"Wenn man Sex kaufen kann, wieso nicht auch Doktorarbeiten?": Interview mit einem Ghostwriter

Fabienne Hurst

Seit vier Jahren ist Christian (Name geändert) Ghostwriter im akademischen Bereich. Nach seiner eigenen Promotion im Fach Philosophie findet er keine Anstellung – zu hoch qualifiziert. Über eine Agentur kommt er zum Ghostwriting – und liebt es. Fabienne Hurst hat mit ihm gesprochen.



fudder: Sie schreiben als Ghostwriter Doktorarbeiten für andere. Wie funktioniert das?

Chris: Ich bekomme ein Thema gesagt, zum Beispiel: Barockmusik. Dann überlege ich mir, was ich daran interessant finde und denke mir eine Fragestellung aus. Die wird dann mit dem Klienten per Mail abgesprochen –  da meine Auftraggeber weitgehend intellektuell ambitionslos sind, gehen eigentlich alle meine Vorschläge durch.

Was wissen Sie über Ihre Klienten?

Ich kenne weder sie noch die Uni noch den Doktorvater. Die meisten Klienten stehen mitten im Berufsleben, verdienen gut und sind entweder in verantwortlicher Position tätig und wollen die Welt damit beeindrucken, dass sie feierabends promovieren. Den anderen geht es um den nächsten Schritt auf der Karriereleiter –  was nur mit einem Doktortitel geht. Der Preis zwischen 10.000 und 20.000 Euro ist für diese Leute wie geschenkt.

Haben Sie ein schlechtes Gewissen, weil Sie diesen Betrug ermöglichen?

Nein. Manchmal tut es mir leid, wenn ich Mails von Klienten weitergeleitet bekomme und sehe, was das für intellektuelle Nieten sind. Darin wimmelt es vor Rechtschreibfehlern. Diese Leute sind nicht in der Lage, Rückmeldungen von den Professoren auch nur halbwegs präzise zu formulieren. Ihnen fehlt nicht nur die Begeisterung fürs Denken, sondern auch die Fähigkeit dazu.

Und zugleich weiß ich, dass die Leute, die sich die Arbeiten kaufen, meistens mit stolzer Brust erzählen, dass sie Doktor sind. Das finde ich unappetitlich. Es tut mir leid, weil ich die Welt eigentlich vor solchen Leuten verschonen würde.

Stattdessen werden durch Ihre Hilfe Angeber noch unerträglicher und Reiche noch reicher.

Ich habe während des Studiums mein Geld mit Nachhilfe verdient. Und wo war ich? In den reichsten Vierteln der Stadt. Ja, das ist ungerecht. Aber so ist unsere Gesellschaft. Man kann mir vorwerfen, dass ich sie ungerecht halte, und irgendwie stimmt das auch. Aber ich bin doch nur ein kleines Rädchen in diesem System. Im Kapitalismus ist alles käuflich. Wenn man Sex und Menschen kaufen kann, warum soll man nicht Doktorarbeiten kaufen können?

Wie kann es sein, dass eine Uni den Betrug nicht bemerkt?

Das frage ich mich manchmal auch: Man merkt doch am Stil, an den Quellen, an der Intellektualität, dass das jemand geschrieben hat, der schon promoviert hat. Ich schreibe mit einer ganz anderen Souveränität. Aber ich glaube, dass die Betreuungsverhältnisse an den Hochschulen dafür verantwortlich sind, dass der Ghostwritermarkt so groß ist. Und das ist tatsächlich einer der Gründe dafür, warum ich das vollkommen ohne moralische Bedenken tue. Wenn die Uni Wert darauf legen würde, dass es gute Betreuung gibt, dann würde es auch meinen Job nicht geben.

Ist es strafbar, Sie anzuheuern?

In den meisten Fällen führt ein aufgedeckter Fall von Ghostwriting nicht zu einer strafrechtlichen Verfolgung. Das soll sich in Zukunft ändern, das finde ich auch gut: Unibetrug ist keine Lappalie.

Aber Sie profitieren immerhin von diesem Betrug.

