"Wer Musikfernsehen glotzt, ist ein Loser"

Philip Hehn

Die einen sagen: Das klassische Musikfernsehen im Stil von MTV und VIVA ist überholt. Zukünftig schaut man sich seine persönlich zusammengestellten Videos im Netz an. Der andere, in diesem Fall unser Polemiker, sagt: auch im Netz sind Musikvideos furchtbar. "Wer Musikfernsehen glotzt, ist ein Loser."



Ein Gespenst geht um in Europa: Wie man hört, wird das Musikfernsehen aus seinem flachen Grab gescharrt. Ich hatte es nicht wirklich vermisst, aber es will, dass wir es noch mal probieren, sagt es, diesmal wird alles anders, sagt es, und ich fange an, in Erinnerungen zu stöbern. Andere Leute finden den ollen Kadaver nicht unsexy: „Was wäre das schön, sich zu jeder beliebigen Zeit ein Programm nach Wunsch aussuchen zu können und nach Lust und Laune beschallen zu lassen“, traumwandelt Spiegel Online.


Tatsache: Musikfernsehen ist scheiße. Selbst zu Zeiten von Charlotte Roche und den anderen Grinsefratzen war das Ganze sterbensöde. Charlottes assoziativ-beknacktes Geblubber und die ausgeleierte Couch meiner Eltern, Styropor für Geist und Arsch. Hinsetzen, quietsch, fertig abgepackt. Der Musikfernsehen-Konsument ist schlapp, unmotiviert und gelangweilt wie die Intonation von Markus Kavka.



Man kann das Kavka kaum zum Vorwurf machen: Die Moderatoren haben nichts weiter zu tun, als Musikvideos anzumoderieren, das heißt, sie stehen da und haben nichts zu sagen. Irgendetwas müssen sie aber sagen, also faseln sie Stuss. Der wird ihnen übrigens meist noch von irgendwelchen, unterbezahlten Medienwissenschaftspraktikanten "recherchiert" und vorgekaut. Immerhin das fällt jetzt weg: Wie soll der Moderator noch moderieren, ich suche die Videos ja selber aus.

Ignorieren wir jetzt den Teil der Videos, die die vor verschiedenen Kulissen auf- und abhopsenden Bands zeigen (Gähn!) und den Teil, in dem singende und tanzende Bikinifrauen 150 Jahre Emanzipation in die Tonne kloppen und ihren Zuschauerinnen ne schöne Körperschemastörung verpassen. Nein, in unserem Internet-Utopia sind alle Videos knorke!



Prima Kurzfilme renommierter Regisseure! Irgendwoher nehmen die pirateriegebeutelten Plattenfirmen und Bands die Kohle, für jede der tausenden Musikrichtungen, aus denen ihre User jetzt wählen können sollen, einen Haufen geile Videos produzieren zu lassen. Während ich vor Lachen nach Luft ringe, fliegt in dieser hypothetischen Welt ein gebratenes Schwein vor meinem Fenster vorbei und ich verliere komplett den Faden. Hoppla.

Aber aber, was höre ich, es werden ja nicht nur Videos gesendet? Richtig! Es kommen auch Nachrichten! Es gibt Menschen, die denken, es hänge irgendwas davon ab, dass die Musik, die sie hören, gerade frisch rausgekommen ist. Das ist falsch. Die Liste der Dinge, über deren Erscheinen man sofort informiert werden sollte, ist kurz: Hochwasser, Orkan, Pest und Krieg. Von einer neuen Platte erst abends im Club zu erfahren ist dagegen voll okay. Was können sie noch senden? Ende Januar auf MTV: Amy gründet ein Plattenlabel, Rihanna ein Modelabel, Mariah macht nen Film.



VIVA? Der ultimative Dschungel-Song, Berlin sei das neue Hollywood und „gewinne einen Praktikumsplatz bei REWE". Diese Nachrichten werden in Zukunft natürlich auf meinen Geschmack zugeschnitten, also kann ich langweiligen Scheiß über Leute erfahren, deren Musik ich gut finde, und mir damit die Musik versauen. Musiker ist, wie Fußballer oder Kronprinz, kein Beruf, der so interessant ist, dass man über seine Inhaber permanent auf dem Laufenden gehalten werden muss. Da kucke ich lieber ne richtige Soap, da gibt's Inzest.

Aber ist es nicht doch irgendwie ein Mehrwert? Musikfernsehen versetzt den User doch in die erfreuliche Lage, sich nicht nur Musik anhören zu können, sondern dazu bewegte Bilder zu sehen! Das ist leider falsch. Normalerweise liest man beim Musikhören Nachrichten oder schreibt Mails, oder man kauft irgendwas. Das wurde uns als technischer Fortschritt verkauft. Man sitzt da, hört seine Lieblingsmusik und liest Zeitung oder kauft irgendwas. Toll!

Musikfernsehen bringt das durcheinander, denn all diese Tätigkeiten haben eines gemeinsam: man braucht dazu seine Augen! Nicht die Ohren, die Augen aber ziemlich. Folglich passt Musik prima zum Internet, Videos sind aber bescheuert. Musikfernsehen im Internet anzubieten beruht auf der Annahme, dass ein Haufen Leute sich nachmittags schön hinsetzt und ne Stunde Musikvideos kuckt. Man kann nur hoffen, dass es diese Leute nicht mehr gibt.



Denn so sieht der Musikfernsehfunktionär die Zukunft: Der Musikfernsehkonsument sitzt zuhause. Allein. Er glotzt und hört und glotzt und hört. Hunderttausende sitzen weggetreten vor den Laptops und lassen sich mit stupiden Billigvideos berieseln, vielleicht mit einem kleinen VIVA-Lätzchen, damit man sich beim Vor-sich-hin-Sabbern nicht einsaut.

Zwischendurch kuckt man eine schöne Datingshow, lädt sich sein Horoskop runter oder kauft den Song zum Big Brother-Weihnachtsspecial. Durch die Migration ins Internet ist das Angebot breiter, die Technik intelligenter, aber der User ist immer noch doof, und der Zwang, möglichst viel beschissenen Content für möglichst wenig Geld zu produzieren wird nur größer.

Und der Vorteil des Fernsehens, in der Schule über die Videos quatschen zu können, ist jetzt weg, weil die Auswahl so groß ist, dass nur zwei Typen in Australien und einer in einem Kibbuz an der libanesischen Grenze meinen Geschmack teilen.

Musikfernsehen im Internet ist eine aufregende neue Lösung fürs alleine aufm Sofa sitzen, während sich ein Strom Scheiße durch die DSL-Leitung quetscht und in deinem Gehirn ablagert. Wie immer im Web 2.0 gilt: man kann das machen, aber es ist Quark. Tatsache: Wer Musikfernsehen glotzt, ist ein Loser.