Weihnachten daheim? Wie 5 fudder-Autoren das Fest feiern

fudder-Redaktion

Kirche, Schnaps und Rolf Zuckowski: Weihnachten ist das Fest der Rituale. Wir haben fünf fudder-Autorinnen und Autoren gefragt, wie sie es verbringen wollen:



Grüne Klöße und Rosenkohl

Ich bin bekennend räucherkerzchensüchtig. Für mich bedeutet der Weihrauchduft aus dem Räuchermännchen ultimative Heimatgefühle. Doch während zu Hause die Fenster mit Lichtern geschmückt sind, geht es in Freiburg vergleichsweise trübe zu. Für mich ist darum ein Weihnachten ohne Nussknacker, Schwibbogen, Engel und Bergmann ebenso undenkbar wie ein Heiliger Abend ohne Grüne Klöße und Rosenkohl.

Als Erzgebirglerin in Freiburg bedeutet so eine Fahrt nach Hause eine Reise, die mehr als 600 Kilometer lang ist. Sie ist verbunden mit verspäteten Zügen, überfüllten Abteilen und schwerem Gepäck. Und trotzdem trete ich sie immer wieder wieder mit großer Freude an.

Auch der Überraschungseffekt zu Weihnachten selbst ist - jedes Jahr wieder - nicht zu verachten: Mal feiern die Großeltern am Heiligen Abend mit auf unserem Hof, mal nicht. Mal ist der Bruder bei den Schwiegereltern, mal mit zu Hause. Und dieses Jahr wird mein erster Neffe, gerade zwei Monate alt, mit dabei sein. Er saugt das erzgebirgische Weihnachten genauso mit der Muttermilch ein wie ich anno dazumal - und wie ich wird er die Schönheit dieser Traditionen vielleicht erst bemerken, wenn sie nicht mehr selbstverständlich sind. [Miriam Helbig]

Im ICE 519

Ich schreibe diesen Text von Brüssel kommend im ICE 519, zwischen Köln und Frankfurt, bei einer Verspätung von 15 Minuten. Seit sieben Jahren mache ich das jetzt schon, an Weihnachten nach Hause fahren, mit Zug, Flugzeug oder Auto. Immer von der Großstadt zurück aufs Land. Tatsächlich "zurück", nicht nur nach Hause, auch etwas in die Vergangenheit. Vom Trubel und Getöse der Uni- oder Arbeitswelt, in mein 1000-Seelen-Dorf, wo jeder jeden kennt, jeder mit jedem und über jeden spricht. Da gibt’s auch eigentlich keine Diskussion, dass ich das mache, jedes Jahr zu Weihnachten, das steht nicht zur Debatte. Alle meine Freunden machen das, wo soll ich denn sonst hin? Man fährt nach Hause.

Es ist jedes Jahr der Abschluss eines neuen, ereignisreichen Jahres. Man kehrt heim und kommt zur Ruhe. In den Tagen vor Heiligabend trinke ich gemütlich mit Freunden Glühwein auf dem Freiburger Weihnachtsmarkt, meistens am 23. Dezember, bis die Stände für eine Jahr wieder zu machen. Die Feiertage verbringt man mit der Familie und danach gibt’s immer noch ein Treffen mit jenen Freunden, die vor Weihnachten noch keine Zeit hatten. Dann ab, irgendwohin für Silvester. Nach zehn Tagen ist auch wieder gut mit Heimat.

Und ohne besonders religiös zu sein, finde ich es immer ganz schön, daran zu denken, dass das ja vor jetzt 2014 Jahren genauso war. Da sind auch Menschen im ganzen Land nach Hause gereist. Es ist also eine Weihnachtstradition, die so lange existiert wie Weihnachten selbst.

Irgendwann wird es einen Bruch geben, so stelle ich mir das zumindest vor. Dann fahre ich nicht mehr zu Mama und Papa, sondern meine Eltern kommen zu mir. Und meiner Familie, nach Hause. [Fabian Fechner]

Last Christmas

Weihnachten feiere ich nicht. Ich fühle mich von diesem normalisierten christlichen Kitsch, Familienpathos und der stressigen Schenkfreude nicht angesprochen. Letztes Jahr hatte ich aber eine der schönsten Zeiten an den Feiertagen: Drei Freundinnen besuchten mich in meiner damaligen Studienstadt Linköping in Schweden, wir kochten ein veganes Festbüffet und fuhren zu einer Freundin. Ihre kleine Wohnung verwandelten wir in einen vom Geburtstag Jesu weit entfernten Ort, wo die Pet Shop Boys, Icona Pop, Wham, Gemüsepie, Kartoffelgratin, Köttbollar, Himbeertiramisu, Mousse au Chocolate, Julmust (schwedische "Weihnachtscola") und Moscow Mule die höchste Aufmerksamkeit bekamen. Fun Fact: Ich erfuhr an diesem Abend auch, dass Tokio Hotel in Schweden beliebter sind als hierzulande.

