Welche Ausbildung haben Türsteher?

Nina Braun

An ihnen scheiden sich die Geister: Türsteher – aggressive Draufschläger oder wachsames Sicherheitspersonal? Wie man überhaupt Türsteher wird, was man dann als solcher zu hören bekommt und welche Unterschiede und Entwicklungen es in der Ausbildung gibt, hat Carina bei der Sicherheitsfirma Plus-Secur und der Industrie- und Handelskammer nachgefragt.



Simulation von Gewalt

Massenschlägerei vor der Freiburger Jugendherberge. Etwa zehn Türsteher in Zivil gehen gut gelaunt aufeinander los, brüllen und beschimpfen sich. Vier weitere tragen Security-Jacken. Sie schreiten ein, bemühen sich, die Situation zu klären. Übung für den Ernstfall.

Zweimal im Jahr veranstalten Karsten Griesshammer (29, Bild unten rechts) und Florian Hunger (29) von der Sicherheitsfirma Plus-Secur Fortbildungen für ihre Mitarbeiter; mit dabei sind auch ein Kampfsporttrainer und Ausbilder von Polizei und Militär. Abendliche Szenen werden hier möglichst plastisch nachgestellt, Karsten gibt klare Anweisungen: „Eingang einer Disco. Junggesellenabend eines Hockey-Teams. Alle sind sturzbesoffen und schon bei drei Clubs abgewiesen worden, die wollen nun mit allen Mitteln hier rein. Zeigt mal, was ihr da macht.“ Den Jungs, die die Hockeyspieler geben, macht es sichtlich Spaß, mal die Seite zu wechseln. Sie prollen, pöbeln mit Genuss, „Ihr Affen!“ ruft einer den Kollegen grinsend zu. In diesem Fall kommen die zwei Türsteher gegen die Menge nicht an. In der Lagebesprechung erklärt Karsten, was hätte besser gemacht werden können.



Nächste Szene: Während einer Open-Air-Veranstaltung wird jemand blutend und bewusstlos aufgefunden. Die Türsteher schnappen sich die Sanitäterbox und kümmern sich erst einmal um den Verletzten. Schnell bildet sich eine Traube von neugierigen Umstehenden, die gaffen, stören, auch mal beleidigend werden. Es kommt zur doppelten Belastung: die Verfassung des am Boden Liegenden muss durch routinierte Schnell-Checks festgestellt, er vielleicht direkt behandelt werden. Zugleich gilt es, nach außen zu beruhigen.

Was Karsten im Vorfeld mit „gezieltem Überfordern“ gemeint hat, wird klar, als zur Situation auch noch eine Messerstecherei kommt. Nun gilt es, im Bruchteil von Sekunden Gefahren abzuwägen, Entscheidungen zu fällen, Prioritäten zu setzen. In der Runde wird im Anschluss rege diskutiert. Es geht um Fragen wie die, wann und ob ein Messer den Einsatz des Schlagstocks rechtfertigt, ob man sich erst um den Verletzten kümmert oder erst den Täter unschädlich macht, wieweit man sich überhaupt selbst in Gefahr begeben muss.



Neben den konkreten Situationen werden an diesem Tag auch einzelne Griffe geübt, der Umgang mit Handschellen und Schlagstock oder wie man sein Gegenüber bewegungsunfähig macht. Trainiert werden aber ebenso Erste Hilfe und Brandschutz. Die Türsteher müssen genau wissen, wie mit einem Verletzten umzugehen ist und im Falle eines Feuers vorgegangen wird. „Das ist besonders in Freiburg wichtig, wo die meisten Clubs im Keller liegen“, erklärt Karsten.

Distanz vom Prügel-Image

Er hat die Sicherheitsfirma Plus-Secur, die die Türsteher in der Jackson Pollock Bar und im Kamikaze stellt und auch große Einzelveranstaltungen betreut, im Jahr 2000 mit einem Bekannten gegründet. Karsten selbst arbeitet neben dem Biologie-Studium beim Roten Kreuz, Florian Hunger, der das Unternehmen heute mit ihm leitet, ist hauptberuflich Lehrer – Hintergründe, die das Konzept der Firma entscheidend geprägt haben. Sie will sich klar abgrenzen vom Schläger-Image, das in Freiburg nicht zuletzt im Zuge der Türsteher-Prozesse um den Funpark genug Nahrung erhalten hat.

Zwar können die meisten der 18 Angestellten Kampfsporterfahrung vorweisen; dem Klischee vom muskelspielenden Zweimetermann, der statt Grips eine Lizenz zum Schlagen hat, mögen sie aber trotzdem nicht entsprechen. Fast alle sind Studenten oder haben bereits einen Hochschulabschluss. „Trotzdem halten uns die meisten für dumme Waldschrate“, erklärt Benni (24), der Geschichte und Englisch auf Lehramt studiert.



Auch Alex Miske (Bild oben), der jüngste Neuzugang, blickt auf drei Jahre Boxtraining zurück und wird nach Ende seiner Ausbildung zum Rettungsassistenten ein Medizinstudium beginnen. Anfangs war er gar nicht begeistert von der Idee, Türsteher zu werden. „Wie, einer von den Halbaffen?“ sei sein erster Gedanke gewesen, als er darauf angesprochen wurde. Nun steht der 23-Jährige aber doch am Eingang zur Jackson Pollock Bar. Es ist sein dritter Einsatz, und Benni beobachtet ihn genau.

Denn leicht ist es nicht, bei Plus-Secur eingestellt zu werden. Nach einem Vorstellungsgespräch, bei dem Eloquenz ebenso zählt wie das äußere Erscheinungsbild, müssen die Anwärter dreimal Probe arbeiten und werden dabei von mehreren Mentoren bewertet. Für Alex sieht es gut aus. Sein Verhalten ist souverän und freundlich: Er begrüßt die Gäste, fragt nach Ausweisen, weist mit ruhiger Stimme auf die Kasse hin, wenn sich jemand ohne zu zahlen durchschmuggeln will.



