Welcher Facebook-Typ bist du? Eine kleine Naturkunde für das Social-Network-Biotop

Martin Jost

Früher war das Internet der neue Brockhaus, heute ist es das neue Telefon. Die meisten nutzen es für den Eins-zu-Eins-Austausch mit anderen. Wie sich heraus stellt, sind unsere Online-Freunde auch nur: Menschen. Martin hat die typischsten Facebook-Typen in einem kleinen Tierleben beschrieben.



Die Farmville-Süchtige




Postet (leider automatisch) durchschnittlich 636 Statusmeldungen am Tag, die etwa lauten: „Agnes hat ein kleines Lamm auf ihrer Farm gefunden. Hilf ihr, herauszufinden, ob es steril ist“ oder „Fette Beute! Agnes’ Cannabisfeld steht in voller Pracht. Hilf ihr bei der Ernte, bevor die Polizei kommt!“ Die Statusmeldungen kann man ausblenden, ohne die Freundschaft zu beenden.



Aber ob Agnes nicht mehr ganz dicht ist, fragt man sich spätestens, wenn sie einem virtuelle Geburtstagstorten schenkt, die sie mit ihrer echten Kreditkarte bezahlt. Keiner weiß, wie man ihr helfen soll. Im richtigen Leben wäre sie der Alki, deren Probleme der ganze Freundeskreis totschweigt. Die Psychologie spricht hier von Co-Abhängigkeit, Facebook wie gesagt von „Ausblenden“.



Der Selbstdarsteller




Maiko findet sich geil. Seine Brusthaare Erik, Senta und Klaus hält er für sehr vorzeigbar, genau wie die Bauchmuskeln, die man bei ganz bestimmtem Licht erkennen kann. Dazu ist er witzig und charmant und Zeit mit ihm ist für alle ein Geschenk.

Wer Maikos Nähe nicht haben kann, weil er wieder nicht mit feiern kommen konnte, verpasst trotzdem nichts. Denn Maiko lädt minütlich Fotos von seinem Handy hoch. Auf den meisten steckt er mit jemandem den Kopf zusammen, macht einen Schmollmund und hat die oberen sechs Hemdknöpfe auf. Senta und Klaus grüßen. Was es ist, das Maiko auf dem schmalen Grat zwischen eitlem Selbstdarsteller und ekligem Exhibitionisten noch gut wegkommen lässt, kann keiner genau sagen. Charme jedenfalls transportiert sich nicht auf Fotos.



Der Offliner




Ist natürlich auf Facebook, weil alle auf Facebook sind. Jedenfalls pro forma. Er hat sich mal ein Konto eingerichtet, alle Freunde aufgesucht und die Formulare über Lieblingsbücher, Lieblingsbands und Lieblingseckkneipen ausgefüllt. Dann alle Benachrichtigungen abgestellt. Dass man ihm auf seiner Pinnwand zum Geburtstag gratuliert hat, merkt er ein halbes Jahr später, wenn er mal wieder auf Facebook ist.



Die Tagebuchautorin




Marissa hat um 9:17 Uhr vergessen, ihren Kaffee auszutrinken, um 9:57 Uhr fand sie das Meeting echt zu viel, um 10:09 Uhr bekam sie ihre Tage diesmal früher (um 11:18 Uhr: doch noch nicht), um 12:46 Uhr ist sie sehr unzufrieden mit ihrer Arbeit bis jetzt und um 13:06 Uhr findet sie die Lasagne zu salzig. Mal sehen, was Marissas Tag uns noch so bringt.

Sie nimmt die Sache mit den Statusmeldungen sehr ernst und wartet nicht, bis etwas Interessantes passiert, um es mitzuteilen. Ihre Freunde sind in der Regel →Offliner, so dass sie ihr intimes Facebook-Tagebuch letztendlich doch als einzige liest.



