Weihnachts-(Fr)ess-Typologie

Meike Riebau

Weihnachtsbraten oder Toast Hawaii? Eine (mehr oder weniger repräsentative) Umfrage in meinem Bekanntenkreis hat ergeben: Das Weihnachtsessen ist ziemlich aussagekräftig. Ob Kartoffelsalat mit Würstchen oder 10-Gänge-Menü: Sage mir, was du isst, und ich sage dir, was du bist. Eine Kleine (Fr)ess-Typologie.

Der Große Braten

Hier ist Mutti Obermanagerin. Weihnachten ist ihr geliebtes Hassfest. Denn obwohl sie sich jedes Jahr wieder selbst predigt, „diesmal alles ganz entspannt“ angehen zu lassen, ist sie am Ende nur noch am Rotieren. Während Papa sich noch mal zum Frühschoppen trifft, ist Muttern längst in ihrer Rolle als Cheflogistikerin: Gestaubsaugt wird mit links, mit rechts werden herrische Kopfbewegungen mit Anweisungen zum Weihnachtsbaumschmücken gegeben und gleichzeitig muss der Herd im Auge behalten werden.
Außerdem müssen die Großeltern empfangen und bespaßt werden, und die letzten Weihnachtskarten an die entferntesten Cousinen verschickt werden. Jeder, der es wagt, sich auf dem Sofa zu fläzen und den Weihnachts-Blockbuster zu gucken, bekommt böse Blicke zugeworfen. Wenn dann auch noch der Braten zerfällt/zu zäh wird – ja, dann ist Weihnachten erstmal nicht mehr so schön, getreu dem Motto: Wenn Mutti nicht glücklich ist, ist keiner glücklich. Die Hoffnung für das nächste Jahr: ein Catering-Service.

Der Klassiker: Kartoffelsalat mit Würstchen

Hier ist die Welt noch in Ordnung. Mutti und Vati nennen sich auch gegenseitig Mutti und Vati und die Rollen sind seit Jahren fest verteilt: Vati kauft den Baum und schmückt ihn (natürlich nur nach An – und Einweisung seiner Frau) und Mutti schnippelt liebevoll in der Küche, macht die gute Miracel-Whip-Mayonaise an, und gegessen wird pünktlich um sechs. Die Geschenke gehören schon seit Jahren in die Kategorie praktisch und bekannt: Er von ihr einen Bademantel, sie von ihm ein Paket Kaffee und Duschgel. Um 20.15 gibt es „Weihnachten mit Marianne und Michael“. Ehrlich gesagt hätte ich ziemlich gerne mal so ein Weihnachten, denn bei allem, was es an hochherrschaftlichen Festivitäten nicht hat: Es ist entspannt und harmonisch. Welche Familie kann das denn noch von sich behaupten?

Toast Hawaii

Pragmatisch, praktisch, unprätentiös: Hier wird nicht groß gefackelt, warum auch? Bei diesem Essen wird erstens wenig Zeit mit der Zubereitung verschwendet, zweitens hängt man nicht ewig zusammen am Tisch rum. Ein gutes Hawaiitoast ist zwar nicht zu verachten, aber wahre Gourmets wird man in dieser Familie wohl eher nicht finden. Das reduziert Konfliktpotenzial – der klassische Familienkrach bekommt hier gar nicht erst die Chance, auszubrechen: Je geringer die Erwartungshaltung, desto entspannter sind alle beteiligten. Andererseits…man muss ja nicht gleich zum Kitschkönig werden, aber mangelt es nicht vielleicht ein wenig an…Gefühl?

Foie Gras, Créme brulee und feiner Trüffelbraten

Weihnachten wird hier stilvoll zelebriert. Selbstverständlich passt die Deko farblich zu den Farben des Wohnzimmers, selbstverständlich wird hier kein hässlicher Nippes aufgestellt. An der Zwei-Meter-Nordmann-Tann hängen einige große blaue Kugeln, Bienenwachskerzen und selbst das Geschenkpapier passt farblich zur Deko, kitschiges Schneemannpapier kommt hier nicht unter den Baum.  Das Essen stammt vom Feinkostgeschäft um die Ecke, von Stress wie bei unserer Oberlogistikerin keine Spur.
Hier weiß man noch, was sich gehört: Anzug, Kirchgang, der Messias von Händel im Hintergrund während des Essens und nachher werden die Sprösslinge zu einem kleinen Beitrag aufgefordert, am Flügel/Cello/Violine. Danach findet bei Müller-Meiers noch ein kleiner Umtrunk statt, während sich die erwachsenen Kinder aufmachen, um edel wegzugehen, selbstverständlich in Cocktailkleid bzw. Anzug.
Ach, warum kann nicht jeden Tag Weihnachten sein?

Raclette

Auf dem Tisch liebevoll gebastelte Strohsterne, Platten mit selbstgebackenen Plätzchen und eine Tanne, geschmückt mit allem, was der Deko-Korb so hergegeben hat. In der Küche stehen hunderte Schüsselchen mit Käse, Ananas, Nudeln, Speck und anderen Raclettezutaten bereit. An den Fenstern Kunstschnee und auf dem Dach ein kleines Rentier – hier ist ganz klar, welches Fest gerade stattfindet, denn Mama ist schon seit Wochen damit beschäftigt, das Haus zu behängen wie einen Kirmeswagen. Ob das Goldlametta zu den kleinen Putten im Fenster und den Leuchtpyramiden passt ist zweitrangig. Hauptsache, es glitzert. Und so ist auch das Essen: Hauptsache, warm, viel, und große Auswahl, für jeden ist was dabei. Klingt stark nach Großfamilie mit Kindern allen Alters, deren Basteleien der letzten drei Jahrzehnte jedes Jahr wieder hervorgeholt werden, selbst wenn die Kleinen selbst schon längst aus dem Haus sind.