„Sicheres Auftreten und Ausstrahlung sind unabdingbare Voraussetzungen“, sagt Benni, der seit vier Jahren als Türsteher arbeitet. Das schlechte Image, das seinem Job anhaftet, bekommt er ständig zu spüren; an Bezeichnungen wie „Wichser“ oder „Hau-Drauf-Hauptschüler“ hat er sich längst gewöhnt. „Für viele ist es inzwischen fast zu einer Art Sport geworden, Türsteher zu provozieren. Immer mehr Leute versuchen, unsere Grenzen auszutesten.“ 95 Prozent des Jobs bestünden dabei aus Reden: „Schlichten, ruhig zureden, Gas rausnehmen“, erklärt Benni. Nur in Härtefällen komme es auf die körperliche Stärke an.

Prüfung zum Türsteher

Alex hat seine anfängliche Skepsis revidiert. Geschehnisse wie etwa im Funpark sieht er in der gängigen Praxis vieler Clubs begründet, die Türsteher selbst zu stellen, anstatt auf professionelle Sicherheitsfirmen zurückzugreifen. „Leute aus dem eigenen Haus müssen keinerlei Ausbildung vorweisen“, erklärt er. Bei externen Unternehmen wie Plus-Secur dagegen wird von jedem Beschäftigten eine sogenannte Sachkundeprüfung abverlangt. Bundesweit nimmt sie die Industrie- und Handelskammer vor, geprüft werden dabei schriftlich und mündlich unter anderem Rechtsgrundlagen (auch Datenschutzrecht und Waffenkunde) und Kenntnisse der Sicherheitstechnik – aber ebenso der Umgang mit Menschen, das Verhalten in Gefahrensituationen und Deeskalationstechniken.

„Die Sachkundeprüfung ist im Grunde eine Art Führerschein, mit der nachgewiesen wird, dass das Sicherheitspersonal vor allem in rechtlichen Fragen sachkundig und qualifiziert ist“, erklärt Stephan Kammerer, Referent für Aus- und Weiterbildung der IHK Karlsruhe. „Früher war es ein schwarzes Gewerbe.“ Vormals mussten Anwärter lediglich an einer Unterrichtung teilnehmen, erst seit Februar 2003 gibt es nun die Prüfung.

Dass diese heute durchaus zum Stolperstein werden kann, zeigen die Durchfallquoten: In Karlsruhe, wo auch die Sicherheitskräfte aus Freiburg geprüft werden, sind im vergangenen Jahr 47,2 Prozent der insgesamt 447 Teilnehmer an der schriftlichen, 10,1 Prozent an der mündlichen Prüfung gescheitert. Ein klarer Aufwärtstrend zeige sich beim Anteil der weiblichen Bewerber, so Kammerer. Körperliche Voraussetzungen spielten keine Rolle, das Spektrum der Anwärter sei denkbar breit gestreut – „von der Ärztin bis zum Bodybuilder.“ Auch ganz allgemein tue sich im Bewachungsgewerbe gegenwärtig einiges: „Es gibt nun Ausbildungsberufe, Weiterbildungsabschlüsse, Aufstiegsqualifizierungen. Da wird sich in Zukunft noch so manches bewegen.“

Dass indes nur die bei externen Sicherheitsunternehmen angestellten Türsteher die Sachkundeprüfung ablegen müssen, hat seine Ursache im Bürgerlichen Gesetzbuch. „Es ist die Interpretation einer rechtlichen Situation und insofern unstrittig“, erklärt Kammerer. „Ich kann mich und mein Eigentum privat schützen lassen, von wem ich will.“ Auf der Website der IHK Karlsruhe wird die Lage wie folgt erklärt: „Angestellte in einem Kaufhaus, die die Aufgabe haben auf die Waren aufzupassen, bewachen keine fremden Gegenstände. Angestellte einer Diskothek, die dort als ‚Türsteher’ tätig sind, bewachen ebenfalls kein fremdes Gebäude - folglich liegt keine Tätigkeit im Sinne des § 34 a GewO vor.“

Auch wenn die Situation gesetzlich klar geregelt ist: Für viele Türsteher bedeutet die Sachkundeprüfung einen entscheidenden Unterschied. „Viele, die die Prüfung nicht gemacht haben, kennen ihre Grenzen nicht und haben etwa in Rechtsfragen große Wissenslücken“, erklärt Alex.



Für ihn und seine Kollegen bleibt es an diesem Abend in der Jackson Pollock Bar zumeist ruhig. Die Türsteher an Vorder- und Hintereingang sind per Funkgerät ständig in Kontakt, falls eine Seite Verstärkung braucht. Einmal wird davon Gebrauch gemacht, auf der Theatertreppe ist eine kleine Rangelei ausgebrochen. Ansonsten bringt der Abend lediglich ein bisschen gediegene Empörung („Seh ich etwa nicht aus wie 20?“), tollpatschige Unschuld („Oh, Kasse?“) und gereizte Bemerkungen von einigen offenkundig Alkoholisierten, die nicht hereingelassen werden.

„Die Leute, die Stress machen, sind grundsätzlich betrunken“, erklärt Benni. „Aber allgemein ist das Publikum im Kamikaze und in der Jackson Pollock Bar ganz angenehm.“ Zur Wehr setzen müssten sich die Türsteher oft eher gegen Schmeicheleien denn gegen Handgreiflichkeiten: „Viele Mädels glauben, mit einem netten Augenaufschlag umsonst reinzukommen.“ Immerhin: Es bleiben die einzigen Schläge des Abends.

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