Welt-AIDS-Tag '2006: Verdrängt und vergessen?

Tom Lissy

Heute vor einer Woche, am 1. Dezember, wurde weltweit der neunzehnte Welt-AIDS-Tag begangen. Es wurden rote Schleifchen getragen, es wurde informiert, demonstriert und getrauert und Prominente gingen in schicken Klamotten bei Gala-Veranstaltungen über den roten Teppich. Für einen Tag im Jahr waren HIV und AIDS wieder einmal Meldung Nummer Eins in den Nachrichten. Heute, eine Woche später, scheinen HIV und AIDS wieder ein Problem anderer Leute zu sein. Tom sprach für fudder mit Mitarbeitern der AIDS-Hilfe über den Welt-AIDS-Tag in Freiburg. Und darüber, wie bewusst mit AIDS wirklich umgegangen wird.

Gerade erst hat die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) die Zahlen des Robert-Koch-Instituts für 2006 veröffentlicht, und sie sehen übel aus: Allein in Deutschland leben derzeit über 56.000 HIV-Infizierte und knapp 1.200 Neuinfizierte sind allein im ersten Halbjahr 2006 dazugekommen. Weit über die Hälfte der Neuinfizierten sind Männer, und der Großteil der Neuinfizierten Männer sind MSM, Männer, die Sex mit Männern haben. Nicht alle dieser Männer identifizieren sich selbst als schwul oder bisexuell: Zur Gruppe der 'MSM' zählen auch viele 'neugierige' Heterosexuelle.

Andere haben sich über ungeschützten heterosexuellen Verkehr angesteckt: Bei einem Drittel der heterosexuellen Männer findet die Infektion nicht in Deutschland, sondern zum Beispiel im Urlaub in Asien und Afrika statt.

Am vergangenen Freitag, dem Welt-AIDS-Tag, hat die AIDS-Hilfe in Freiburg insgesamt acht verschiedene Aktionen veranstaltet: Unter anderem eine bundesweite Aktion mit den Auszubildenden bei Daimler Chrysler mit einer Präsentation und anschließender Diskussion, das Red-Ribbon-Café im Strandcafé, bei dem 100 Prozent des Gewinns an die Freiburger AIDS-Hilfe gingen, eine Podiumsdiskussion in der Uni und einen Info-Stand auf der KaJo.

 

Immer im Blickfeld war dabei auch das von AIDS- und Rosa Hilfe organisierte Projekt Gentle Man, das seit Anfang des Jahres Präventionsarbeit im MSM-Bereich dort leistet, wo MSM-Sex passiert, in den einschlägigen Clubs, Bars, Saunen, Parks und Parkplätzen (fudder berichtete). Der Welt-AIDS-Tag war ebenfalls ein guter Zeitpunkt, für Stefan Zimmermann, Gentle Man-Projetleiter, ein  Resümee über den bisherigen Erfolg zu ziehen. "Die Reaktionen sind zu 90 Prozent echt gut, " meint Stefan. "Die Menschen sind dankbar für unsere Arbeit, die Community nimmt die Aktionen gut an und bei den Freiburger Gastronomen standen uns die Türen von Anfang an weit offen. Das läuft viel besser als wir ursprünglich gedacht haben. Es gibt Gentle Man jetzt erst seit einem dreiviertel Jahr und schon jetzt hat Deluxe Events eine große Benefizparty in der Freiburg Bar veranstaltet."



Auf eben dieser Party traf ich auch Stefan und Robert Sandermann, Präventionsbeauftrager der Freiburger AIDS-Hilfe. Party und AIDS? Ist das moralisch vertretbar? Darf man das?  Stefan lacht. "Nur weil es um das Thema AIDS geht? Das ist ja der Punkt! HIV-Positive leben und können heutzutage auch sehr lange leben. Das alleine ist doch ein Grund zu feiern, auch wenn noch viel zu tun ist."
Auch das 'Tiffany' hat am Welt-AIDS-Tag für die Freiburger AIDS-Hilfe eine große Party geschmissen. Ist in der schwulen Szene von Freiburg also soweit alles gut? "Naja, alles ja auch nicht," wägt Robert ab. "Es gibt ja leider immer noch genügend Schwule, die sehr unverantwortlich mit dem Thema umgehen. Gerade unter jungen Leuten, auch bei den Schwulen, scheint AIDS nicht besonders präsent zu sein. Deswegen wollen wir wieder verstärkt in Schulen gehen und auch bei der schwulen Jugendgruppe 'Rosekids' auf die Risiken, die ungeschützter Verkehr mit sich bringt, aufmerksam machen."

