Selbsttest

Welche Freiburg-Klischees stimmen?

Marie Neumann

Klischees gehören für Marie Neumann zu Freiburg wie die Bächle. Aber welche wohl stimmen? Als sie hier herzog, suchte sie nach einer Antwort auf diese Frage – und nach einer WG.



Klischee Nr. 1: Alle Freiburger leben vegan

"Wir ernähren uns streng vegetarisch, Sandrine nur vegan. Solltest du Fleisch essen, wäre es nett, wenn du dieses nicht in der Wohnung verzehren würdest." Auf Onlineportalen klicke ich mich auf meiner Suche durch die Freiburger WGs. Fast jede zweite trägt diesen Warnhinweis. Ob ich meinen Salami-Käse-Toast auf dem Balkon essen soll – wie ein Raucher?

Nach Ausschluss aller Vegetarier bleiben nur noch drei WGs übrig, also gehe ich doch zu einem veganen Casting. In Merzhausen öffnet mir Aurora (Name geändert) die Tür – in bunter Haremshose aus rauer Baumwolle. Auf dem Küchentisch steht ein selbstgebackener Apfelkuchen, die scheinen ja schon mal ganz nett. Dann erzählen meine potentiellen Mitbewohner von ihren Hobbys. Community Gardening, Yoga, Picknicks in der Natur. "Und du? Warst du schon mal in Indien?" "Nein." Auf zur nächsten Besichtigung.

Klischee Nr. 2: Alle Freiburger sind suuuper freundlich

Nirgendwo sonst bin ich an der Kasse so oft vorgelassen worden, nirgendwo sonst haben mich auf der Straße wildfremde Menschen gegrüßt wie hier - und noch nie hat mir jemand meine schweren Einkaufstüten zum Auto getragen, wie neulich in Freiburg.

Aber als ich Julia (Name geändert) auf dem Weg zur WG-Besichtigung eine SMS schicke, bestätigt die Ausnahme die Regel. "Ich komme ein bisschen später", schreibe ich, denn da ist eine Baustelle, mit der mein Navi nicht gerechnet hat. Eine halbe Stunde zu spät, berichte ich von meinem Pech. Und Julia? Die sagt: "Wie, dort warst du schon und dann hat das so lange gedauert? Du bist doch schon ein bisschen dämlich – oder?"

Im Wohnzimmer warten Julias Mitbewohner und ihr Freund. Sie sind nur Statisten, holen sich per Blickkontakt erst die Erlaubnis, bevor sie eine schüchterne Frage nuscheln. Julia setzt das Verhör fort: "Rauchst du? Trinkst du? Hast du Freunde? Trinken die? Hast du einen Freund? Was willst du aus deinem Leben machen? Kannst du die Miete überhaupt bezahlen? Du lachst so viel: Ist das normal?"

Die Wohnung hat mal ihren Eltern gehört, jetzt ist es ihre. Aber das Wohnzimmer, das dürfe ich natürlich mitnutzen.

Klischee Nr. 3: Alle Freiburger fahren Fahrrad

Dieses Klischee muss einfach wahr sein. Frage ich bei WG-Besichtigungen nach der Straßenbahnverbindung, kriege ich jedes Mal den gleichen Vortrag zu hören. Ja, die sei zwar gut – aber mit dem Fahrrad komme man in weniger als fünf Minuten zu Alnatura.

Außerdem könne man das Fahrrad im hauseigenen Keller abstellen und der Andi, Tobi oder Gustav würden mir immer helfen, wenn mal ein Reifen kaputt geht. "Aber ich habe gar kein Fahrrad. Kann man in der Straße eigentlich sein Auto parken?" Stille.

Klischee Nr. 4: Alle Freiburger sind Outdoor-begeistert

Auch das muss stimmen. Vielleicht liegt es an den vielen Sonnenstunden, der Fahrraddiktatur, oder dem Sauerstoff, den die ganzen Grünanlagen im Übermaß absondern.

Nirgendwo sonst habe ich mich so faul gefühlt wie hier. Meine Hobbys sind Lesen, Feiern, ins Kino gehen und einmal im Jahr Urlaub machen – meine potentiellen Mitbewohner fahren Kanu oder Mountainbike, freeclimben, joggen, schwimmen im Opfingersee und reisen mit dem Zelt durch Schweden.

Da sich schwimmen im See ganz gut anhört, nehme ich das irgendwann in meine Sammlung auf, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung habe, wo dieser mysteriöse See sein soll und ihn einmal versehentlich "Opfersee" nenne.

Klischee Nr. 5: In Freiburg findet man keine Wohnung oder WG

Eine Wohnung findet man mit Sicherheit nicht, höchstens in Titisee-Neustadt. Bei WGs kommt es drauf an: Wenn man, wie ich, zur seltenen Spezies der Nicht-Veganer und Fahrradverweigerer gehört, obendrauf noch profane Hobbys hat, wird es schwer.

Was ich gelernt habe: Es hilft, wenn man nicht gleich grinst, nur weil der Gegenüber von seiner allmorgendlichen Meditation erzählt. Und wenn einer der potentiellen Mitbewohner erzählt, wie schnell man mit dem Fahrrad von Weingarten aus im Wald sei: Nur lächeln und bedanken – auch wenn man kein Fahrrad hat und nicht weiß, was zur Hölle man nun ausgerechnet im Wald soll.

Nach sieben WG-Castings hat es bei mir endlich geklappt. Jetzt grille ich mit meinen Mitbewohnern öfter mal Tofuwürstchen am Opfingersee. Aber wir fahren da gemeinsam hin – in meinem Auto.