Wer hat das längere?

Lilian Kaliner

Lilian schaut fast ein wenig genervt drein. Vielleicht wegen dem seltsamen Wettstreit auf ihrer Farm: Patricks Schweizer Taschenmesser gegen das "Leatherman" des Farmers. Aufklappen, Diskutieren, Wiegen, Holzsägen auf Zeit. Das Taschenmesser lag mit einem Korkenzieher und dem geringeren Gewicht vorne. Gegen das amerikanische Multitool (25 Jahre Garantie!) bestand es dennoch nicht.

Patrick sah tagelang betrübt zu, wie unser Farmer jedes Problem mit seiner tollen Leathermanzange löste. Plötzlich war er gar nicht mehr so gut auf sein Schweizer Taschenmesser zu sprechen. Ich versprach, ihm eines zu Weihnachten zu schenken. Doch der männliche Ehrgeiz machte mir einen Strich durch die Rechnung. Unser Farmer lief, um Patrick zu foppen, nur noch mit seinem Leatherman in der Hand durch die Scheune. Patrick packte grimmig das Taschenmesser in die Schublade.


Ein Leatherman musste her. Möglichst besser und toller als das unseres Farmers. Im tollen „Young Cherry City Disposal“, einem Fachladen für Männerspielzeug, kauften wir für 200 Dollar das beste verfügbare Leatherman. 25 Jahre Garantie für jedes Extra an diesem Werkzeug. Soll ich den Kassenzettel wirklich 25 Jahre lang aufheben?

Einen Tag später bot sich uns das Bild eines überglücklichen Patricks und eines etwas betrübten Farmers. Patricks Leatherman war in Größe und Ausstattung nun die Nummer eins im Camp. Ohne Frage ein Angriff auf die männliche Ehre. Patricks Frau kündigte für Weihnachten ein besseres Modell an. Wer glaubt, nun sei endlich Ruhe eingekehrt, liegt falsch. Gestern kam Jack, der Neffe des Farmers, mit seinem brandneuen Leatherman an. Sein erster Farmlohn ist dafür draufgegangen.

Es ist zwar nicht die größere, aber dafür die teurere Version. Nun werden bei der Arbeit ständig die Leathermans gezückt. Nicht eine Kiste oder Verpackung darf mit den dafür vorgesehenen alten Messern geöffnet werden, dafür braucht man jetzt ein Multitool.

Mein Vater, selbst Besitzer eines Leathermans, war ganz stolz, als er von Patricks neuem, bestem Freund erfuhr.

Neben all den männlichen Spielereien kann man hier eine erstaunliche Arbeitsmoral feststellen. Die Kirschernte ist in vollem Gange, wir verpacken jeden Tag unzählige Paletten. Da lernt man auch gleich, dass Kirsche nicht gleich Kirsche ist. Wir ernten im Laufe der Saison an die fünfzehn verschiedene Sorten.

Manche schmecken, manche nicht. Andere sind groß, wieder andere sehen aus wie kleine Herzen. Das halbe Camp hat Durchfall wegen übertriebenem Kirschverzehr.

Neben der Arbeit haben wir Picker und Packer viel Spaß in unserem ständig wachsenden Camp: BBQ und gemeinsames Rugby schauen, Sushimachen, Schwimmausflüge im kleinen Grundwasserdamm der Farm und Pokernächte. Unsere Tasmanischen Nachbarn haben ein Kinderplanschbecken. Es ist von allen, auch von den Farmhunden, gut besucht.

Die ersten neuen Freunde sind inzwischen weiter gezogen. In der nächsten Woche gibt’s hier einen großen Wechsel. Picker und Packer setzen ihre Reisen durch Australien fort, neue Reisende werden ihre Plätze einnehmen. Nur Patrick und ich werden vom ersten bis zum letzten Tag bleiben. Das war seine Bedingung für den Supervisorposten. Immerhin verdienen wir gutes Geld, das wir für die weitere Reise brauchen. Wir werden Anfang 2007 unsere hier kennengelernten Freunde in Tasmanien besuchen.

Mit dem Van soll’s auf die Fähre gehen, dann rüber. Tasmanien ist angeblich nicht ganz so heiß. Wir haben hier schon seit Wochen über dreißig Grad, die Vierziggradgrenze soll bald schon überschritten sein. Kirschen und Sonne zu Weihnachten, eine ganz neue Erfahrung.