Jugendwort des Jahres

Wer sagt eigentlich Wörter wie "Ehrenmann" und "Ehrenfrau"?

Eyüp Ertan

Der Langenscheidt Verlag hat entschieden: Das Jugendwort des Jahres lautet "Ehrenmann/Ehrenfrau". Auffällig war bei der diesjährigen Entscheidung vor allem der Einfluss von Begriffen aus dem Türkischen.

Lan Kocum, auf mein Nacken, ich küsse deine Augen, du Ehrenmann! Nichts davon verstanden? All das sind Begriffe, die auf einer insgesamt 30 Ausdrücke umfassenden Liste zur Auswahl zum Jugendwort des Jahres standen. Sinngemäß nach den Begriffserklärungen von Langenscheidt übersetzt, bedeutet der Satz: "Krass mein Bester, heute gebe ich Dir einen aus, ich habe Dich gern, Du bist jemand, der etwas Besonderes für mich tut." Ehrenmann, beziehungsweise Ehrenfrau bezeichnet also jemanden, der etwas Besonderes für jemanden tut. Wer so spricht und ob Jugendliche überhaupt die Worte verwendend – darüber gibt Langenscheidt keine Auskunft. Lediglich, dass bei der Entscheidungsfindung über 1,5 Millionen Votings abgegeben wurden.


Jedes Jahr können beliebig viele Begriffe an den Verlag gesendet werden, von denen Langenscheidt die Liste mit 30 Begriffen herausbringt – entscheidend sind "Originalität, Kreativität, Verbreitung sowie kulturelle, gesellschaftliche und zukünftige Relevanz", wie der Verlag auf seiner Homepage erklärt. Acht Wochen Zeit blieben anschließend Internetnutzern aller Altersklassen, um an einem Online-Voting teilzunehmen und die Top Ten zu ermitteln. Von diesen zehn Begriffen ermittelte eine 21-köpfige Jury, bestehend aus Jugendlichen, Medienvertretern und Sprachwissenschaftlern anschließend in zwei Wahlgängen den Gewinner.

Multiethnolekte machen sich in der Jugendwort-Wahl bemerkbar

Vanessa Siegel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Germanistische Linguistik der Universität Freiburg, sagt mit Blick auf die Aussagekraft einer solchen Liste über Jugendsprache: "Man denkt oft intuitiv, in der Sprache ändert sich etwas, weil man mit Wörtern konfrontiert wird, die man nicht kennt. Solche Listen sagen aber nichts darüber aus, wie Jugendliche tatsächlich sprechen. Es sind nur Vorschläge, was Jugendliche cool finden."

Kein Sprachverfall also, wie manche Stimmen immer wieder ob der vorherrschenden externen Einflüsse auf die deutsche Sprache behaupten. Und dennoch hat sich der Einfluss des "Türkenslangs", ein Multiethnolekt, unter dem man eine sozial etablierte Sprechweise unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund versteht, vergrößert. Bei der Jugendwort-Wahl machte sich der Einfluss von Multiethnolekten wie dem "Türkenslang" in den vergangenen Jahren vereinzelt bemerkbar, Begriffe wie "Yallah" (arabisch für "beeil dich"), "Babo" (zazaisch für "Anführer") und "Hayvan" (türkisch für "Tier") belegten vordere Plätze.

"Jugendsprache ist sehr kurzlebig, sie verändert sich schnell." Vanessa Siegel

"In den 90er Jahren war der Slang vor allem unter türkischstämmigen Jugendlichen verbreitet", sagt Siegel. Das habe sich insofern verändert, als dass nicht mehr die Herkunft, sondern das Umfeld, das soziale Netzwerk in dem man lebt, ausschlaggebend geworden ist. "Welchen Hintergrund die Jugendlichen haben, macht vermutlich keinen Unterschied mehr", so Siegel.

"Jugendsprache ist sehr kurzlebig, sie verändert sich schnell. Spätestens wenn die Erwachsenen das Wort auch verwenden, ist ein Wort wieder out", sagt Siegel mit Blick auf Sprachwandel im Bereich der Jugendsprache und fügt hinzu: "Sprachwandel ist etwas, was man nicht voraussagen, sondern erst im Nachhinein feststellen kann." Mal sehen, welchen Begriff Langenscheidt nächstes Jahr zum Jugendwort küren wird.
Jugendwörter seit 2008

2018: "Ehrenmann/Ehrenfrau": "jemand, der etwas Besonderes für dich tut"
2017: "I bims": "Ich bin" oder "Ich bin’s", Sprachphänomen aus den sozialen Medien
2016: "Fly sein": Ausdruck aus der Hip-Hop-Sprache, jemand oder etwas "geht besonders ab".
2015: "Smombie": aus Smartphone und Zombie zusammengesetztes Wort, jemand, der von seiner Umwelt nichts mehr mitbekommt, weil er nur noch auf sein Smartphone starrt
2014: "Läuft bei Dir": Synonym für cool oder krass
2013: "Babo": Boss oder Anführer, Ausdruck erinnert an den türkischen Begriff Baba (Vater)
2012: "Yolo": Akronym für "You only live once"
2011: "Swag": eine "beneidenswerte, lässig-coole Ausstrahlung" oder eine "charismatisch-positive Aura", wörtlich übersetzt bedeutet "to swagger" stolzieren, prahlen oder schwadronieren, und "swaggerer" heißt Aufschneider oder Angeber
2010: "Niveaulimbo": Absinken des Niveaus beispielsweise im Fernsehprogramm, bei Partys oder in Gesprächen
2009: "hartzen": an Hartz IV angelehntes Wort, kann so etwas wie herumhängen oder arbeitslos sein heißen
2008: "Gammelfleischparty": Das erste "Jugendwort des Jahres" ist eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung für eine Ü-30-Party



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