Wenn junge Männer Make-up lieben

Laura Wolfert

Immer mehr Männer greifen zu Lippenstift, Lidschatten und Beautyblender, geben auf Youtube Schminktipps und werden von Kosmetikfirmen als Werbegesichter gebucht. Doch wie ist es, wenn man als Mann in Freiburg Make-up trägt?

Seine Wangen sind lilafarben gepudert, die Lippen grellrosafarben übermalt – doch dieser Mann ziert nur das Schaufenster eines Kosmetikgeschäfts in der Freiburger Kaiser-Joseph-Straße und wirbt für die amerikanische Make-up-Firma Mac. Davor steht Daniel Abazi. "Es ist selten, dass ich einen geschminkten Mann auf einem Plakat sehe", kommentiert der 21-jährige Freiburger die Werbung anerkennend. Das Licht der Reklame beleuchtet sein geschminktes Gesicht: Daniel hat seine vollen Lippen mit einem nudefarbenen Lipliner umrandet, auf den Wangen schimmert Rouge, seine Augenbrauen sind fein nachgezogen.


Promimänner? Alle geschminkt!

Pharrell Williams schwört auf Gel-Eyeliner, Jared Leto betont seine Augen mit dunklem Lidschatten, Johnny Depp trägt Kajal – wenn männliche Promis sich schminken, ist das normal. "Wenn Pharrell hier über die Kajo laufen würde, würde ihn niemand komisch anschauen, weil er sich schminkt", sagt Daniel.

Im Kosmetikgeschäft schlendert Daniel zwischen den Regalen umher, begutachtet Wimperntuschenbürstchen und Puderqualitäten, als eine Gruppe von fünf jungen Mädchen an ihm vorbeiläuft, sich noch einmal nach ihm umdreht, ihn von oben bis unten begutachtet – und dann laut kichert. Daniel ignoriert ihre Blicke geübt, streicht sich Lippenstifte in matten Rottönen dick auf den Handrücken und zieht farblich passende Lipliner aus dem bunten Sortiment. "Trotzdem ist das bis heute ein komisches Gefühl", sagt er. "Alle schauen mich, an, weil ich ein Mann bin." Um ihn herum leuchten Nagellacke und Lidschatten in knalligen Farben – Produkte, die für Frauen vermarktet werden. "Das finde ich schade", sagt er. "Make-up ist doch geschlechtslos!".

Daniel griff bereits im Grundschulalter das erste Mal in die Make-up-Tasche seiner Mutter. "Da habe ich schon Wimperntusche aufgetragen. Meine ältere Schwester hat mich auch mal geschminkt. Ich fand schon immer, dass das toll an mir aussah!" Als Daniel 2013 bei der RTL Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar" teilnimmt, trägt er das erste Mal Make-up in der Öffentlichkeit. Mitten im DSDS-Trubel, Daniel ist 16 Jahre alt, stirbt seine Schwester. "Sie war alles für mich", sagt er. "Es war verdammt schwer, mit ihrem Tod umzugehen."

Um sich abzulenken, schaut der Sänger Schmink-Tutorials auf YouTube. Heimlich kauft er sich seine erste eigene Wimperntusche. "Ich habe mich immer mehr dafür interessiert, habe viel ausprobiert und wurde immer besser", sagt er lächelnd und klimpert mit den jetzt langen Wimpern. Heute schminkt Daniel sich besser als die meisten seiner Freundinnen. In Teilzeit arbeitet er für eine amerikanische Make-up-Firma, berät Kundinnen und wirbt für die Marke in sozialen Medien. Dort sind geschminkte Männer immer häufiger anzutreffen. Im vergangenen Oktober buchte die US-amerikanische Kosmetikmarke "Covergirl" mit dem 17-jährigen Youtuber James Charles einen jungen Mann als Markenbotschafter. Und Maybelline hat in Deutschland den Youtuber Marvyn Macnificent für seine "Trendsquad" angeheuert.

"Schminken hat nichts mit dem Geschlecht zu tun" Markus, 20
Im Alltag ist das noch nicht unbedingt angekommen. "Männer, die sich schminken lassen wollen, sind bei uns absolute Ausnahme", sagt Tobias Kern, Geschäftsführer der seit 1899 geführten Freiburger Parfümerie Kern. Mehr männliche Kunden gäbe es trotzdem. "Männer sind viel pflegebewusster als früher", sagt er. "Sie lassen sich oft die Augenbrauen zupfen oder das Gesicht reinigen".

