Wenn alte Bekannte zu Stars werden

Lorenz Bockisch

Am Mittwoch ist Silbermond in der Rothaus Arena in Freiburg aufgetreten - Johanna hat das Konzert für fudder besprochen. Doch es gibt noch eine Geschichte zu diesem Gig zu erzählen. Unser Quizmaster Lorenz Bockisch ist in Bautzen gemeinsam mit Silbermond aufgewachsen. Auf fudder berichtet er, wie es ist, wenn alte Bekannte plötzlich zu Stars werden.



Es war im Sommer des Jahres 2000 in einer kleinen Stadt in Ostsachsen namens Bautzen. An einem Samstagabend nichts weiter zu tun habend ging ich in das Keglerheim, um im dortigen großen Saal Konzerte verschiedener Bands anzuhören. Eine davon hieß JAST, die heute als Silbermond bekannt sind.


Der Eintritt kostete fünf Mark, also pro Band weniger als eine Mark. Der übliche Schülerband-Schrammelrock war reichlich vertreten, im Saal vieleicht 200 Zuschauer, alle irgendwie mit einer der Gruppen verwandt oder befreundet.

Als JAST auf die Bühne kam um vorwiegend gecoverte und englischsprachige Songs zum Besten zu geben, stürmten mindestens zehn bezahnspangte Mädchen zur Bühne, um ihren "Helden" aus dem evangelischen Teenager-Musikprojekt TEN SING zuzujubeln. Die durchaus weiblich gebaute Sängerin versuchte, noch mehr Leute vor die Bühne zu holen, Thomas an der Gitarre und sein großer Bruder am Bass stehen vor ihren Mikrofonen und greifen in die Saiten. Alles in allem keine große Show, die wenigen eigenen Lieder sind noch nicht ausgereift, bringen aber Freude ins Ohr. Eine Freundin, die in der gleichen Klasse wie der Bassist Johannes war, meinte zu mir: "Die sind kurz vor einem großen Plattenvertrag." Aber mit dem Namen?

TEN SING, wer das nicht kennen sollte, ist eine aus Norwegen stammende Idee, mit Jugendlichen eine Art christliches Musical, gespickt mit alten Hits und darstellerischen Szenen. Das Ganze wird von einem gospelartigen Chor und Solosängern, begleitet von einer kleinen Band einmal im Jahr in Schulturnhallen aufgeführt. Ein Highlight einer dieser Shows war der Extreme-Schmusesong "More Than Words", den die zwei Stollebrüder wirklich perfekt spielten und sangen. Damals waren mehrere hundert Zuhörer ganz aus dem Häuschen und so mancher der kleinen Mädels im Chor war anzusehen, dass sie gern ein Groupie des süßen Thomas gewesen wären.

Mitte der Neunziger, als ich in der Kreismusikschule Bautzen in die Bigband kam, saß dort am Bass der kleine Johannes Stolle, den ich schon seit Kindergartentagen kannte. Kräftig pubertierend (wie wir alle abgesehen vom Bandleader, dem Trompetenlehrer) zupfte er stoisch seinen blauen E-Bass, die Augen immer in den Noten, der Fuß immer im Takt. Er war nie daran Schuld, wenn das Tempo mal zu schnell wurde.

Wie doch die Zeit vergeht: Letzten Mittwoch abend in der Rothausarena springen 2000 Leute auf und ab, nur weil eine Band namens Silbermond aufspielt. Der Altersdurchschnitt im Publikum ist der gleiche geblieben, nur die Eltern, die ihre Kinder begleiten, sind neu. Der früher so zurückhaltende Johannes ist zu einem herumhüpfenden Partymacher geworden, der der inzwischen deutlich schlanker gewordenen Frontfrau Stefanie Kloß in nichts nachsteht.

Die Show ist mit viel Personal und noch mehr Lichteffekten inzwischen sehr professionell, kein Wunder nach hunderttausenden verkauften Platten und fast so vielen Konzerten. Trotzdem ist es mir nicht möglich, die beiden kleinen Stolle-Jungs als "Stars" zu sehen, wenn man sie doch wie jedes Weihnachten wieder mit ihren Eltern in der gleichen Kirchenbank sitzen sieht.

Was ihnen jedoch noch anzusehen ist, ist der Spaß, den sie haben, wenn sie auf der Bühne stehen und ihre Lieder beim Publikum ankommen, egal ob es 20 sind oder 2000. Das zeigte sich vor allem, als der gesundheitlich angeschlagenen Steffi die Stimme wegblieb: Dann improvisieren die zwei Brüder eben ein bisschen, Johannes spielt ein Solo. Und dann übergibt Thomas seine Gitarre an den Schlagzeuger Andreas, der sich in Unterhemd und Schlabberhosen allein vorn an den Bühnenrand stellt wie ehedem Paul McCartney bei "Yesterday". Er setzt die Finger auf die Saiten und spielt einen Song, der sicher nie zum Welthit wird und trotzdem das Highlight der ganzen Show war: "Das Lied mit nur einem Akkord".

Obwohl sie mir nicht zugewinkt haben, war ich doch sehr begeistert. Wenn die so weitermachen und sich auch weiterhin vertragen, wird noch was richtig Großes aus den kleinen Jungs.