Wer sind wir auf Facebook & Co wirklich? 5 Antworten von Diplompsychologin Juliane Stopfer

Miriam Jaeneke

Freundschaft und Persönlichkeit im Web 2.0: Das ist Thema einer Veranstaltung in der Katholischen Akademie diesen Mittwoch. Geleitet wird sie von dem Journalisten und Autor Christoph Koch und der Diplompsychologin Juliane Stopfer. Zurzeit schreibt sie an einer Doktorarbeit über Persönlichkeit und Online Social Networks. Wir haben sie nach ihren bisherigen Erkenntnissen gefragt:



fudder: Auf der Veranstaltung "Freundschaft und Persönlichkeit im Web 2.0" stellen Sie eine Studie vor, die Grundlage Ihrer Doktorarbeit ist. Worum geht es dabei?



Juliane Stopfer
: Ich schreibe meine Doktorarbeit zu Persönlichkeitsurteilen anhand von Facebook- und StudiVZ-Profilen. Es gibt ein Klassifikationssystem, das fünf große Persönlichkeitseigenschaften, die Big Five, unterscheidet; Extraversion ist eine davon. Sehr extravertierte Personen gehen aus sich heraus, gehen gern auf Partys, lachen viel, sprechen laut. Ihnen ist Aktivität wichtig und mit anderen Personen zu interagieren.

Andere sind eher introvertiert und haben typischerweise einen kleineren Freundeskreis. Eine andere Dimension, in der sich Menschen unterscheiden, ist Neurotizismus, das bedeutet emotionale Instabilität. Manche Personen geraten in Stresssituationen leichter aus dem Gleichgewicht, sind dann nervös, unsicher, leicht reizbar. Der Gegenpol dazu wäre emotionale Stabilität, also jemand, der selbstsicher ist und stressresistent.

Die Offenheit für Erfahrungen ist gerade auch im Netz eine spannende Dimension. Es gibt Personen, die gern Neues ausprobieren und viele verschiedene Interessen haben. Auch in den Netzwerken zeigt sich, ob jemand viele unterschiedliche Bücher liest, verschiedene Filme kennt, vielen Aktivitäten nachgeht. Noch eine Dimension ist Verträglichkeit: Es gibt Personen, die sind lieb und angepasst und im sozialen Kontakt sehr angenehm, und es gibt welche, die sind eher misstrauisch, streitsüchtig. Das sind jeweils die Extrempole, die meisten von uns sind irgendwo in der Mitte. Und dann gibt es noch die Gewissenhaftigkeit, das sind Ordnungsliebe, Pflichtbewusstsein, Selbstdisziplin, Pünktlichkeit. Man kann jede Person mit diesen fünf Dimensionen beschreiben, da erhält man dann fünf Werte und ein Persönlichkeitsprofil.

In Ihrer Studie geht es um Personenprofile von Facebook- und StudiVZ-Nutzern. Wie sind Sie vorgegangen?

Wir haben die Profile der Versuchspersonen gespeichert und anderen Personen zur Beurteilung vorgelegt, die diese Facebook- und StudiVZ-Nutzer nicht kannten. Was zählte, war der allererste Eindruck. Unsere Beurteiler haben die Profile gesehen und hatten die Aufgabe, die Big Five-Eigenschaften einzuschätzen. Und das hat erstaunlich gut funktioniert. Die einzige Dimension, bei der das nicht gut ging, war Neurotizismus, also, wie emotional instabil jemand ist.

Das erkennt man an diesen Profilen nicht so gut, hierzu müsste man eine Person länger kennen, um das wirklich einschätzen zu können. Vor allem ist es ganz gut, wenn man mal erlebt hat, wie sie in einer Stresssituation wirklich handelt. Das kann man bei einem ersten Eindruck anhand eines Profils nicht gut sehen. Aber die anderen Dimensionen kann man erstaunlich genau einschätzen. Da muss man einer Person noch nicht mal begegnen, es reicht, wenn man aufs Facebook-Profil schaut.

Was ist Ihre Schlussfolgerung aus diesem Ergebnis?

