Wenn die Russen gekommen wären

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, dass es in Deutschland viele Kanaldeckel gibt, die gar keine sind? Noch aus den Zeiten des Kalten Krieges sind auf vielen deutschen Bundesstraßen und Autobahnen ganz besondere runde Kanaldeckel zu finden, die kein Straßenbauarbeiter öffnen kann: Sie dienten einst zur passiven Verteidigung gegen die möglicherweise einrückenden Truppen des Warschauer Paktes.

Schon in den 60er Jahren war die gesamte Bundesrepublik mit fast 6000 solchen "vorbereiteten Sperren" überzogen: An geographisch wichtigen Stellen, vor allem Autobahnen, Bundesstraßen, Brücken, engen Tälern, Wällen und Flussüberquerungen, wurden sie unter die Fahrbahndecke gebaut: Mehrere Meter tiefe, runde Schächte (Regenwasserablauf inklusive) dienten im Falle des Angriffs aus dem Osten dazu, dort kiloweise Sprengmittel zu deponieren und zu zünden.


Sogar für kleine Atombomben wären die Schächte geeignet gewesen. Die waren nicht wegen der nuklearen Strahlung dafür vorgesehen, sondern der im Vergleich zum Aufwand enormen Sprengwirkung. Diese sollte die Fahrwege der feindlichen Militärfahrzeuge mit unpassierbaren Kratern versehen, im Militärdeutsch "Trichtersperren" genannt.

Um die bombige Vernichtung von feindlichen Truppen ging es bei diesen taktischen Gullys also nicht, nur um das Verhindern des Vorrückens. Die Schächte wurden von speziellen Abteilungen der Bundeswehr gebaut und bis 1992 gründlich gewartet, die explosive Befüllung im Angriffsfall hätten dann die Besatzungstruppen, also US-Amerikaner, Briten oder Franzosen übernommen.

Da der Kalte Krieg aber nie heiß wurde, kamen diese und viele andere Arten von Sperren auf (west-)deutschem Gebiet nie zum Einsatz. Viele der "Kanaldeckel" – erkennbar an einer festgezogenen Sechskantmutter in der Mitte – gibt es immernoch. Diese Schächte werden aus Kostengründen nur im Zuge anfallender Straßenbauarbeiten beseitigt.

Die Bundeswehr konnte seit den 90er Jahren ihre Pioniertruppen, die diese pflegten, inzwischen abbauen oder anderen Aufgaben zuteilen. Es war auch äußerst umständlich, die Soldaten besonders zu bekleiden und den Bundeswehrfahrzeugen extra zu diesen Wartungseinsätzen stets ein anderes, ziviles Kennzeichen zu verpassen.

Mehr dazu:

Beim ProjektDokumentation Sperranlagen (DOSPA) sind über 1200 Bilder von verschiedenen, größtenteils noch immer existierenden passiven Abwehranlagen zu sehen.

Eine sehr ausführliche Beschreibung verschiedenster Sperranlagen in Deutschland ist bei lostplaces.de zu finden.