Wenn Jugendliche schwer krank sind: "Das kann es nicht gewesen sein"

Frank Zimmermann

Für Jugendliche, die an Krebs oder einer anderen schweren Krankheit erkranken, gibt es in den Kliniken oft wenig Ablenkung. Für die Klinikclowns fühlen sie sich zu alt, ebenso fürs Spielzimmer. In Freiburg hat der Verein "Element 3" 2008 ein Theaterprojekt für krebskranke und gesunde Jugendlichen entwickelt. Heute und an den kommenden beiden Abenden stehen gesunde und kranke Jugendliche im Theater Freiburg in "Station Leben" auf der Bühne. Frank Zimmermann hat mit drei Projektteilnehmern gesprochen.



"Es war eine lange, intensive und harte Zeit“, sagt  Franziska Wolf über ihr Leben mit der Krankheit. Bei der 15-Jährigen wurde 2004 die seltene Blutkrankheit aplastische Anämie diagnostiziert. Heute und an den kommenden beiden Abenden spielt sie am Theater in „Station Leben“ mit. Mit ihr auf der Bühne steht der gesunde 17-jährige Lion Russell Baumann, er spielt  einen krebskranken Jungen. Der an Leukämie erkrankte Manuel Veeser hat am Theater beim Vorgängerprojekt „Kennwort: Hoffnung“ mitgemacht. Das Trio erzählt von Erfahrungen mit einer Krankheit, die den Alltag auf den Kopf stellt, und davon, was ihm das Theaterspielen geben konnte.


Manuel Veeser



Der Schock kam langsam, erinnert sich Manuel Veeser an den Tag, als er vom Arzt erfuhr, dass er Leukämie hat.  Einmal war er vom Fußballspielen mit Fieber nach Hause gekommen. „Obwohl ich drei Lagen anhatte, war mir kalt.“ Ein anderes Mal mussten ihn die Eltern vom Fußballspielen abholen, „weil ich nicht mehr konnte.“ 2005 war das, Manuel war damals 15 Jahre alt.

Heute kann er – obwohl er mit dem Wort Gesundheit vorsichtig umgeht – sagen: „Ich bin gesund.“ Die Therapien haben angeschlagen. Schmerz,  Zweifel, Angst, Wut, Stimmungsschwankungen – das alles hat Manuel hinter sich gelassen. An den Tod habe er nur selten gedacht – erst später, im Rückblick: „Es war immer so viel los“, sagt er. „Ich habe mich aber auch nie so nah dran gefühlt.“ Er habe sich gesagt, dass es das nicht gewesen sein könne. „Ich wollte es schaffen. Ich wollte wieder klarkommen, wieder etwas mit Freunden machen, wieder in die Schule gehen, wieder Fußballspielen.“

Gegen den Ball treten kann Manuel, der die 13. Klasse des Walter-Eucken-Gymnasiums in der Wiehre besucht, allerdings heute noch nicht wieder, und vermutlich wird es mit dem Kicken auch nichts mehr werden. Die Medikamente haben seine Hüftknochen beschädigt, Manuel ist derzeit auf Krücken angewiesen. „Es ist eine Belastung, aber man lernt, mit den Dingern zu leben.“ Das Nächste, was er in Angriff nehmen will, ist,  „von den Krücken loszukommen“. Mit Physiotherapie und einer Hüftoperation soll dieser Plan Wirklichkeit werden.

Manuel hat während seiner  Krankheit ein neues Hobby entdeckt: das Theater. Eine Freundin gab ihm in der Freiburger Unikinderklinik einen Flyer des Theaters, auf dem für ein ungewöhnliches Projekt geworben wurde: Bei „Kennwort: Hoffnung“, einem auf den Erfahrungen der Jugendlichen basierendes Stück,  standen krebskranke und gesunde Jugendliche gemeinsam auf der Bühne. „Das Theaterspielen war für mich die Chance, aus dem Haus rauszukommen. Ich hatte eine Aufgabe und ein Ziel.“

Das Stück über das Mädchen Lisa, das die Diagnose Krebs erhält, hatte im Dezember 2008 am Theater Freiburg Premiere. Es  geht darin auch um die Reaktionen von Lisas Umwelt. Und  um die Mühe der Kranken, Freundschaften während monatelanger Krankenhausaufenthalte zu bewahren. Manuel weiß davon ein Lied zu singen: Er hat nur noch zu wenigen Freunden aus der Zeit vor der Krankheit Kontakt: „Ich  war ja lange nicht in der Schule und konnte nicht so viele Freundschaften pflegen. Sie haben sich verändert und ich habe mich verändert.“ Gerne erinnert er sich aber daran, wie er mit Kuchen und einem „wunderschönen Plakat“ von seinen Schulkameraden begrüßt wurde, als er in die Klasse zurückkehrte.

