WG-Casting - eine Typologie

Meike Riebau

Jetzt weiß ich, wie Dieter Bohlen zu dem wurde, was er heute ist. Er hat wahrscheinlich sehr lange in WGs gelebt und dabei viele Mitbewohner-Castings über sich ergehen lassen müssen, der arme Mann. Kein Wunder, dass er so zynisch geworden ist. Ich weiß, wovon ich spreche: Wir haben letzte Woche einen neuen Mitbewohner gesucht, und es war grauenhaft. Hier das Ergebnis: eine Kandidaten-Typologie.



Die extreme Vegetarierin:

Ihr esst Fleisch? Das darf aber dann nicht neben meinem Alnatura-Grießbrei im Kühlschrank liegen. Wisst ihr eigentlich, wie es in Schlachthäusern zugeht?? Der letzte Beweis: Vegetariertum ist für manche Menschen eben doch ein Religionsersatz. Und mit Fatalisten, die missionarische Ansätze haben, sollte man nicht zusammenwohnen, das macht schlechte Laune. Ich mag es eben nicht, wenn jemand mein Essen angeekelt anschaut. Deswegen: Danke, aber nein danke.

Der Alternative:

Also, ich studier im 15. Semester Skandinavistik und Ethnologie. Aus meiner Wohnung bin ich herausgeflogen, weiß auch nicht warum. Naja, vielleicht war die letzte Party n bisschen zu krass. Oh Mann, da hättet ihr dabei sein sollen?Wie oft finden eigentlich bei euch Partys statt?” Ein netter Kerl. Bestimmt. Aber ihr wollt lieber zu ihm auf die Party gehen als mit ihm zusammen wohnen. Das ist ein klassischer Fall von: In kleinen Dosen ideal, in größeren absolut unverträglich.

Die PH-Studentin:

Nett. Aber rosa-geblümtes Klopapier ist eben auch nett. Irgendwie gibt es über sie nicht mehr zu sagen. Obwohl: Probleme mit lauter Musik oder Rowdy-Freunden wird es mit ihr nicht geben. Das Verhältnis zum Vermieter wird schlagartig besser, weil sie gleich anbietet, bei ihm zu babysitten. Ihr werdet alle zusammen zum nächsten Grillfest bei ihm eingeladen. Will man so etwas?

Die Möchtegern-Kummerkastentante:

Studiert Psychologie/Sozialpädagogik. Oder so. Und während die anderen Fragen nach den Nebenkosten und Internetflat stellen, möchte sie sich mit dir über deine letzte Beziehung unterhalten und die Gründe, warum diese in die Brüche gegangen ist. Dabei immer dieser bedeutungsschwangere, mitfühlende Blick. AHH. Geht gar nicht.

Umgekehrt gibt es den Fall natürlich auch: “Mein Freund hat sich gerade von mir getrennt. (schnief). Letzte Woche. Er war immer so nett. Und jetzt hat er schon eine Neue.” Nein, das wollte ich eigentlich alles gar nicht wissen. Das ist jetzt vielleicht gemein, aber: Niemand will einen wandelnden Nervenzusammbruch ? das ist doch eher ein Fall für Betty Ford, glaube ich.

Das klassische Ersti:

Hüpft ganz aufgeregt rum, findet alles ganz klasse, Profi-Fragen nach Putzplan und ähnlichem stellt es nicht, dafür eher die bange Frage: Und, macht ihr viel miteinander? Kann, nach einer gewissen Zeit, wirklich nett sein: Aber man muss sich im Klaren sein, dass eine gewisse Entwöhnungsphase von Mama eingeplant werden muss. Hängt ganz von eurer WG ab: Seit ihr eher die Ach, was sind wir alte Hasen, die genüsslich von Examensstress und Erasmusjahren erzählen? Dann vielleicht besser nicht.

Der Erasmusstudent: Bringt Farbe ins Leben. Kann aber auch ein bisschen anstrengend sein, denn manchmal hat Antonello vielleicht doch ein wenig andere Vorstellungen über das Zusammenleben, was man am Anfang aufgrund irgendwelcher Sprachbarrieren vielleicht nicht so feststellen konnte.

Der Merkwürdige:

Stellt Fragen nach der Anzahl der Steckdosen in dem Zimmer und wo die Wasserleitungen lang laufen. Ähh. Tja, was soll ich dazu sagen? Mich beschleicht das Gefühl, dass wir nicht sehr viele gemeinsame Gesprächsthemen haben werden. Vielleicht steht er auf Feng Shui? Ich will es gar nicht wissen.

Der Entspannte:

"Ich wohne eigentlich in einem hergerichteten Bauernhof draußen in St. Georgen. Alles Musiker. Ich fühl mich eigentlich ganz wohl dort, aber ich dachte, vielleicht lern ich bei Wohnungsbesichtigungen ein paar nette Leute kennen.” Sehr nettes Gespräch. Selbst wenn er nicht bei Euch einziehen wird, könnt Ihr ihn zum nächsten Grillfest einladen. Wie heißt es so schön? No hard feelings.