Aber auch außerhalb der Community gibt es genügend Probleme: Die Aids-Hilfe redet von den AIDS-Leugnern. Das sind verschiedene Gruppierungen, meist religiös oder esoterisch orientiert, die behaupten, dass AIDS nicht existiert sondern lediglich durch die anti-viralen-Medikamente der Pharmakonzerne hervorgerufen wird oder eine Strafe für Fehlverhalten sei. Genau so argumentiert die 'Christliche Mitte': AIDS sei der Zorn Gottes der über Schwule kommt, die nicht gewillt sind von ihrem 'lasterhaften' Leben abzulassen.

"Ansonsten ist Freiburg eigentlich sehr liberal. In den Anfangstagen gab es vor allem bei älteren Menschen Unverständnis oder Empörung, heutzutage passiert das eigentlich fast nicht mehr," sagt Robert, und scheint mit diesem Erfolg, den die Aufklärung geleistet hat, überaus zufrieden zu sein.

Wieso ist denn AIDS überhaupt ein Thema, mit dem sich vor allem Homosexuelle auseinander setzen? Auch Heterosexuelle können sich doch anstecken.

"Der Anteil der HIV Infizierten ist nun mal zu über 50 Prozent schwul. Da verdrängen Heteros oft, dass es sie auch was angeht. Vor allem der durchschnittliche heterosexuelle Mann hat das Thema AIDS gar nicht auf seiner Agenda!"

Heute, eine Woche nachdem der Blickpunkt vom Thema AIDS wieder ein wenig abgewendet wurde, scheinen das fast alle Menschen wieder weitgehend ausgeblendet zu haben. Ist das für die AIDS-Hilfe nicht frustrierend? "Das hat ja zwei Seiten," findet Robert. "Einerseits freut es mich, und ich finde es auch wichtig, dass das Thema wenigstens einen Tag lang so viel Aufmerksamkeit bekommt. Am ersten Dezember könnten wir 50 Aktionen machen, aber dafür haben wir weder die Zeit noch die Leute. Andererseits gehen viele mit dem Thema AIDS auch recht oberflächlich um. Viele der Medien stellen das Thema unnatürlich dar, nicht echt, und davon fühlt man sich nicht selber betroffen. Für viele große Städte ist das natürlich auch so ein Society-Ding. Da sind dann die Ohovens dieses Landes und profilieren sich auf eine makabere Art mit einem wichtigen Thema. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig verbittert, aber das bin ich nicht. Ich bin aber auch kein AIDS-.Aktivist." AIDS-Aktivisten sind für Robert die Gruppen der 80er und frühen 90er Jahre, oft selbst betroffen, HIV und AIDS zu ihrem Lebensinhalt gemacht haben. Für Robert ist dasThema wichtig und immer präsent, aber er definiert sich nicht über seine Arbeit für die AIDS-Hilfe.

Und was wünschen sich Robert und Stefan für Ihre Arbeit, eine Woche nach dem 01.12.?

Robert überlegt nicht lange. "Ich würde mir wünschen, dass das Bewusstsein um AIDS bei allen Menschen nicht nur an einem Tag im Jahr eine Rolle spielt, sondern an 365 Tagen." Stefan holt etwas weiter aus. "Ich würde mir wünschen, dass man sich der Sache so bewusst wäre wie in den achtziger Jahren. Nur eben ohne die Panik.


Dass die Medien weniger selektiv darüber berichten und vor allem, dass man davon abkommt zu glauben, dass AIDS heilbar ist, denn auch wenn gute Medikamente den Ausbruch der Krankheit inzwischen lange hinauszögern können ist es das nicht."

Mehr dazu:



Gentle Man:
Website
AIDS-Hilfe Freiburg: Website
BZgA - Welt-AIDS-Tag: Website
BTgA - Gib AIDS keine Chance: Website
AidsFinder:
Website