Wenn Schmerz Schmerz lindert: Lilly Lindner im Jos Fritz Café

Jens Grosskreuz

Mit sechs vergewaltigte sie ihr Nachbar, mit 17 folgte eine Tortur in einer Sadistenwohnung, mit 21 arbeitete sie sich in einem Edel-Bordell: die Berliner Autorin Lilly Lindner. Am Donnerstag las sie im Jos Fritz Café aus ihrem neuen Buch "Splitterfasernackt"vor und lieferte dazu eine intensive Performance:



Ursprünglich ist ein Interview geplant, doch nach ihrer Darbietung entschuldigte sie sich für ihr Unvermögen, Publikumsfragen beantworten zu können: "Ich hasse Interviews." Sie sei am Ende ihrer Kräfte. Dieses zierliche Figürchen mit den rabenschwarzen Haaren, den geflochtenen Schulmädchen-Zöpfen steht vor dem Mikrofon, und es sprudelt nur so aus ihr heraus.


Man muss genau hinhören, doch was sie sagt, geht schnell unter die Haut, unter ihre rasierklingenversehrte Haut. Scharfe Sentenzen wie "Das Gegenteil von Widerstand ist Gegenstand" gehen Hand in Hand mit ehrlicher Sehnsucht nach Schönheit, Geborgenheit und Liebe im Rest der Ruine ihres bisherigen Daseins.

Sie spricht frei, ohne abzulesen, alles aus dunklen Kammern ihrer gezeichneten Seele. "Denn wenn wir es schaffen, jeden noch so unwichtigen Teil von uns zu peinigen, wenn wir uns all das antun, was wir gelernt haben zu ertragen und noch mehr, dann dürfen wir uns sicher sein, dass uns sonst niemand etwas anhaben kann." Ein schmerzvoller Akt ist besser als tödliches Schweigen.

Die Vorstellung der Passagen aus ihren Büchern werden kunstvoll mit geringen Mitteln in Szene gesetzt. Ihr Begleiter, der Schauspieler Oliver Neitzel, steht im pechschwarzen Dreireiher stets hinter ihr und besorgt nicht nur musikalische Einspielungen. Jetzt schmeißt Lindner hunderte von Notizblättern und Schnipsel ins Publikum, als müsse sie sich endlich von ihrer "schändlichen" Vergangenheit befreien. Sie schreibt sich frei. Placebo tönt aus den Boxen: "Song to say goodbye."



Schluss mit dem Schweigen, ein derartiges Bekenntnis braucht Raum und Zeit: Sie erzählt vornehmlich von Mädchen, jungen Frauen, diesen "seltsamen Wesen", die knallhart um perfekte Schönheit konkurrieren, Minderwertigkeiten durch Frechheit kompensieren. Sie stellt sich und gleichzeitig dem Publikum Fragen wie "Warum hungern wir?". Sie antwortet stolz: "Weil wir es können." Lindner nennt diese verquere Art zu denken: "Selbstverfehlungsintelligenz."

Der ihr schon in jungen Jahren angetane Sadismus hängt stark mit dem Masochismus zusammen, der Lindner fast in den Selbstmord treibt. Sie spaltet sich ab ("denn wenn man in dem abgeschotteten Teil seines Kopfes ist, kann man Dinge überleben"), ritzt sich, quält ihren Körper bis zur Ohnmacht, gibt sich verschwitzen Männern hin. Eine fast undurchschaubare Art von Schutzmechanismus und Autoaggression. Sie resümiert: "Ich wusste, dass ich nie wieder bedeckt sein werde." Alles in Splittern und Fasern – splitterfasernackt eben.

Nachdem Ausstieg aus der Prostitution schreibt sie sich frei, versucht es zumindest. Mit dem nochmaligen Durchleben lindert sie ihren Schmerz durch Schmerz.

Sie schmeißt blutrote Wollknäuel durch die Luft, verknüpft in Windeseile das Publikum miteinander. Alle sitzen im selben Karussell. An dieser blutroten Umgarnung will sie ihre abschließende Frage anknüpfen, das Ziel ihres leisen Aufschreis: Habt Courage!



"Wer von euch weiß, wie groß der Schmerz ist, der einen verschluckt?", ist ihre letzte Frage. Sie bittet diejenigen, die die Antwort zu kennen glauben, aufzustehen. Einzelne Betroffene fassen sich ein Herz. Stille. So paradox Lilly Lindners Vergangenheit ist, so ist auch der letzte Eindruck: Alle schweigen, aber nicht weil sie nichts zu sagen hätten, sondern weil endlich jemand zuhört.

Lindner hüstelt, ist außer Atem, sichtlich mitgenommen, kurz vor der Auflösung. Mit Wortgewalt und bitterer Lebenslust stemmt diese kleine Großstadtpflanze das große Thema Gewalt, die sich Menschen, besonders junge Mädchen und Jungen, antun und antun lassen. Eine unfassbar couragierte junge Frau ohne Maske, die sich mit Hilfe von Poesie, den übriggebliebenen Rest ihres Lebens rettete und rettet.

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