Theaterspielen war für Manuel aber nicht nur Ablenkung: „Man konnte Leute treffen und seine eigene Situation reflektieren.“  „Kennwort: Hoffnung“  enthielt Passagen, in denen er sich wiederfand, zum Beispiel, als nach der Behandlung das Essen zu Hause plötzlich  komisch schmeckte. Manuel hat auch Songtexte geschrieben. Ein Song wurde auch ins neue Stück „Station Leben“ eingebaut:  „Die Erde dreht sich weiter, ich bemerke sie nicht. Meine Freunde spielen heiter, ich bemerke sie nicht. Die  Krankheit versucht mich zu kriegen, ich halte durch, sie lässt mich hier liegen, ich halte durch. Ich werde siegen, ich werde siegen, ich werde siegen.“

Das Theaterspielen hat Manuel Selbstvertrauen gegeben: Vor der Gruppe zu reden habe ihn anfangs  Überwindung gekostet. Mit  der Schule war es derweil nicht immer einfach: Die zehnte Klasse musste Manuel wiederholen. Später wechselte er aufs Wirtschaftsgymnasium. In diesem Sommer wird er das Abitur in der Tasche haben, danach will er studieren – was, weiß er noch nicht so genau, vielleicht etwas „in Richtung Wirtschaft“. Das Theater soll aber ein Hobby bleiben.

Einen Traum will sich Manuel erfüllen: Der Verein „Tauchen als Therapie“ ermöglicht  schwer kranken Jugendlichen einen Tauchurlaub in der Türkei. „Wenn mein Körper mitspielt und  die Ärzte grünes Licht geben, will ich da im Sommer hingehen und den Tauchschein machen.“

Lion Russell Baumann



Der 17 Jahre alte Lion Russell Baumann ist ein Freund schrill-bunter Frisuren. Neulich mussten die Haare allerdings ab,  seitdem läuft „Frisurenmensch“ Lion mit  Glatze herum. Gefallen hat ihm der neue Look anfangs gar nicht, aber „manchmal brauche ich das, damit ich mich reinfühlen kann.“  Lion spielt in „Station Leben“ den krebskranken Jugendlichen Martin. Als dieser von seiner Krankheit erfährt, ist er verzweifelt und aggressiv, doch mit der Zeit lernt er, damit umzugehen.

„Station Leben“ ist nicht das erste Theaterstück, in dem der in Herdern wohnende Lion Russell Baumann mitspielt. Auf der Waldorfschule in der Wiehre, in der er die 11. Klasse besucht, hat er schon Theatererfahrung gesammelt. Bei „Station Leben“ ist Lion nicht nur Schauspieler, sondern auch Regieassistent. Ein Schauspielstudium kann er sich durchaus vorstellen,  Lion liebt Literatur, ganz besonders den französischen Dichter Charles Baudelaire und nennt sich selbst „eine geile Bühnensau“.

Während er bei Erwachsenen die Krankheit schon miterlebt, hatte Lion zu krebskranken Jugendlichen vor „Station Leben“ noch nie Kontakt.  Was ihm aufgefallen ist: Jugendliche Krebskranke sind kämpferisch, erwachsene Kranke pessimistischer, weniger lebensfroh.  Seine krebskranke  Mitspielerin  Helen Diether bestätigt: „Ich hatte nie den Gedanken, dass ich es nicht schaffe.“

In den Gesprächen, Improvisationen und Proben sei  denn auch  weniger der Tod das bestimmende Thema   gewesen als das Gesundwerden. „Es ging eher darum, das Leben zu genießen, weiter zu leben und zu kämpfen.“ Lion glaubt: „Der Tod ist nichts Schlimmes, eher vielleicht die Angst vor einem qualvollen Sterben.“ Die kranken Mitspieler seien total offen gewesen in den Gesprächen, Tabus habe es keine gegeben, allenfalls ein anfängliches Abtasten. Mit der Zeit habe er immer besser damit umgehen können, sagt Lion.  „Es bringt keinem Krebskranken etwas, Mitleid zu bekommen.“ Mitleid nein, Mitgefühl ja, weiß er. Dass Freundschaften im Verlauf einer schweren Krankheit zu Ende gehen, kann sich Lion vorstellen. „Da ist ja so viel Unsicherheit da.“

Franziska Wolf



Seit sechs Jahren leidet Franziska Wolf an aplastischer Anämie. „Das ist eine Krankheit des Knochenmarks, bei der es aufhört, Blut zu produzieren“, erklärt Franziska, die sich viel mit ihrer Krankheit befasst hat. Zunächst beeinträchtigte die Krankheit ihr Leben nicht so sehr.