Der Profinutzer




Auf Facebook um zu networken. Macht garantiert was mit Medien oder Social Marketing und hat folglich meistens Arbeit, aber selten Geld. Irgendwie glaubt er, seine Freunde, die alle Garten- und Landschaftsbau (FH) oder französiche Literatur studieren, könnten ihm Stellen als Projektmanager vermitteln oder einen Verleger für sein Buch mit dem Arbeitstitel „Twitter dich reich und sexy!“

Er nervt mit Werbung für Seminare und Seiten über „Das Doodle-Geheimnis“. Die anderen bleiben in der Hoffnung mit ihm befreundet, dass aus ihm in dieser verrückten Welt doch noch etwas wird, was man mal gebrauchen kann.



Die Misstrauische


Immer noch auf Facebook, obwohl sie glaubt, dass das soziale Netzwerk ein Überwachungsstaat ist. Aber ohne Facebook würde sie überhaupt nichts mehr von ihren Freunden hören. Scheinbar ist sie der einzige hippe Öko der ganzen Stadt und niemand teilt ihren Dünkel gegen Konsum und Moderne. Sie war schon die Letzte in der Klasse, die ein Handy hatte und bis heute schaltet sie es manchmal aus. So, wie sie regelmäßig gerade dann ihr Facebook-Konto löscht, wenn man sie eigentlich zum Geburtstag einladen wollte.

Ständig verbreitet sie paranoide Flugblätter (digital natürlich) à la: „Facebook hat jetzt in seine AGB geschrieben, dass es in deinem Namen jeden Tag ein Robbenbaby harpuniert. Diese Funktion ist standardmäßig aktiviert! Du kannst sie in deinen privaten Einstellungen ausschalten, indem du …“ Natürlich hat sie mit ihrem Misstrauen völlig recht. Aber sie ist auch die einzige, die mal ihre Handynummer auf Facebook angegeben hatte.



Der deutsche Karl Kraus




Andere schreiben, was ihnen gerade passiert ist oder wie sie Montage so allgemein finden. Der deutsche Karl Kraus schreibt Aphorismen mit unter 140 Zeichen. Und die sind hohe Literatur. Kostprobe seines österreichischen Vorbilds: „Nichts ist unergründlicher als die Oberflächlichkeit eines Weibes.“

Der deutsche Karl Kraus hat seinen Twitter-Account mit Facebook verbunden und damit ein doppeltes Publikum. Er sonnt sich in Komplimenten. Er liest gern unter seinen Beiträgen, dass er witzig sei und druckt sich solche Fanpost aus. Dass auf Facebook jeder das gleiche Recht zum Publizieren hat wie er – auch der Kleinbuchstaben-Pöbel – lässt ihn um die Literatur des Abendlandes ein bisschen bangen. Er kann sich aber dazu herab lassen, die Meldung eines dilettierenden Freundes mit einem „Like!“ zu versehen. Was sein Freund nicht weiß: Insgeheim betrachtet Karl Kraus das als großzügige Autogrammstunde.



Die Clip-Show




Anke steckt offensichtlich in einem Job, der nach Stunden und nicht nach Leistung bezahlt wird. Wenn man einkalkuliert, dass sie wahrscheinlich nicht alle Youtube-Videos postet, die sie sichtet, sondern für uns die besonders niedlichen Katzenbabyfürze, besonders witzigen Kinderunfälle und besonders peinlichen Nachrichtenversprecher vorverdaut, muss sie mehr Mägen haben als eine Kuh.

Würde man alle Videos ansehen, die sie auf Facebook einstellt und alle Fotoblogs besuchen und alle Songs herunterladen, könnte man auch gleich 24 Stunden am Tag den Fernseher laufen lassen. Wie früher.



Die Klassenmutti




Früher hat sie sich immer an Axel ran geschmissen, wenn der wegen schlechter Mathenoten heulte. Seit acht Jahren organisiert sie über Facebook das Klassentreffen. Erster organisatorischer Erfolg war die Einberufung eines Terminkomittees, das virtuell tagt und über die zu doodlenden Termine berät.

