Weiße Mäuse in der Uni und Sink holes am Schlierberg: Fünf spannende Geo-Phänomene in Freiburg

Iris König

Wir haben fünf geologische Besonderheiten aus Freiburg für euch zusammengestellt, die den müden Gang zur Vorlesung, die obligatorische Stadführung mit den Eltern oder das nächste Bier auf dem Augustinerplatz mit geologischem Hintergrundwissen aufpeppen können. Wo es Sink holes auf dem Schlierberg gibt und wo Fossilien in Freiburger Hausfassaden stecken:

Geologie? Im Alltag interessiert sich fast niemand dafür. Nur wenn irgend etwas sehr selten oder ganz besonders schön ist, wenn etwas kaputt geht, oder - im schlimmsten Fall - wenn jemand zu Schaden kommt, ist Geologie ein Thema. Als Freiburg im Mai 2009 von einem Erdbeben der Magnitude 4,5 erschüttert wurde, erlebten die Freiburger das nächtliche Gerüttel auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Doch es muss nicht immer ein Skandal sein wie in Staufen, wo den Bewohnern aufgrund von missglückten Geothermiebohrungen der Putz von den Wänden bröckelt und Existenzen bedroht sind. Es muss auch nicht immer eine Katastrophe wie ein Erdbeben, extreme Hochwasser oder ein Tsunami sein, um die Naturgewalten - geologische Prozesse und deren Produkte - wahrzunehmen.


In Freiburg gibt es so manches geologisches Schmankerl zu entdecken, über das wir – ohne es zu bemerken - tagtäglich laufen, auf dem wir sitzen, das wir übersehen oder vor dem wir uns fürchten (könnten). Der Freiburger Geologe und Buchautor Matthias Geyer zeigt interessierten Besuchergruppen bei seinen thematische Stadtführungen geologische Phänomene in der Stadt. Uns hat er fünf Orte verraten.

1. "Weiße Mäuse“ im KG II

Wenn von Millionen von „weißen Mäusen“ im Kollegiengebäude II der Uni Freiburg die Rede ist, dann ist das nicht etwa ein Fall für den Kammerjäger, sondern die umgangssprachliche Bezeichnung einer mineralogischen Besonderheit.

Ein genauer Blick auf den Boden des KG II lohnt sich, denn dort tummeln sich so genannte „weiße Mäuse“ auf dem Boden, auf der Treppe und auf den Säulen im Erdgeschoss. Gemeint sind die rechteckigen, im Schwarzwälder Granit teils perfekt gewachsenen, weißen Feldspat-Kristalle.



2. Sink holes auf dem Schlierberg

Wenn sich ohne Vorwarnung plötzlich ein riesiges Loch im Boden auftut und ganze Bäume, Autos oder sogar Häuser in die Tiefe gerissen werden, dann handelt es sich höchstwahrscheinlich um die sehr extreme Form einer so genannten Doline, ein Prozess, der auf englisch auch "Sink hole" genannt wird.

In Freiburg ist eben dieses geologische Phänomen beobachtet worden, das – in seiner Extremform auftretend – vor allem durch spektakuläre YouTube-Videos in das Bewusstsein vieler Menschen gelangt ist.





Die YouTube-Filme zeigen meist Fotos oder Videoaufnahmen von riesigen Löchern in der Erdkruste, die ganze Bäume, Autos oder sogar Häuser verschlingen.

Dolinen sind typische Oberflächenform in Karstlandschaften und sind im kleineren Ausmaße seit Ende letzen Jahres auch im Gebiet der Kapellenwiese am Schlierberg aufgetreten. Doch kein Grund zur Panik, Freiburgs edles Wohnviertel ist nicht in Gefahr, die Tiefe der Löcher beträgt nur etwa einen Meter. Das könnte höchstens einem taschengroßen Schoßhund zum Verhängnis werden.

 

3. Eiszeit-Reste auf dem Augustinerplatz

Der Augustinerplatz und seine Treppenstufen ist einer der beliebtesten Plätze Freiburgs, auf dem sich jeden Sommer unzählige junge Schüler und Studenten vergnügen. Doch warum geht es dort eigentlich bergauf und was ist das Besondere daran?

Auf dem Augustinerplatz treffen junge Menschen auf alte geologischen Relikte aus der Eiszeit, denn: Die Treppen liegen genau auf dem Rand des Dreisam Schwemmkegels. Dort, wo die eiszeitliche Terrasse in die tiefer liegenden Auen der Dreisam übergeht, entsteht ein Gefälle von Norden nach Süden, also vom Münster aus in Richtung Gewerbekanal.



4. Edelsteine und Fossilien in Hausfassaden

Was für den Schmuck der Ehefrau gut genug ist, muss auch für die Hausfassade ausreichen. So oder so ähnlich könnten die Architekten argumentiert haben, als sie den „Kashmir White“, so die Architektenbezeichnung, als Fassadenstein für das heutige Gebäude der Südwestbank in der Eisenbahnstraße 66, ausgewählt haben.

Das magmatische Gestein ist überwiegend weiß, umso deutlicher stechen die darin eingeschlossenen roten Granatminerale hervor.



In den Schaufenstern des Juweliergeschäft Raths im Oberlinden 21 kann man nicht nur exklusiven Schmuck, sondern auch seltene Fossilien entdecken. Dass sich versteinerte Korallen in Freiburger Hausfassaden wieder finden, ist eigentlich gar nicht so abwegig, denn die Region war während der frühen Trias einige Millionen Jahre lang vollständig von Meer bedeckt.

Auch wenn für die Hausfassade des Juweliers kein regionaler Kalkstein verwendet wurde, sondern ein Kalkstein aus Hessen, sind die bis zu einem Zentimeter großen Korallenfossilien gut zu sehen. Mit etwas Vorstellungskraft kann man sich in längst vergangene Zeiten zurück denken, in denen Freiburg tatsächlich am Meer lag.



5. Grabenbruch mit Krokussen

Was blüht denn da? Die Krokusse im Stadtgarten sehen nicht nur schön aus: Östlich der Mozartstraße, auf Höhe der Katholischen Akademie markieren sie die Verwerfung des Grabenbruchsan, welche den Schwarzwald vom Oberrheingraben trennt.

Jedes Jahr im Frühling, wenn die Krokusse von März bis Juni ihre blau-gelbe Farbenpracht entfalten, ermöglichen sie gleichzeitig einen Blick auf die geologischen Prozesse im Untergrund und verraten, dass sich Freiburg auch heute noch weiter absenkt. Liegt Freiburg vielleicht doch eines Tages am Meer?



Die sechs Standorte in einer Google Maps Karte:

 

Zur Person


Dr. Mathias Geyer
arbeitet freiberuflich und bietet neben Exkursionen für die Uni und die PH Freiburg auch Schulausflüge, Betriebsreisen und touristische Touren zu verschiedenen geowissenchaftlichen Themen in Freiburg und ganz Baden-Württemberg an. Für den kommenden Sommer sind unter anderem Tagestouren zum Thema „Fassadensteine in der Salzstraße“ und eine Exkursion zur Freiburger Stadtgeologie geplant. Alle Details gibt es auf seiner Website geotourist-freiburg.de.

Mehr dazu:

  [Foto 1 "Weiße Mäuse": Iris König; Foto 2 "Dolinen": Matthias Geyer; Foto 3 "Augustinerplatz": Iris König; Foto 4 "Kashmir White": Matthias Geyer; Foto 5 "Korallen": Matthias Geyer; Foto 6 "Krokusse": T. Huth/LGRB]