Weihnachten ist eine polnische Paprikawurst

Dirk Philippi

Weihnachten hat viele Gesichter: Leute, die Bäume umhacken, Eunuchen-Singgruppen, Wurstaufschnitt in Geschenkpapier und Mix-Tapes von Roger Whittaker. Nirgendwo aber ist die besinnliche Zeit so [hübsch] zu erleben wie auf einem Weihnachtsmarkt. Eine Anekdote zum bevorstehenden Fest.



Als ich letzte Woche von einer „guten Bekannten“ (lat.: Beinahe-Beziehung) auf den Freiburger Weihnachtsmarkt eingeladen werde, ist es wie immer: Pralle Hintern wölben sich in Skiunterwäsche, bleiche Häute erröten dank Reibungswärme, irgendwo verfängt sich ein Zwillingskinderwagen an einem Daunenanorak und von der Tüten-Glühwein-Theke tönt es "Stößchen Ihr Lieben". Das traditionelle Betriebskomasaufen hat die Plätze am Stehtisch nebenan eingenommen, eine ausgewaschene Dauerwelle nebst der „guten Bekannten“ (lat.: Absturz-Potenzial) ordert eine Zehnerkarte Pennerglück und jeder Furz riecht nach Spekulatius. Lediglich die sonst übliche rote Zipfel-Armee hat im Vergleich zum Vorjahr deutlich an Präsenz verloren. Eine Krise der Weihnachtsmützen-Industrie? Ein Zugeständnis der SPD an die große Koalition? Ich trinke mein Glas Süßstoffwasser aus, verabschiedete mich aus Zeitmangel (lat.: Weder Absturz noch Beinahe-Beziehung in Aussicht) und trotte mit sofort einsetzendem Kopfwummern weiter zu meinem Lieblingsstand.


Ja, ich gebe es zu: Auch ohne solche Einladungen schlendere ich regelmäßig mindestens zwei bis drei Mal pro Saison durch das überschaubare Hüttendorf am Rathaus, dort wo Fischbuden ähnliche Bretterverschläge durch Tannenhaut zum Weihnachtsmarkt mutieren. Dabei trage ich stets Kopfhörer und höre im Wechsel die Test Icicles („Biggest Mistake“) und Morrissey („I Have Forgiven Jesus“). Das passt nicht, macht aber nichts, schließlich ist das hiesige Ostervorspiel ja auch eine ganz schräge Veranstaltung.



Ursprünglich konnten sich die Menschen auf Weihnachtsmärkten zu Beginn der kalten Jahreszeit mit Winterschutzutensilien ein- und zudecken. Heute warte ich nur noch auf den vietnamesischen Kippenverkäufer, der sich hinter dem Stand mit den ganz, ganz kleinen, süßen Figürchen, die von noch viel kleineren, ganz arg süßen Händchen, irgendwo ‚Made in Wasweißich’ gemacht wurden, versteckt. Wenn schon kein Erlöser erscheint, dann doch wenigstens ein ordentlicher Reibach! Im Zimt-, Nelken- und Räucherstäbchen-Rausch steh ich nun ohne Lust auf Weltumsturz und Zeitkritik vor der örtlichen Grillbutze, dem eigentlichen Grund meines Kommens. Ich habe Hunger.

"Was ist das für eine?", frage ich meinen Stamm-Bratwurstverkäufer – eine Antwort seinerseits mitnichten vonnöten. Natürlich weiß ich schön längst, was der Mann aus Polen mir antworten wird, aber heute will ich mal den Prophezeier mimen. „Das ist eine Polnische!“ – Ha! Das wusste ich, dass er das sagen wird. Das sagt er immer. „Eine Paprikawurst“, spricht mein polnischer Mundschenk und wischt sich das Bratfett aus den Augen. Da liegen sie vor mir, eine neben der anderen. Das Brät windet sich in den Därmen und die aufgepilzten Enden dieser polnischen Heiligtümer rufen nach mir: „Geboren um gerichtet zu werden!“



Als ich die Mahlzeit freudestrahlend in Empfang nehme, schenkt mir Marek ein „Frohes Weihnachten!“, was ich dankend erwidere. Marek weicht geschickt ein, zwei Fettattacken auf seinen Unterarm aus und lehnt sich für einen Moment über die Theke.  Mir entfährt ein beliebiges „Schon stressig hier, oder? Freust Du Dich überhaupt noch auf Weihnachten?“. Marek: „Ja sicher freue ich mich, mein Freund. Ich freue mich immer auf Weihnachten. Dann nämlich, wenn es vorbei ist. Dann kann ich endlich nach Hause zu meiner Familie fahren, in den Urlaub!"

Ich beiße in die würzige Paprikamasse, muss an Pfarrer Jürgen Fliege denken und ziehe mit einem Knorpel zwischen den Zähnen ab. Noch von weitem höre ich ein neugieriges „Was ist das denn für eine?“ –
„Eine verdammte Weihnachtswurst ist das“, murmle ich.

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