staubsaugerbetriebsanleitungen, und dann auf seine Chance warten. Ich wüsste nicht, wie man so was karrieremäßig planen sollte. Es gibt zwar sicher Leute, die davon leben können, aber viele sind das nicht.

Reden wir jetzt mal über Chew. Die Serie läuft seit Anfang des Jahres bei Cross Cult und wird von dir aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt. Wie war der Start? Haben die Leser den ersten Band gut angenommen?

Bei Chew kam der Dioxin-Skandal zeitlich sehr gelegen, wenn man das so sagen darf. Der erste Band war gerade erschienen, und auf einmal waren verseuchte Lebensmittel - Verzeihung! - in aller Munde. Dadurch sind dann alle möglichen Medien, von Spiegel und Stern bis hin zu 3sat, auf den Comic angesprungen, was sich sehr positiv auf die Verkäufe ausgewirkt hat. Ich hatte schon seit einem Jahr versucht, Cross Cult von der Serie zu überzeugen, aber letzten Endes hätte das Timing nicht besser sein können. Von den Lesern hab ich bisher auch nur Positives gehört und gelesen. Sogar ein paar Kommentare zur Übersetzung, was mich natürlich besonders freut. Der zweite Band wird demnächst in Druck gehen, mal sehen, wie's weiterläuft.

Worum geht es bei Chew?

Der Held der Serie ist Tony Chu, ein Polizist bei der Mordkommission, der über seine Geschmacksknospen mentale Eindrücke und Empfindungen von allem bekommt, was er isst. Wenn er also ein Stück Schnitzel isst, dann "weiß" und "fühlt" er, wie's dem Schwein so ging, wo das Ei gelegt wurde, das sich in der Panade befindet, und so weiter. Chu ermittelt in den USA einer nahen Zukunft, in der nach einer tödlichen Vogelgrippe-Epidemie eine Geflügelprohibition ausgerufen wurde - was natürlich, wie damals beim Alkohol, ganz neue Geschäftsmodelle für Gauner nach sich zieht. Außerdem glaubt den Regierungen keiner so recht, dass es wirklich die Vogelgrippe war, die die ganzen Leute umgebracht hat. Es ist also ein wilder Krimi mit Verschwörungstheorien, sehr skurrilem Humor und einer guten Portion Ekel.

Wie läuft die Übersetzung eines Comics ab? Welche Arbeitsschritte gab es zum Beispiel bei Chew?


Zunächst gehe ich ganz banal den Comic Seite für Seite durch und schreibe die Übersetzung in ein Dokument. Das wird dann entsprechend formatiert und an Frauke, meine Lektorin, geschickt. Die liest dann den Text, macht Korrekturen und Änderungsvorschläge und schickt das Ganze an mich zurück. Dann streiten wir uns über ein paar der Änderungen lange und ausgiebig, bis wir uns auf eine Fassung einigen oder einer keine Lust mehr hat, und danach schicken wir das Resultat an Filip, unseren Redakteur bei Cross Cult. Filip kümmert sich dann ums Lettering und schickt uns vor Druck nochmal ein PDF des fertigen Comics, den wir dann nochmal beide durchchecken. Und dann geht's in den Druck.

Was hat beim Übersetzen von Chew am meisten Spaß gemacht?

Ganz klar die unterschiedlichen Figuren, von denen jede einen sehr speziellen Sprachstil hat. Da ist etwa Mason Savoy, der Agent der Lebensmittelbehörde, der Chu unter seine Fittiche nehmen will. Die Figur zu übersetzen, macht einfach einen Riesenspaß, weil man direkt am sehr epischen, aufgeplusterten Stil erkennt, wer da redet. Und natürlich das Streiten mit Frauke. Wir sind beide richtig pingelige Sprachfetischisten, und unterm Strich profitiert der Comic sehr davon, dass wir sehr genau wissen, was wir wollen, manchmal aber nur über die Reibung wirklich genau die richtigen Worte finden.

Im Juni kommt der zweite Band von Chew heraus. Worum geht's da?

Es geht um mysteriöse Vorgänge auf der Südseeinsel Yamapalü, und rein zufällig ist Tony genau dort, weil er einer noch mysteröseren Pflanze auf den Grund gehen will, die nur dort zu finden ist. Und Vampire. Und sexy Geheimagentinnen. Und POYO.

Okay, das klingt... schräg. Humor und grundsätzliche Ausrichtung bleiben also gleich? Oder machen sie ein Riesenfass auf?

Ein Monsterfass. Der Grund, warum ich Chew so mag, ist, dass der Comic trotz der ganzen schrägen Ideen und des wahnwitzigen Humors nicht die Bodenhaftung verliert oder in Slapstick ausartet. Man merkt richtig, dass John Layman - der Autor - sehr sorgfältig seine Arbeit gemacht hat, was die Charakterisierung der Figuren, die thematische Ausrichtung oder die Handlung angeht. Vieles im ersten Band mag auf Anhieb noch lustig und zufällig wirken, aber schon in Band 2 stellt sich raus, dass wirklich ein ausgeklügelter Plan dahintersteckt, der auf einen ganz bestimmten, auch nicht allzu fernen Endpunkt abzielt.

Was liegt im Moment zum Übersetzen auf deinem Schreibtisch?

Derzeit arbeite ich an den Bänden 2 und 3 von Invincible, der Superheldenserie von The-Walking-Dead-Autor Robert Kirkman, die in den USA sehr erfolgreich ist und jetzt bei Nona Arte auf Deutsch erscheint - der erste Band ist gerade im Druck und sollte in den nächsten Wochen erhältlich sein.

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[Bild: Anna Jochum]