Werther im Kapuzenpulli

Carolin Buchheim

Erst gab es Werthers Echte, dann Werthers Leiden: Gestern Abend las Schauspieler André Eisermann im Festsaal der Freien Waldorfschule in der Wiehre aus Goethes Bestseller über den liebeskranken Werther und ließ das Publikum das Erscheinungsdatum des Briefromans vergessen.



"Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu sein! Ich weiß, du verzeihst mir's." Mit einem dunklen Kapuzenpulli bekleidet sitzt André Eisermann an einem Tisch auf der Bühne des Festsaal der Freien Waldorfschule in der Wiehre und liest die ersten Worte aus Goethes Roman.


Wie das Schicksal des Menschen, dessen Briefe er vorliest, ausgehen wird, ist allen Anwesenden klar, inhaltliche Überraschungen wird es an diesem Abend nicht geben, und doch überrascht André Eisermann in einem fort. Er spielt Werther an diesem Abend nicht, sondern bleibt die gesamte Lesung über sitzen, er lebt Werther, mit reduzuerter und doch ausdrucksstarker Gestik und reicher Sprache; Dezent begleitet ihn Jakob Vinje am Piano.

Mit warmer, kräftiger Stimme, in der seine pfälzische Herkunft noch nachklingt, bittet, bettelt, preist und flucht Eisermann als überspannter, sehnsüchtiger, verlorener Werther und scheut sich auch nicht, die bizarren Seiten von Werthers egozentrische Liebe zu Lotte dem Lachen der Zuschauer preiszugeben.



Werther, das wird in Eisermanns Lesung klar, wäre heute ein waschechter Whimpster, Typ: Conor Oberst, der sich in seinem Kapuzenpulli verstecken und sehnsüchtige, zerbrechliche Lieder schreiben würde. Werther liebt nicht Lotte, er liebt die Idee der Liebe und das Leiden an ihr; Bei aller Rede von Herz und Gefühl mangelt es Werther an der Fähigkeit zur Liebe, an Gemeinschaft und Selbstreflektion.

Das junge Publikum, größtenteils Schüler der Waldorfschule, ist am Montagabend von der 233 Jahre alten Geschichte des Werther und von André Eisermann restlos begeistert: Es wird minutenlang geklatscht, bis Eisermann, als Zugabe, die letzten Worte des fiktionalen Herausgebers über Werther liest, der auch im Tod einsam bleibt. "Man fuerchtete für Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet."



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