Ich finde es tatsächlich nicht so widersprüchlich, wie es jetzt vielleicht klingt. Natürlich profitiere ich von dieser aktuellen Grauzone und davon, dass meine Klienten etwas nicht Legales tun. Aber ich mache das nicht aus Überzeugung, weil ich will, dass die Welt von Straftätern überschwemmt wird. Die Idee dahinter ist tatsächlich sehr egoistisch auf eine gewisse Weise: Ich habe einfach Spaß an dieser Arbeit. Ich freue mich, dass es Menschen gibt, die mir das abkaufen.

Sie leisten eine intellektuell anspruchsvolle Arbeit, am Ende dient sie aber nur als Mittel zum Zweck in der Karriere anderer. Ist das nicht frustrierend?

Es ist eher ein Handwerk, eine Routine. Es ist aber schön, in einem Feld eine Qualifikationsarbeit geschrieben zu haben, in dem ich nie studiert habe. Ich eigne mir das alles neu an. Frustrierend finde ich es nicht: Bei meiner eigenen Arbeit bekam ich die Anerkennung, jetzt bekomme ich eben Geld.

Sie schreiben 200 Seiten in drei Monaten, in den Fächern BWL, Theologie, Politik, Musik, Kunst, Geschichte. Wie arbeiten Sie sich so schnell in ein Fach ein, das Sie nicht studiert haben?

Am wichtigsten ist die Selbstdisziplin, und sich zu beschränken. Da ich nach Seiten bezahlt werde, kann ich es mir nicht leisten, mich in Büchern zu verlieren. Zuerst schaue ich, welche Literatur es schon zu dem Thema gibt. Dann überlege ich mir, welche Teile ich drin haben will, um diese Seiten dann auch zu füllen.

Die Forschungsfrage muss beantwortet, die 200 Seiten aber auch gefüllt werden. Dann überlege ich mir die Gliederung, dann wie lang die einzelnen Kapitel sein sollen und das berechne ich herunter bis auf die Ebene von zwei Seiten. Lesen und Schreiben ist ein Schritt: Exzerpieren kann ich mir nicht leisten.

Gibt es keinen erfüllenden Beruf außerhalb der Grauzone für Sie?

In dem Maße erfüllend, wie es mein derzeitiger Job tut, sicherlich nicht. Vielleicht bei einer intellektuellen Zeitschrift als Essayist. Aber das ist keine Tätigkeit, die ein Unbekannter wie ich so einfach ausüben kann. Ich will in Zukunft das akademische Coaching ausbauen. Da ich die Erfahrung mit dem Schreiben und den Themen habe, ergibt das Sinn. Dann spreche ich mit den Leuten über ihre Arbeit, Gliederungen, Zeitpläne. Das ist auch ein großer Markt, der allerdings noch nicht so erschlossen ist. Damit könnte ich aus der Grauzone heraus. Ich fände es aber schade, das Ghostwriting aufzugeben.

Ghostwriteragenturen

Kunde und Ghostwriter kommen meist durch Agenturen zusammen, von denen es in Deutschland rund eine Hand voll gibt. Die anonymen Schreiber verfassen Hausarbeiten, Studienabschlussarbeiten und Doktorarbeiten. Je nach Agentur und Verhandlungsgeschick kostet eine Seite zwischen 60 und 100 Euro, rund die Hälfte davon streichen die Vermittler ein.

Der Kunde macht sich dann strafbar, wenn er eine eidesstattliche Erklärung abgegeben hat, die Arbeit eigenständig und ohne fremde Hilfe verfasst zu haben. Außerdem riskiert er seine Exmatrikulation.

Es ist umstritten, ob auch Ghostwriter wegen Beihilfe zum Betrug belangt werden können; man spricht von einer rechtlichen Grauzone. Oft weisen Agenturen darauf hin, dass wissenschaftliche Arbeiten nur für Übungszwecke eingesetzt werden dürfen. Bei Preisen zwischen 10.000 und 20.000 Euro pro Arbeit dürfte das eher selten der Fall sein.

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[Bild: Fabienne Hurst]