Wenn Papa zu viel Schnaps trinkt und Mama Stimmen hört: MAKS hilft Kindern von Alkohol- und psychisch Kranken

Verena Hölzl & Luc Sorgius

Fast jedes sechste Kind in Deutschland lebt mit Eltern zusammen, die suchtkrank sind. Fast ein Drittel von ihnen wird später selbst süchtig. Damit es soweit nicht kommt, hilft in der Kartäuserstraße die Einrichtung MAKS diesen Kindern – auch wenn Mama oder Papa eine psychische Krankheit haben.



Am schlimmsten war es, als der Vater zum Penner wurde. Er lungerte dann auch in der Straße herum, in der Melinda mit ihrer Mutter wohnt. Mal betrunken und mal auch nicht. Einmal stand er vor der Tür. Melindas Mutter hat ihm dann einen warmen Mantel gegeben und ihn wieder weggeschickt. „Du hast hier nichts zu suchen“, hat sie zu ihm gesagt. Melindas Vater ist Alkoholiker.


Melindas Mutter Barbara wirkt abgeklärt, wenn sie so etwas erzählt. Das ist ihre Strategie, mit der Situation umzugehen. Der Mann, den sie während des Studiums kennenlernte und mit dem sie auf Partys an der Uni auch mal über die Stränge geschlagen hat, konnte nicht vom Alkohol lassen. Daran änderte auch das gemeinsame Kind nichts, das Anfang der Nullerjahre auf die Welt kam. Heute lebt Barbara getrennt von Melindas Vater.

Melindas Großvater hat sich zu Tode getrunken. Das Mädchen plagt die Angst, dass ihr Papa auch einmal am Alkohol sterben könnte. Während Wissenschaftler sich uneins sind, ob es tatsächlich eine Veranlagung für Trinksucht gibt, weiß man inzwischen: Bei Kindern aus alkoholkranken Familien ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie selbst in die Sucht rutschen. Mehr als 30 Prozent von ihnen werden selbst krank. Auch Melinda trägt ein höheres Risiko in sich als andere Menschen.

Hilfe für "Vergessene Kinder"

Barbara, promovierte Wissenschaftlerin, weiß das. Sie hat nach Hilfe für Melinda gesucht – und sie beim Freiburger Modellprojekt Arbeit mit Kindern von Suchtkranken (MAKS) gefunden. MAKS ist eine ambulante Einrichtung, die Kindern von süchtigen oder psychisch kranken Eltern einen Ort bietet, an dem sie wirklich Kind sein dürfen. In dem Häuschen, das in der Kartäuserstraße auf einem weitläufigen schattig-grünen Grundstück steht, sind sie die Hauptpersonen. Bei der Therapie kranker Erwachsener denkt häufig niemand daran, dass diese Menschen auch Eltern sein können und ihre Kinder Hilfe benötigen. „Vergessene Kinder“ nennt MAKS-Leiterin Helga Dilger ihre Schützlinge. Kinder mit einem erhöhten Risiko selbst krank zu werden. Und Kinder, die unter schwierigen Bedingungen groß werden müssen. So wie Melinda.



Bei MAKS finden Kinder wie sie in Gruppenstunden Gehör für ihre Sorgen und Nöte. Wer in jungen Jahren lernt, mit Problemen umzugehen, anstatt sie beiseite zu schieben, wird im Erwachsenenalter seltener süchtig, so die Hoffnung von MAKS.

Die Kinder und Jugendlichen, die in der Einrichtung begleitet werden, kommen aus sehr unterschiedlichen Familiensituationen. „Bei den einen hängt die Mutter an der Nadel, bei anderen gibt es ab und an Depressionsschübe und wieder andere werden in unauffälligen Familien groß, die scheinbar unabhängig vom kranken Elternteil funktionieren“, so Helga Dilger.

Eines haben alle gemeinsam: Sie brauchen Hilfe, um zu verstehen und zu verarbeiten, was in ihrer Familie passiert. Darf ich meine Mama liebhaben, obwohl sie manchmal komisch ist? Bin ich schuld, dass es Papa schlecht geht? Was heißt eigentlich verrückt? Wieso ist Mama manchmal so anders? Und wieso bloß vergisst sie meinen Geburtstag? All das sind Fragen, die MAKS-Kinder beschäftigen.

Auch Schwangere mit Suchtproblemen finden in der Kartäuserstraße eine Anlaufstelle. Die ältesten Kinder bei MAKS sind Jugendliche in der späten Pubertät. Zehn altersmäßig gestaffelte Gruppen betreuen Helga Dilger und ihre drei Mitarbeiterinnen. Je nach dem, wie gravierend die Familiensituation ist, helfen die Mitarbeiterinnen von MAKS auch bei ganz lebenspraktischen Dingen wie Behördengängen. Und wenn die Mama zum Beispiel das mit der ersten Liebe nicht erklären kann, dann springt schon mal die Sozialpädagogin ein.