Unser Ansatz ist, dass Menschen authentisch agieren, auch in diesen Netzwerken, dass sie sich dafür nicht Identitäten erschaffen. In der Studie haben wir mittels Selbstauskünften über Fragebögen auch die tatsächliche Persönlichkeit der Nutzer erfragt. Zudem haben gute Freunde der Nutzer angegeben, wie diese typischerweise sind. Und wir haben die Nutzer nach ihrem idealen Selbstbild gefragt. Anhand der Dimensionen, zum Beispiel Extraversion, haben sie angegeben, wie sie gern wären.

Und dann haben wir die Einschätzung von den Beurteilern anhand der Profile gehabt und haben das verglichen mit der tatsächlichen Persönlichkeit beziehungsweise mit dem Idealbild der StudiVZ- beziehungsweise Facebook-Nutzer. Die Einschätzungen stimmten stärker mit der tatsächlichen Persönlichkeit als mit dem Idealbild überein. Wenn Personen sich auf ihren Profilen idealisiert darstellen würden, müsste ja das Urteil anhand der Profile davon beeinflusst werden, was aber nicht der Fall war.

Wo kommt denn dann unser Idealbild von uns zum Tragen?

Gute Frage. Es gibt sicher Situationen, in denen wir es präsentieren. In Bewerbungsgesprächen zum Beispiel möchte man natürlich gewissenhafter rüberkommen als man vielleicht ist. Da wird man nicht sagen, eigentlich bin ich relativ unpünktlich. Und ich kenne eine Studie, die Websites untersucht hat und zeigt, dass die Personen sich bei Extraversion und Verträglichkeit ein bisschen Richtung Idealbild dargestellt haben.

Das mag vielleicht bei einer persönlichen Website oder in anonymen Chaträumen gehen, aber in diesen Online-Social-Networks ist es eigentlich nicht möglich, dass wir uns irgendwas ausdenken, was wir gar nicht sind. Denn unsere Freunde geben ja Feedback und schreiben etwas auf die Pinnwand. Es würde auffliegen, wenn man da nicht authentisch reagiert, vor allem, weil wir ja mit so vielen Personen aus ganz unterschiedlichen Kontexten in Kontakt sind. Man ist mit Familienmitgliedern befreundet, aber auch mit Schulfreunden oder Arbeitskollegen, und da wäre es schwierig, irgendeine Identität darzustellen, die man gar nicht hat.

Was werden Sie noch im Seminar ansprechen?

Neben der Studie, die ich gerade geschildert habe, geht es um den Vergleich reales Leben versus online und ob die Unterschiede wirklich so groß sind. Und ich möchte eine Studie vorstellen, die auch in unserer Arbeitsgruppe durchgeführt wurde. Da wurde gezeigt, dass Freundschaften auch zufällig entstehen können. Wir denken ja immer, wir suchen uns unsere Freunde aus und das sei eine ganz bewusste, durchdachte Entscheidung. Wir denken, weil bestimmte Persönlichkeitsmerkmale vorliegen, mögen wir eine Person und freunden uns mit ihr an.

In der Studie kamen jedoch 54 Erstsemesterstudierende, die sich noch nie gesehen hatten, in einen Raum und setzten sich auf ihren zugelosten Platz in einer bestimmten Reihe. Nach einem Jahr hat man erhoben, wie stark Personen miteinander befreundet sind. Es zeigte sich, dass die Personen, die nebeneinander saßen oder in der gleichen Reihe, stärker miteinander befreundet waren als Personen, die keine physische Nähe zueinander aufwiesen. Das war eine spannende Studie, denn es war wirklich Zufall, wer da nebeneinander saß.

Auch im Internet können Freundschaften zufällig entstehen. So klickt man manchmal auf das eine oder andere Profil und surft, und dann kann es schon passieren, dass man zufällig auf Leute stößt oder zufällig in der gleichen Gruppe ist und sich daraus womöglich eine Freundschaft entwickelt.

Mehr dazu:

Was: "Hans-Peter Müller möchte mit Ihnen befreundet sein!"; Freundschaft im Zeitalter des Web 2.0
Wann: Mittwoch, 7. März 2012, 18.30 Uhr
Wo: Katholische Akademie, Wintererstraße 1
Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 8 (inklusive Imbiss)

Anmeldung unter 0761.319180 oder per mail@katholische-akademie-freiburg.de [Bild 1: dpa; Bild 2: privat]