Sie ist die erste Anlaufstelle um an E-Mail-Adressen von Verflossenen zu kommen oder an den neuesten Tratsch über Hochzeiten und Nachwuchs bei ehemaligen Klassenkameraden. Und immer noch ist sie die erste, die einen tröstenden Kommentar schreibt unter Axels Meldung, dass er gerade durch seine Prüfung gerauscht ist.

Die Sammlerin




Andere haben ein dickes Auto oder wenigstens superdicke Legehennen auf Farmville. Aber Statussymbol ist, was du draus machst. So erklärt sich einerseits das Hobby Tintenpatronenkügelchensammeln, andererseits Nikes Anhäufen der meisten Facebook-Freunde von allen. Ihre 3.256 Kontakte sind noch nicht der Gipfel (5.000 sind erlaubt), aber doch ein Sümmchen, mit dem sich protzen lässt.

Wo hat sie die bloß alle her? Sie muss stundenlang jeden Tag wahllos Freundschaftseinladungen verschicken an Fremde und Freundesfreunde. Die kann sie niemals alle kennen, sagen sich alle anderen und sind auf so einen Quatsch überhaupt nicht richtig neidisch. Schließlich haben sie nur 96 Freundschaften, aber da sind keine oberflächlichen dabei.

Apropos, Nike schreibt: „Danke, Marissa, fürs heute Nacht meine Haare hoch halten, war aber alles umsonst, hab dann in Maikos Bett noch drauf gekotzt *lol* ^^“. Okay, 95 Freundschaften, aber da sind wenigstens keine hohlen Tussis dabei.



Mama auf Facebook I: Die In-your-Face-Mutter




Als du in der Siebten in Latein hinter ihr saßt, wolltest du sie immer mal nackt sehen. Weil Wünsche aber nur auf die beknackteste denkbare Art wahr werden, hat sie ihre ganze Schwangerschaft hindurch geschmackvolle Aktfotos („geschmackvoll“ = Instagram) von sich mit Babybauch gepostet. Du bist dir die ganze Zeit über nicht klar geworden, ob du das heiß findest.

Sie hat in den neun Monaten wesentlich mehr Selbsterfahrung bewältigt und alle Zwischenergebnisse auf Facebook dokumentiert: endlich nicht mehr schwindelfrei, dafür jetzt gegen Pfirsich allergisch. Yoga und Körner gut, aber freut sich auch total wieder auf Alkohol und Rohmilchkäse. Jetzt hat sie vollauf mit ihrem Gelege zu tun. Keine Frage, du bekommst alles mit: erstes Bäuerchen, erstes Kacka (ohne Scheiß!), erstes Lächeln (glauben wir; für alle Fälle hier noch ein Video vom zweiten). Und soeben erreicht dich eine Facebook-Einladung zur Taufe. Du klickst auf „Vielleicht“. Nachher musst du noch so tun, als könntest du ihren Macker ausstehen, der sie in der Siebten mit seiner Konjugation rumgekriegt hat.

Mama auf Facebook II: Die Silver Surferin




Warum wolltest du nochmal unbedingt, dass Mama und Papa online sind? Als du ihnen den DSL-Router angeschlossen hast (sie standen mit verschränkten Armen daneben und waren mehr als beeindruckt: „Wenn das mit deinem Studium nichts wird, kannst du ja immer noch was mit Internet machen!“), konntest du nur Vorteile sehen. Von denen fallen dir jetzt keine mehr ein.

Gestern hat Mama unter dein Youtube-Video aus „Frauentausch“ geschrieben, dass sie das ganz schön zynisch findet. Zwei ehemalige Freundschaften mit Extras schreiben ständig obszöne Kommentare auf dein Profil und Mama schlägt jede Abkürzung im Urban Dictionary nach. Außerdem hat sie sie auch befreundet und gleich gefragt, warum du sie ihr nie vorgestellt hast. Wenn sie raus findet, wie man virtuell Kakao und Kekse verschenkt, ist alles wieder wie früher in deinem Zimmer: du läufst rot an und deine Freunde finden, dass du eigentlich eine ganz coole Mama hast.

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  [Illustrationen: Karo Schrey]