Melinda kommt seit einem dreiviertel Jahr einmal wöchentlich in die Gruppenstunde. Im Sommer wird sie mit ihren neuen Freunden von MAKS auch in die Ferienfreizeit (Bild unten) fahren. Bei MAKS hat sie nicht nur Freunde gefunden, mit denen sie bäckt, näht oder wandert. Sie hat auch erfahren, dass es anderen Kindern genauso geht wie ihr. „Mama, weißt du was? Bei anderen ist´s noch viel schlimmer als bei uns“, sagt sie manchmal zu ihrer Mutter Barbara. Die muss über den Vergleich ein wenig schmunzeln.



Wenn die Sucht so schlimm ist, dass das Kind unwichtig wird

Schmunzeln kann inzwischen auch Antje wieder. Wenn sie mit Tochter Sabrina an dem Polizeirevier in einer Freiburger Umlandgemeinde vorbeifährt, ist das Mädchen im Grundschulalter jedes Mal ganz stolz. „Da war ich schon!“ ruft sie dann. Weniger stolz darauf ist ihre Mutter. Als Antje letztes Jahr sturzbetrunken im Auto unterwegs war, wurde sie von der Polizei aufgehalten und mitgenommen. Sabrina war dabei. Nach Krisensituationen wie diesen kam mit der Nüchternheit das schlechte Gewissen, das Antje direkt wieder mit Alkohol betäuben musste. Ein Teufelskreis. Die Autofahrt war der endgültige Wendepunkt. Danach ist sie mit der Tochter in eine Therapieklinik gegangen. Die beiden haben schon eine Menge miteinander erlebt. Mit Sabrina schwanger wurde sie auch schon in einer Entzugsklinik. Sabrinas heißgeliebter Vater ist ebenfalls alkoholabhängig.

Mit 13 kam Antje zum Alkohol, mit 25 folgten Heroin und Koks. Ihre Mutter und Geschwister haben ebenfalls Probleme mit dem Alkohol, sie ist bei einer Pflegefamilie groß geworden. Von den Drogen hat sie schon länger gelassen. Im vergangenen Jahr erlitt sie dann einen Rückfall in die Alkoholkrankheit. „Das Kind spielt irgendwann gar keine Rolle mehr,“ beschreibt sie ihre Sucht. „Und die Abstinenzfrage soll nicht vom Kind abhängen.“ Es klingt nach Therapie-Sprech, den sie sich zueigen gemacht hat. Ob sie Alkohol trinkt oder nicht, entscheidet sie jedes Jahr an Silvester. Kleine Schritte eben. Alles andere würde sie überfordern. Kleine Schritte macht auch Tochter Sabrina. Die Fragen, die sie zu der Zeit hat, in der „die Mama so komisch war“, werden weniger, seitdem sie regelmäßig zu MAKS kommt.

Die meisten Eltern und Kinder kommen freiwillig zu MAKS. Andere werden vom Jugendamt geschickt. „In Einzelfällen steht auch mal ein Kind ohne Mama oder Papa vor der Tür“, sagt Helga Dilger. „Außerdem sind wir hier eine Anlaufstelle fürs Fachpublikum.“ Denn wie mit Kindern umzugehen ist, deren Eltern krank sind, wissen selbst Profis manchmal nicht.

Auch Helga Dilger hatte in den Anfängen des Projekts MAKS wenig Erfahrung im Umgang mit Suchtkranken. „Eine Gruppe Kinder begeistern, das konnte ich“, sagt sie. Aber mit suchtkranken Eltern musste sie erst umgehen lernen. Wenn etwa Mütter nicht zum vereinbarten Zeitpunkt auftauchten, hat sie lange Zeit erstmal den Fehler bei sich gesucht. Wenn man sie heute erlebt, ist das kaum vorstellbar. Die Frau mit den fixierenden dunklen Augen ist eine Freundin klarer Worte. Und sie weiß, was sie will. Von sich und anderen. Fürsprecherin für die Kinder sein, an die sonst niemand denken würde, das sei ihr das Wichtigste. Und dabei parteilich fürs Kind sein. Man kann sie sich gut in ihrer Rolle vorstellen.

„Eltern, die zu uns kommen, tun das, weil sie trotz ihrer Probleme gute Eltern sein möchten“, sagt Helga Dilger. Wenn eine Situation einem trotzdem mal nahegeht, sei es wichtig ein Team um sich zu haben, mit dem man sich austauschen kann.

