Weinblogger (3): In Golfschuhen zum Rebschnitt

Ronald

In der zweiten Folge hat Weinblogger Ronald beschrieben, wie er in Burgund nach den Anbaukniffen der Profis gefahndet hat. Jetzt geht es für ihn selbst zur Sache: Die ersten Gehversuche im eigenen Berg.



Zurück in Freiburg galt es, mit dem neu erworbenen Wissen den „eigenen Berg“ zu begutachten. Am Anfang stehen der Rebschnitt und das Einbinden. Wir hatten ausgemacht, dass ich dabei Hilfe bekommen sollte, da ich zwar theoretisch wusste, wie es gehen muss, aber die Praxis ist bekanntlich etwas anderes.


Meine Verpächter nahmen sich dieser Aufgabe an und zeigten mir die Grundtechniken. Die nach landläufiger Meinung qualitativ hochwertigste Art, die Pinot-Reben zu pflegen, ist der „einfache Guyot“ mit einer Fruchtrute (es gibt auch einen doppelten).

Hierbei wird das gesamte Holz der Rebe bis auf einen Ast abgeschnitten. Die Kunst ist es nun, den richtigen auszuwählen und über die Rebe an den Weinbergdraht zu binden. Das sollte passieren, ohne dass die Rute bricht. Es hat ein paar Ruten gekostet, bis ich das Prinzip verstanden hatte und nicht jede der mir anvertrauten Reben hat dieses Jahr noch eine. Haben Sie schon einmal versucht, handwerkliche Arbeit zu verrichten, während Sie in einem Steilhang stehen, der vom Regen total aufgeweicht ist?

Alle paar Minuten habe ich mein Gewicht von einem aufs andere Bein verlagern müssen, was die Arbeit nicht unbedingt einfacher machte. Nach einer Stunde – ich hatte da bestimmt schon 20 Reben von 700 geschnitten, zitterten die Wadenmuskeln schon krampfartig.



Am Ende dieses Tages bin ich bestimmt ein dutzend Mal Teile des Bergs auf dem Hosenboden hinabgerutscht, ohne auch nur eine Chance auf festen Halt zu haben. Ich war mal Leitungssportler, aber auf diese Belastung überhaupt nicht vorbereitet.

Während ich die anderen Winzer beim Rebschnitt beobachtete, wie sie gemsengleich durch den Berg kletterten, machte ich mir ernsthafte Gedanken zu meinen sportlichen Trainingsmethoden.

In fünf Stunden waren knapp 80 Reben geschnitten und gebogen, zehn davon gebrochen und weitere zehn Reben haben dieses Jahr eben gar keine Rute. Bei diesem Resultat wollte ich mir mein Engagement nochmal gründlich überlegen. Am nächsten Tag schaffte ich 120 Reben mit weniger Fehlern, am darauf folgenden Tag den Gang zum Arzt, da ich eine heftige Sehnenscheidenentzündung im rechten Arm hatte. So lernte ich dann auch, Reben mit links zu schneiden, bis auch diese Hand aufgab. Zwangspause.

Ich hatte einen extrem kurzen Schnitt gewählt, um damit die Grundlagen für hohe Qualität zu legen. „Ertragsreduzierung“ ist hier das Zauberwort, das noch nicht alle Winzer in ihrem Sprachschatz haben. Der Winzer begrenzt hiermit die Möglichkeit der Rebe viele „Triebe “ auszubilden, in dem man ihr nur vier bis sechs Augen stehen lässt, aus denen die Triebe herauswachsen. Man akzeptiert damit niedrigere Erträge, hat damit aber die Chance auf wesentlich bessere Qualität.

Auf meinen Fotos von Romanee Conti konnte ich genau erkennen, dass die Winzer in Burgund auf vier Augen reduzieren und das waren schließlich meine Idole. Das also war schon mal okay, doch wie konnte ich das Gerutsche im Steilhang umgehen?



Stollenschuhe mussten her. In der Uni musste ich nahezu alle Sportarten machen, also hatte ich auch noch Spikes und Fußballschuhe in irgendwelchen Kisten. Sobald ich meine Hände wieder bewegen konnte, ging ich mit meiner Schuhauswahl in die Reben.

Die Spikes griffen nur an den Ballen und waren viel zu leicht, die Stollen der Fußballschuhe waren zu breit, um richtig zu greifen. Beim Surfen im Internet kam mir dann die zündende Idee. Golfer. Die laufen doch auch im Matsch, teilweise auf sehr bergigen Plätzen, die mussten doch das richtige Schuhwerk haben.

Ich ersteigerte nun ein paar gebrauchte Golfschuhe und sobald sie da waren, ging es wieder in den Berg. Glücklicherweise hatte es gerade geregnet und das Hardcoreszenario mit Matsch und glitschigem Gras war angerichtet.

Bingo. Ab diesem Zeitpunkt laufe ich nun mit Golfschuhen in die Reben und so mancher Wanderer, der mich mit meinen „weißen Golfschuhen mit Lasche“ aus den Reben kommen sah, hatte einen verdutzten Gesichtsausdruck.

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