Wenn Markus (Name von der Redaktion geändert), durch die Freiburger Innenstadt läuft, erntet er mehr als nur abwertende Blicke. "Ich werde fast immer beleidigt", sagt der 20-Jährige. "Schwuchtel" rufen ihm Passanten hinterher, wenn er die Kaiser-Joseph-Straße entlangläuft. Markus ist, wie Daniel auch, schwul. Er fing mit 12 Jahren an, sich zu schminken, um Akne mit Camouflage-Make-up zu verdecken – das war vier Jahre vor seinem Coming-out.

Heute betont rotes Rouge seine zarten Gesichtszüge, eine enge Röhrenjeans schmiegt sich um seine schlanken Beine. Die Beleidigungen machen ihn wütend. "Man kann einen Menschen nicht als homosexuell beschimpfen, nur weil er sich schminkt", sagt er. "Das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun!"

Markus schminkt sich im Alltag dezent, zum Feiern intensiv

Markus macht eine Ausbildung zum Friseur und hat eine Schulung als Visagist abgeschlossen. "Da kamen auch Männer mit Frau und Kind zu mir, die es ästhetisch fanden, sich zu schminken", sagt er. "Ich kenne viele heterosexuelle Männer, die das Thema auch interessant finden".

Markus passt sein Make-up der Gelegenheit an, hält es bei der Arbeit bewusst dezent. "Wenn ich auf Partys gehe, schminke ich mich aber sehr auffällig, sehr Travestie. Damit möchte ich ein Statement setzen."

Wie soll sich ein Mann schminken, der nicht auffallen, aber sich wohler fühlen möchte? "Gesichtszüge betonen und Unebenheiten verdecken. Das fängt mit einer getönten Gesichtscreme an", rät Markus. "Männer, die im Fernsehen arbeiten, werden immer konturiert. Man kann auch maskulin schminken!"

"Maskulin" sieht der Mann mit den lilafarbenen Wangen im Fenster des Kosmetikgeschäfts in der Kajo hingegen nicht aus. Daniel verzieht die Augenbrauen, schüttelt den Kopf. "Das ist zu gekünstelt. Er hat sogar einen aufgemalten Schnurrbart. Männer, die sich schminken, müssen ja nicht gleich so aussehen", sagt er. "Schön ist, wer gepflegt ist und etwas aus sich macht – egal ob Mann oder Frau."
Diese drei Beauty-Boys zeigen Dir, wie’s richtig geht
Im Internet ist es für junge Männer einfacher, Make-up zu tragen, als auf der Straße – und nirgendwo kann man besser lernen, wie man sich richtig schminkt.
  • Tynan Sinks

    photo by @katie_levine_ face by @cerafass

    Ein von Tynan (@tynanbuck) gepostetes Foto am 15. Dez 2016 um 10:34 Uhr

    Als Beauty-Autor für US-Online-Portale mit meist weiblicher Zielgruppe hat Tynan Sinks das Glück, raue Mengen an Kosmetikprodukten zugeschickt zu bekommen. Mit denen kann er hervorragend umgehen: Niemand trägt seinen Highlighter so wunderschön auf wie Tynan. Worauf man bei ihm auch zählen kann: Hervorragende Parfumempfehlungen, immer perfekt gestylte Fingernägel und Tipps für die besten matten Lippenstifte.
    http://xovain.com/author/tynan
    http://instagram.com/tynanbuck
  • Ossi Glossy

    �shirt by @blackdope.clothing�

    Ein von OSSI.GLOSSY (@ossi.glossy) gepostetes Foto am 14. Dez 2016 um 9:04 Uhr

    Der 13-jährige Oskar wird von Social-Media-Stars wie Dagi Bee für seine Make-up-Techniken gefeiert. Dabei hat der Berliner erst seit September 2015 einen YouTube-Kanal – aber schon mehr als 243 000 Abonnenten. Neben Marvyn Macnificent ist er der prominenteste männliche Beauty-Youtuber in Deutschland, der Tipps an Mädchen und Jungs weitergibt, die sich für Make-up interessieren. Jeden Sonntag veröffentlicht Oskar ein neues Schmink-Tutorial. Und er ist nicht nur auf Youtube ein Star: Auch auf anderen Social-Media-Kanälen hat er tausende Fans und im Dezember moderierte er die Glow-Convention in Berlin. Sein Schmink-Tipp für Männer: Augenringe mit Concealer abdecken.
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