Essstörungen

Wenn der Model-Traum zum Kampf gegen den eigenen Körper wird

Carola Bruhier

Vor sieben Jahren war Kera Rachel Cook Kandidatin bei der Show "Germany’s Next Top Model" – jetzt sprach sie im Grimmelshausen-Gymnasium Offenburg über Essstörungen.

Vor sieben Jahren war sie Kandidatin bei Heidi Klums Modelcastingshow "Germany’s Next Top Model", bis vor zwei Jahren erfolgreiches Full Size Model, vor zwei Wochen hat sie ihren Master in Rhetorik abgeschlossen. Am Dienstagabend hat Kera Rachel Cook als Referentin am Grimmelshausen Gymnasium Offenburg im Rahmen des Informationsabends zum Thema Essstörungen ihre Geschichte erzählt.


Ein völlig gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper

Angefangen hat ihre Leidensgeschichte bereits mit 15 Jahren, nachdem sie von einer Münchner Modelagentur aufgefordert wurde abzunehmen. Sie hätte Chancen als Model. Ihr Traum war die Schauspielerei. Damit begann der Kampf gegen ihren eigenen Körper, der trotz aller Anstrengungen den vorgegebenen Schönheitsidealen von Schlankheit und Feingliedrigkeit nicht gehorchen wollte.

Fressattacken, Depressionen und ein völlig gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper waren die Folge, erzählt die 28-jährige Halbamerikanerin mit beeindruckender Offenheit und ansteckender Lebendigkeit.

Sie duzt ihr Publikum, die Offenburger Eltern, Lehrer und auch ein paar Schüler, stellt immer wieder Fragen, fordert zum Mitdenken auf. Welches der Models auf den Fotos gefällt besser? Deutlich mehr Hände gehen bei dem schlanken schmalen Mädchen in die Höhe als bei der üppigen Blondine mit den deutlichen Rundungen.

Übers Smartphone den Bildern ständig ausgesetzt

Sie zeigt ein Video in dem ein durchschnittlich gewachsenes hübsches Model per Fotoshop zu einer rassigen 1, 80 Meter großen feingliedrigen superschlanken Schönheit umgemodelt wird. Und zeigt, wie verlogen es in der Branche zugeht, die die Schönheitsideale dieser Zeit in Bildern auf Zeitschriftencovern, Werbeplakaten, im Fernsehen und im Internet produziert. Die Jugendlichen, die altersgemäß zur Selbstfindung und damit auch zur Selbstinszenierung neigen, sind diesen Bildern über Smartphone ständig ausgesetzt und ihren Vorbildern und Stars über Social Media "ganz nah", fasst Cook abschließend zusammen. Und sie können ganz ohne eigene journalistische Vorbildung Teil dieser Medienlandschaft werden. Der Zwang zur Perfektion steigt, insbesondere bei den Mädchen.

Über die verschiedenen Formen von Essstörungen, ihre Folgen und Behandlungsmöglichkeiten hatte Annika Beeker von der psychiatrischen Klinik an der Lindenhöhe am Anfang des Abends referiert. Die Anorexie, bekannt auch als Magersucht, führt zu starker Untergewichtigkeit, häufig tritt diese Krankheit zwischen 14 und 18 Jahren auf, deutlich mehr Mädchen als Jungen sind betroffen. Bei der Bulimie werden starke Essanfälle mit Gegenmaßnahmen wie Erbrechen kompensiert. Die Jugendlichen, meist über 18 Jahre, sind normal- bis untergewichtig. Stark übergewichtig sind die Jugendlichen, die unter dem Binge Eating leiden, bei dem Essanfälle ohne Gegenregulation den Jugendlichen beherrschen. Beeker weist auch hier wieder auf die Gefahren im Internet hin, wo Foren wie Pro-Ana (Anorexie) und Pro-Mia (Bulimie) starken Zulauf erhalten und die Krankheit fast wie ein Religionsersatz gefeiert wird. Und dokumentiert die Lebensbedrohlichkeit dieser Krankheiten, insbesondere der Anorexie, kurzfristig wie langfristig.

Wachsam sein und früh ärztliche Hilfe suchen

Die Jugendpsychiaterin appelliert an Eltern und Lehrer wachsam zu sein, im Dialog mit den Kindern und Jugendlichen zu bleiben und möglichst früh kompetente ärztliche Hilfe auch gegen den Widerstand des Kindes zu suchen.

Wie Cook denn den schließlich Bruch mit der Modewelt und dem Diktat der Essstörung geschafft habe, kommt am Ende des Abends unter anderem als Frage aus dem Publikum. "Ich habe mich gefragt: Was bin ich als Mensch wert?" Antwort habe sie im Glauben gefunden. Seither gehe bei ihr "Gesundheit vor Schönheit."

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