Wer ist der Mann, der vor dem Amara an der Kajo auf dem Smartphone herumtippt?

Fabian Thomas

Wer ist eigentlich der Typ, der vor dem Amara in der Kajo sitzt? fudder-Autor Fabian Thomas hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht. Ein Anruf bei Inhaber Eylem Gül brachte schließlich Klarheit – und eine Überraschung.

Wer ist der Mann? Er sitzt in der Kajo, genauer gesagt vor der Adresse An der Mehlwaage 2. Seit dort die Dönerbude Amara eröffnet hat, sitzt er auf einem Stuhl. Schaut auf sein Handy. Er trägt blaue Jeans und ein weißes Shirt. Manchmal hängt er schief auf seinem Stuhl. Er sagt nichts. Er bewegt sich nicht. Vermutlich haben ihn schon einige hetzende Passanten angerempelt. Schaut man näher, sieht man die bunten Noten auf seinem Handydisplay. Hört er Musik? Chillt er sein Leben? Oder vergisst er zu leben während er sich in den vier Zoll seines Handys verliert?


Ist er smartphone-süchtig?

Es gibt zwei mögliche Interpretationen: Die eine lautet, der Amara-Mann ist smartphone-süchtig. Seine müden Augenlider verraten es: Viel zu lange starrt der Amara-Mann auf sein Handy. Aber er hört nicht auf. Er kann nicht. Seine Finger tippen immer weiter. Auch wenn er sich schon 101 Mal gesagt hat "Jetzt reicht’s!" – er kann das Handy einfach nicht weglegen. Was gibt es neues auf Facebook? Dabei sitzt er mitten in der Kajo, wo es so viel zu sehen gibt: Doch selbst beim Christopher Street Day im Juni saß er so da, die Beine überschlagen und schaute auf sein Handy. Instagram, Twitter, Jodel. Der Amara-Mann ist eine Warnung. Leute, zu viel Handy ist nicht gut für euch. Es macht ein bisschen einsam. Früher hat man sich noch öfters unterhalten im Zug, im Café, auf der Straße.

Oder nur ein Kulturkritiker?

Ist der Amara-Mann gar keine Warnung, sondern ein gutes Beispiel? Ein Zeichen für Langsamkeit in einer Welt, die immer schneller wird? Er sitzt ruhig da, während alle an ihm vorbei rennen. Er ist nicht müde, sondern entspannt. Er lacht die Passanten sogar ein bisschen aus. Wie sie zur Straßenbahn rennen, und sie dann doch verpassen. Wie sie von Geschäft zu Geschäft eilen, Weihnachtsgeschenke kaufen. "Mensch, das ist doch das Fest der Liebe", denkt er sich. "Wovor rennt ihr davon? Macht doch mal den Autopiloten aus. Bleibt kurz stehen, wo ihr seid. Wenn ihr ehrlich seid, ist das alles gar nicht so wichtig. Oder setzt euch doch mal zu mir. Lehnt euch zurück. Trinkt einen Cay."

Ein Anruf beim Chef bringt Klarheit

Ein Anruf bei Eylem Gül, dem Inhaber von Amara. Was ist denn jetzt die Geschichte hinter dem Amara-Mann? "Der Amara-Mann", sagt Gül, "heißt eigentlich Ibo". Ibo ist kurz für Ibrahim, und Ibrahim heißt Eylem Güls Vater. "Die Idee für Ibo ist eigentlich bei einem Kaffeeklatsch mit einer Bekannten entstanden", erzählt Gül. Diese Bekannte heißt Daniela Häbig und sie ist freischaffende Künstlerin. Sie war oft zu Gast in der Amara-Filiale in der Engelbergerstraße 37. Dort saß auch oft Ibrahim, der Eylem Güls Vater. "Mein Vater saß in der Ecke und hat mit dem Handy gespielt oder Zeitung gelesen". Fast immer wenn Daniela Häbig zu Gast war, war auch Ibrahim da. Irgendwann meinte Häbig zu Gül, "Dein Vater gehört einfach zu Amara dazu". Fast wie Inventar. Die Freiburger Künstlerin, die auch Kurse zum Nanas-bauen gibt, sorgte dafür, dass Güls Vater tatsächlich Inventar wurde: Sie stellte die Ibo-Plastik her, die zunächst in der Engelbergertraße, und mit Eröffnung der Filiale in der Kajo nun dort sitzt. "Er ist ein Kunstobjekt", meint Gül über Ibo. "Jeder sieht etwas anderes in ihm."
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Ibo bekommt einen Bruder

Ein Tag später ein weiteres Telefonat mit Eylem Gül. Er erzählt, dass sich am Tag zuvor die Künstlerin Daniela Häbig bei ihm gemeldet habe. Ibo soll einen Bruder bekommen. Daniela Häbig hat ihn an jenem Tag fertig gestellt. Er sieht deutlich entspannter als Ibo aus, lehnt sich lässig mit einem Longboard an die Wand. Ibo und sein neuer Bruder sollen zwischen der Engelbergerstraße und der Kaiser-Joseph-Straße immer wieder umziehen. Weitere Plastiken können folgen.

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