Welche Bedeutung das Internet für die Proteste in Ägypten hat

Christina Schmitt & Marc Röhlig

Die heftigen Demonstrationen in Ägypten hatte keiner erwartet – am wenigsten die Ägypter selbst. Die Wut über das Regime Mubaraks hat im Internet ihren Anfang genommen und schlug dann auf die Straßen über. Kathrin Sharaf aus Freiburg promoviert aktuell über die Bedeutung von Facebook für ägyptische Jugendliche. Am Freitag hat die ägyptische Regierung das Internet abgeschaltet. Wie wichtig das Netz für die Proteste ist:



„Die Straße ist der einzige Weg, um die Hoffnung der Jugend zu erreichen“, postet Mohamed am Dienstagabend auf Facebook. Es ist ein Zitat von ElBaradei, dem Aushängeschild der ägyptischen Opposition. Dann, am Mittwoch, schreibt Hisham: „Zwei Tage noch, Husni!“ Es ist eine Warnung an den ägyptischen Staatspräsidenten vor der kommenden Demonstration. Der letzte Eintrag ist von Yassir, am Donnerstagabend kurz vor Mitternacht: „Man schneidet uns die Kommunikation ab“. Es ist eine Empörung – die ägyptische Regierung hat angekündigt, das Internet und das Mobilfunknetz abzuschalten. Am Freitag dann folgte das Chaos. Mit Massenprotesten forderten an diesem Wochenende Tausende Ägypter den Rücktritt des Staatschef Husni Mubarak. Die Polizei antwortete mit dem Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen, Plünderer brandschatzten in den größeren Städten Ägyptens. Die Demonstrationen sind Zeichen einer lange andauernden Frustration in der ägyptischen Bevölkerung. Dass sich diese in so kurzer Zeit in reale Wut verwandelte, überrascht viele Ägypter selbst. „Viele Jugendliche waren unpolitisch“, sagt Abdelrahman El Hennawi.


Der 21-Jährige studiert an der Amerikanischen Universität in Kairo und marschierte am Wochenende auf den Demonstrationen mit. Viele seiner Altersgenossen hätten zwar die aktuellen Probleme im Land – hohe Nahrungspreise, schlechte Bildungschancen, fehlende Arbeitsplätze – gesehen, den Mut zu Handeln brachten aber die wenigsten auf. Seit Freitag sei nun alles anders, sagt Abdelrahman: "Aus einer resignierten, verängstigten Jugend ist eine politische geworden."

Die ägyptische Gesellschaft ist sehr jung. 70 Prozent aller Einwohner sind unter 30 Jahren; fast alle kennen sie ihr Land nur „unter der Herrschaft von Husni Mubarak“, sagt Kathrin Sharaf. Die aktuelle Entwicklung sei daher zwar sehr überraschend, aber auch verständlich: „Ich kenne keinen Ägypter, der mit der Lage im Land zufrieden ist“.

Sharaf ist Ethnologin an der Universität Freiburg und promoviert aktuell zu virtuellen Freundschaftsbeziehungen Kairoer Jugendlicher. Selbst Halbägypterin, ist sie oft für viele Monate im Land und schaut den Ägyptern auf die PC-Bildschirme und Facebook-Profile. „Soziale Netzwerke sind hier ein Phänomen“, sagt Sharaf, fast jeder, der einen Internetanschluss habe, sei auch bei Facebook angemeldet. Die Kinder, die Eltern, selbst die Großeltern pflegen einen Account: „Facebook erreicht alle – die Politischen und auch die Unpolitischen“.

Seit Freitag hat die ägyptische Regierung das ganze Land vom Internet abgekoppelt. Eine Nation ist offline. Noch nie gab es eine vergleichbare Internet-Zensur. Es zeigt, wie viel Respekt das Regime in Kairo vor der Web-Community hat: „Ein ganzes Medium wegzunehmen, offenbart Mubaraks tatsächliche Machtlosigkeit“, sagt Sharaf.

Internetnutzer wie Abdelrahman, der Demonstrant, wollen sich dadurch nicht aufhalten lassen: "Wir werden nicht aufhören, bis Mubarak verschwindet", sagt er. Er klingt motiviert, zugleich aufgeputscht; erstmals fühlt es sich an, als könne man tatsächlich etwas bewegen im Land. Dass Enthusiasmus „in der Luft liegt“, hat auch Sharaf beobachtet. Das Internet ermögliche der ägyptischen Jugend „Austausch in ganz neuem Ausmaß“. Jede Nachricht auf Twitter, jedes Video auf YouTube, jede Nachrichtenverlinkung stärkt die digitale Gemeinschaft und sammelt Beweise gegen das Regime Mubaraks. „Die Menschen machen die Nachrichten“, sagt Sharaf – und sie wollen, dass die Welt zuschaut.

Dabei warnt die Ethnologin jedoch vor einer falschen Glorifizierung des Internets. Es sei nur Plattform für den Frust der ägyptischen Jugend, „selber handeln ist eine ganz andere Kategorie“. Demonstranten wie Abdelrahman wollen nun aber genau das. „Es geht um alles“, sagt er, „wir sind besorgt, aber wir werden weiter auf die Straße gehen“. Seit Freitag ist der Student fast pausenlos auf den Beinen. Organisieren müsse er sich derzeit ganz altmodisch über Mund-zu-Mund-Propaganda. Seine Pinnwand auf Facebook erhält seit Donnerstagnacht keine neuen Einträge mehr. Was er, Yassir und all die anderen noch vor Tagen im Netz geschrieben hatten skandieren sie nun auf den Straßen Kairos.

Kathrin Sharaf hatte bei ihren ersten Untersuchungen im Jahr 2008 auch gefragt, ob sich die Ägypter eine Abschaltung des Internets durch die Regierung vorstellen können. Alle Befragten hätten kopfschüttelnd reagiert, „eine Internetzensur lag außerhalb ihrer Vorstellungskraft“, sagt Sharaf. Ein junges Mädchen hatte erzählt, den PC hochzufahren und auf Facebook nach Neuigkeiten zu schauen, sei ihre erste Handlung jeden Morgen. Was, sagte sie damals zu Kathrin Sharaf etwas spitz, solle sie denn ohne Internet den ganzen Tag machen?

Heute würde sich das Mädchen die Frage wahrscheinlich so beantworten: Demonstrieren gehen!


fudder-Autor Marc Röhlig betreibt übrigens Souk Magazine - Das Gesellschaftsmagazin über den Orient. Dort hat er am Freitag einen lesenswerten Kommentar veröffentlicht: Auf zur Umma 2.0. Autorin Christina Schmitt studiert derzeit in Kairo Arabisch.

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[Bild 1 und 2: Marc Röhlig; Bild 3: dpa]