Insgesamt waren wir zu acht, lagen mit aufgequollenen Bäuchen auf dem Bett und genossen das Suppenkoma. Kalt war's draußen, geschneit hat es aber zum Glück nicht. Wir quetschten uns zu fünft ins Taxi, freundeten uns mit dem Fahrer an und schliefen zusammengedrückt in meinem 12-Quadratmeter- Zimmer. Den Abend dokumentierte ich mit kleinen Clips, die ich zu einem Video zusammenschnitt. Der Titelsong ist "Always On My Mind" - natürlich von den Pet Shop Boys.

Am ersten Weihnachtstag, also einen Tag später, trafen wir uns wieder bei besagter Freundin, diesmal in einer größeren Gruppe und mit mehr Schnaps. Alle Partyklischees über Schweden bestätigten sich meinen Gästen innerhalb weniger Stunden. Ein bisschen Kultur sollten sie schließlich auch mit nach Hause nehmen. [Hengameh Yaghoobifarah]

Nicht perfekt, aber okay

Alle Jahre wieder fahre ich an Weihnachten nach Frankfurt am Main. Meine Eltern wohnen in einem Vorort namens Bad Vilbel. Ich freue mich jedes Mal riesig, weil ich ein treuer Fan von Weihnachten bin. Nicht wegen Jesus, der Geschenke (also gut, vielleicht ein bisschen) oder dem kitschigen Klimbim - sondern wegen der friedlichen Zeit mit der Familie. Als ich klein war, lag immer etwas sehr Harmonisches in der Luft an Weihnachten. Der Duft des Weihnachtsbaums, gemeinsames Essen, singen, Brettspiele.

Mittlerweile, seit ich "erwachsen" bin sozusagen, habe ich immer große Erwartungen und am Ende bin ich etwas enttäuscht - weil es eben doch nicht so wundervoll ist wie früher. Da ist der Bruder, der abends noch zu Freunden will, da sind die Eltern, die sich ein bisschen eingesessen haben in ihrem Sofa ohne Kinder. Trotzdem: Der Gottesdienst ist jedes Jahr ein Höhepunkt. Ich bin nicht gläubig, aber in einer kleinen, knuffigen Kirche ein Stück den Berg hoch gibt es bei uns einen Spätgottesdienst um 23 Uhr. Am Ende singen alle "Stille Nacht", nur bei Kerzenlicht. In dem Moment atmet die ganze Kirche auf – egal, was das Jahr über für ein Mist passiert ist.

Weihnachten ist leider nicht mehr so magisch und perfekt wie früher. Aber zu erwarten, dass man durch Erwachsenenaugen so schön wie durch Kinderaugen sieht, ist auch etwas naiv. Ich freue mich trotzdem wie irre, meine Familie zu sehen und bei Kerzenschein zu singen. Es wird nicht perfekt sein, aber das ist okay. [Lena Prisner]

Drei Mal Chris Rea

Gründe, um für Weihnachten nach Hause zu fahren, gibt es viele, denke ich. Da wäre die Familie, die man unter dem Jahr ja doch nicht ganz so oft wie früher sieht. Die Freunde, welche ebenfalls in andere Städte gezogen sind, um studieren zu gehen - oder auch nicht.

Fest steht jedenfalls: An Ostern, den Geburtstagen von Oma Klara und dem Klassentreffen hat man zu wenig Zeit, besinnlich mit einer Tasse warmer Schokolade zusammen zu sitzen und über das vergangene Jahr zu plaudern. Meistens enden Ostern, die Geburtstage und das Klassentreffen in wilder Sauferei oder dem hin und her Springen zwischen Freunden, die man schon lange nicht mehr gesehen hat.

Doch nicht so an Weihnachten. Hier herrschen noch Ruhe und Ordnung. Man singt, backt und geht in die Kirche - zumindest an Heiligabend. Feiern kann man schließlich in Freiburg zu Genüge.

Gründe, um an Weihnachten nach Hause zu fahren, gibt es also wie Schneeflocken auf dem Feldberg. Mein Hauptgrund für Weihnachten in der Heimat ist jedoch gleichzeitig mein alljährliches, weihnachtliches Ritual:
Chris Reas "Driving Home for Christmas" auf der Heimfahrt mit der Bahn zu hören, und zwar genau drei Mal. Warum drei Mal? Ganz einfach: So lange dauert es bis ich in meiner Heimat bin - in Waldkirch-Buchholz. [Marius Notter]

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[Foto: Alina G/Fotolia.com]