Wenn die Bühne brennt

Christian Deker

Johannes Klumpp, 26, ist seit Anfang des Semesters Dirigent des Akademischen Orchesters Freiburg. fudder-Autor Christian Deker hat sich mit ihm übers Dirigieren und sein Orchester unterhalten und auch gefragt: Was passiert eigentlich, wenn es dem Dirigent auf der Bühne mal schlecht wird?

 

Johannes, Du bist nun seit drei Monaten der neue Dirigent des Akademischen Orchesters – hast Du Dich in dieser Funktion gut eingelebt?

Ja, seit Anfang des Semesters bin ich nun der neue Dirigent. Ich wurde im letzten Dezember im Auswahlverfahren gewählt und hatte dieses Semester Zeit, mich zu akklimatisieren. Je länger es geht, umso besser kommt man in Kontakt und desto besser können sich meine Vorstellungen auf das Orchester übertragen. Somit habe ich mich gut eingelebt.

Wolltest Du schon immer Dirigent werden? Wie ist Deine Dirigentenkarriere bisher verlaufen?

Es gab in meiner Kindheit auch andere Berufswünsche als Dirigent, allerdings hat es sich mit 17 in meinem Leben angebahnt, dass ich zum ersten Mal dirigiert habe. Und als ich dirigiert habe, dachte ich mir: das ist etwas, das ich mein Leben lang tun sollte.
Dann habe ich alles auf diese Karte gesetzt und kam nach Weimar zum Studieren. Ab meinem vierten Semester habe ich ein Studentenorchester in Weimar geleitet und bin dann vor zwei Jahren auch ins Dirigentenforum des Deutschen Musikrats aufgenommen worden. Und jetzt bin ich in Freiburg.

Du hast also auch schon andere Orchester dirigiert, auch Profiorchester – was unterscheidet denn ein Studentenorchester von einem Profiorchester?

Zuerst mal: Die Leute im Profiorchester haben das alles studiert und sind natürlich alle – auch im positiven Sinne – routiniert, so dass es dort viel Orchesterkultur gibt, die man in einem Studentenorchester natürlich erst anlegen muss.
Der Hauptunterschied ist aber vor allem, dass man bei einem Profiorchester viel weniger Zeit hat, um an einem Programm zu arbeiten. Während ich hier in Freiburg ein ganzes Semester habe, und so viel mehr Zeit habe, um in die tiefsten Tiefen eines Stückes zu tauchen, habe ich in einem Profiorchester mit Glück fünf Proben.
Und es ist auch ein Unterschied, dass die Menschen in einem Profiorchester dies jeden Tag machen, es ist ja deren Beruf. So kommt es vor, dass dort nicht bei jeder Probe die große Euphorie herrscht. Bei den Studentenorchestern gibt es eine totale Motivation, eine große Euphorie und den unbedingten Willen, das möglichst weit zu führen. Es gibt bei den Studenten einfach keine Routine – und das ist das, was ich als Dirigent und das Orchester als unglaublich fruchtbar empfinden.



Was macht ein Dirigent eigentlich, außer seinen Stock in der Luft bewegen?

Der Dirigent hat erstmal die Aufgabe, wochenlang, monatelang die Partitur zu studieren, um das Stück genau zu kennen und eine genaue Vorstellung davon zu haben, wie das Stück am besten wirkt. Den Gedanken, die Idee, den Impetus, die Psychologie des Stückes irgendwie zu entschlüsseln. Um dann mit dem Orchester proben zu können und dem Orchester eine möglichst gute Vorstellung des Stückes übertragen zu können.
Dazu muss der Dirigent mit dem Orchester die Sachen trainieren. Und beim Konzert selbst ist natürlich das Grobe schon angelegt, da geht es dann praktisch um eine Erinnerungsfunktion, dass das abrufbar ist, was geprobt wurde. Die wichtigste Sache ist aber, dass man mit den Händen eine unmittelbare Wirkung auf den Klang hat. So dass ich die Härte, die Weichheit, die Wärme oder die Dunkelheit eines Klanges durch meine Dirigiertechnik wesentlich beeinflussen kann. Und natürlich, dass ich die Leute, die da spielen, durch meine Emotionalität beeinflusse. Dass ich die irgendwie auf eine gemeinsame Emotion bringen kann – denn wenn es auf der Bühne brennt, brennt es auch im Zuschauerraum.

Kann ein Orchester eigentlich auch alleine spielen? Oder was würde passieren, wenn es Dir während eines Konzertes schlecht werden würde?

Gute Frage! (lacht) Ich vertrete einen Dirigierstil, der das Orchester darauf trainiert, dass es alleine spielen können soll. Dass also eine Aktivität im Orchester ist und dass das Orchester sich gegenseitig zuhört. Das Ideale ist, wenn man ein Orchester hat, das Kammermusik macht – das also so spielt, als würde man nur zu viert spielen und keinen Dirigenten brauchen. Ich versuche dieses aktive Spielen und Hören zu stimulieren, so dass ich dem Orchester auch mal Raum lassen kann. In den Proben versuche ist das zum Beispiel, indem ich manchmal nicht dirigiere.
Bei manchen Stücken funktioniert das aber aus verschiedenen Gründen gar nicht. Gerade bei schnellen und präzisen Stücken braucht man einfach das optische Signal eines Dirigenten. Wenn es mir also im Konzert schlecht werden sollte, ist das Konzert vorbei.



Was ist für Dich hier beim Akademischen Orchester die größte Herausforderung?

Das Freiburger Akademische Orchester hat ein sehr hohes Niveau und hat sehr viele Leute, die ihr Instrument sehr gut beherrschen. Das fordert einen Dirigenten natürlich schon einmal heraus. Da kann man nicht sagen, ich komme unvorbereitet in eine Probe oder ich guck mal, wie das so läuft...
Die andere Herausforderung ist es, aus den vielen Einzelkönnern einen Klangkörper zu schmieden. Dass es nicht verschiedene Spieler bleiben, sondern dass gemeinsam geatmet wird, dass gemeinsam gefühlt wird, sich gemeinsam bewegt wird, ein gemeinsamer Klang und eine gemeinsame Emotion entsteht. Da sind wir auf einem ziemlich guten Weg. Und wenn wir den Weg noch weiter zu Ende gehen, werden wir ein tolles Konzert haben.

Vielen Dank für das Gespräch!



Mehr dazu:


Konzert des Akademischen Orchesters

Mittwoch 11.07.2007, 20 Uhr, Konzerthaus Freiburg

Programm:
  • Johannes Brahms (1833 - 1897): Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2, B-Dur, op.83
  • Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840 - 1893): Sinfonie Nr.6, h-moll op.74, „Pathetique“
Website des Orchesters
 
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