2007 wurde sie dann aber schlimmer; im Januar vergangenen Jahres wurde eine Knochenmarktransplantation schließlich unumgänglich. „Am Anfang war alles so unwirklich. Man wird plötzlich rausgerissen aus seinem Alltag. Alle reden auf einen ein, man kann sich gar nicht vorstellen, was auf einen zukommt und was im Körper vor sich geht, wenn das Knochenmark durch die Chemotherapie zerschossen wird.“ Mittlerweile geht die Neuntklässlerin  so oft wie möglich  wieder in die Schule.

Natürlich kam bei Franziska auch Neid auf – Neid auf  die, die gesund sind. Und die Frage „Warum ich?“ Im Stück sagt sie: „Es gibt so viele Menschen auf der Welt, und ausgerechnet ich bekomme Krebs. Das ist so was von ungerecht.“ Wünschen würde sie ein solches Los aber niemandem.  Die Chemotherapie ist vorbei, die Blutwerte sind gut, sagt Franziska, allerdings habe sie noch mit Abstoßreaktionen zu kämpfen. Und: Durch die Cortison-Behandlung sind ihre Knochen geschädigt, ebenso wie Manuel braucht Franziska noch Krücken, bald schon soll es aber ohne gehen.

In der ersten Phase von „Station Leben“ ging es Franziska gesundheitlich nicht so gut. Nach anfänglicher Skepsis – „ich bin nicht so der Mensch, der im Rampenlicht stehen will“ – ist sie heute froh, dabei  zu sein. „Ich hätte  geheult, wenn ich nicht mitgemacht hätte“, sagt sie: „Ich hätte es wirklich bereut. Die Leute in der Gruppe sind das Tolle.“

In „Station Leben“ spielt Franziska unter anderem ein krankes Mädchen, das erleben muss, wie sich die Freundin nicht mehr bei ihr meldet. „Am Anfang habe ich mir gedacht ‘okay, gib ihr Zeit, sie muss das erstmal verkraften, dass ihre beste Freundin Krebs hat.’ Aber jetzt habe ich einfach keine Lust mehr zu warten, dass was von dir kommt. Das hab ich nicht nötig“, sagt sie im Stück.

Franziska hat genau diese Erfahrungen gemacht – sie waren  mit das Schlimmste während ihrer Krankheit, sagt sie. Eine gute Freundin hat sie verloren: „Die hatte immer eine andere Ausrede, warum sie nicht in die Klinik  kommen kann.“ Heute weiß Franziska, auf wen sie sich verlassen kann, und sie hat während ihrer Krankheit auch neue Freunde gefunden. Und dann war da noch ihre Mutter, die abends um halb elf das Krankenzimmer verließ und morgens bereits wieder da war: „Sie war in der ganzen Zeit die wichtigste Person für mich.“

 

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Station Leben

„Station Leben“ ist das zweite Projekt, das die Freiburgerin Margarethe Mehring-Fuchs und der Basler Stefan Laur mit 15 krebskranken und gesunden Jugendlichen zwischen 9 und 21 Jahren aus Freiburg und der Region Tübingen realisieren.

Das Vorgängerprojekt am Theater Freiburg war 2008 „Kennwort: Hoffnung“, damals wirkten 18 gesunde und kranke Jugendliche aus Freiburg mit. Die Texte basieren auf den Erfahrungen der Jugendlichen. Nach Aussage vieler kranker Jugendlicher helfen sie, das Erlebte zu verarbeiten. Wobei Mehring-Fuchs Wert darauf legt, dass die Jugendlichen nichts machen, bei dem sie sich unbequem fühlen: „Wir würden Kranke niemals bloßstellen.“

Das Stück ist heiter, aber auch ergreifend und traurig, das Thema Tod wird nicht ausgeklammert.

Was: „Station Leben“
Wann: Freitag, 22., Samstag, 23. und Sonntag, 24. Januar 2010, jeweils 18 Uhr
Wo:
Werkraum des Theaters Freiburg
[Dieser Artikel erschien heute ebenfalls auf der "Frisch gepresst"-Seite im Freiburger Lokalteil der Badischen Zeitung; Fotos: Thomas Kunz]