Liebe und Distanz zur psychisch kranken Mutter

Seit 2008 kümmert sich MAKS auch um die Kinder psychisch kranker Eltern. So wie Leila und Iris. Ihr besorgter Vater hat sie vor einem halben Jahr gebeten, doch mal in die Gruppenstunde zu gehen. Seitdem sind sie von den gemeinsamen Unternehmungen bei MAKS hellauf begeistert. Nicht nur der Vater (Bild unten) sorgt sich um sie, auch die Mutter kümmert sich aufopferungsvoll. Doch sie ist krank, hat eine paranoide Schizophrenie. In Phasen, in denen die psychische Krankheit Besitz von ihr ergreift, sieht die Mutter in Leila und Iris auch mal Feinde, die sie aushorchen wollen. Der Fernseher wird abgedeckt, der Telefonstecker gezogen und die Fenster verdunkelt. Dass auch die Umwelt von den Anfällen der Mutter mitbekommt, ist unvermeidlich. Die beiden Kinder haben es schwer: Sie müssen gleichzeitig mit Liebe und Distanz zur Mutter klarkommen.



MAKS gibt es inzwischen seit 23 Jahren. Viele Kinder sind seither mit Unterstützung aus der Kartäuserstraße groß geworden. Für diejenigen, die aus dem MAKS-Alter herausgewachsen sind, soll demnächst eine Selbsthilfegruppe etabliert werden. Denn auch erwachsene Kinder von alkohol- und psychischkranken Eltern brauchen oft noch Unterstützung. „Oft holt einen die Familiensituation dann erst recht ein, wenn man selbst Kinder bekommt und alles richtig machen möchte“, sagt MAKS-Therapeutin Patrizia Covini.

Eines der ehemals betreuten Kinder ist Helga Dilger besonders in Erinnerung geblieben. Vor vielen Jahren stand ein Mädchen vor der Tür von MAKS. Der Vater hatte ihr versprochen sie von der alkoholkranken Mutter wegzuholen. Er hat sein Versprechen nie eingelöst. Mit Unterstützung von MAKS hat sie den Realschulabschluss geschafft. Heute arbeitet sie selbst als Erzieherin. Wenn MAKS in zwei Jahren seinen 25. Geburtstag feiert, dann wünscht sie sich, eine Rede halten zu dürfen. Das weiß sie schon jetzt.

Auch Melindas Vater hat sich einst etwas gewünscht. Er war überzeugt, dass es ein Gen gibt, das die Alkoholsucht an männliche Nachkommen weitervererbt. Vor Melindas Geburt war deshalb sein größter Wunsch: Hoffentlich wird es ein Mädchen. Melinda ist ein Mädchen. Ein MAKS-Mädchen.

[Alle im Text vorkommenden Namen von MAKS-Klienten wurden auf Wunsch der Interviewpartner geändert.]


 

MAKS

Das Modellprojekt Arbeit mit Kindern von Suchtkranken (MAKS) ist eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche von sucht- und psychisch kranken Eltern, deren Angehörige und interessiertes Fachpublikum. Auch betroffene Schwangere finden bei MAKS Hilfe. Die Einrichtung für Menschen aus Freiburg und Umgebung steht unter der Trägerschaft des AGJ-Fachverband für Prävention und Rehabilitation in der Erzdiözese Freiburg e.V..

MAKS finanziert sich und seine Mitarbeiterinnen über kommunale Gelder sowie Spenden. Auch längerfristige ehrenamtliche Mitarbeit und Unterstützung bei besonderen Aufgaben sind willkommen. „Wir sind momentan zum Beispiel auf der Suche nach jemandem, der sich für uns um ein neues Homepage-Layout kümmert“, sagt Leiterin Helga Dilger.



Modellprojekt Arbeit mit Kindern von Suchtkranken (MAKS)
Kartäuserstraße 77
79104 Freiburg
0761.33216
maks@agj-freiburg.de
Website: MAKS Freiburg

Die nächsten Informationsveranstaltungen für Fachpublikum, Betroffene und Interessierte:

Montag, 23. September 2013, 15 bis 17.30 Uhr
Mittwoch, 27. November 2013, 9.30 bis 12 Uhr

Die Autoren


Verena Hölzl
(Text) und Luc Sorgius (Audio-Galerie) studieren am Frankreich-Zentrum der Albert-Ludwigs-Universität. Diese Multimedia-Reportage ist entstanden im Rahmen eines Seminars über Online-Journalismus

 

Mehr dazu:

[Fotos: 1 & 3 Maks; Rest: Verena Hölzl]