Weihnachten bei Nichtchristen

Anita Reiter

Christen auf der ganzen Welt genießen in diesen Wochen die Vorweihnachtszeit. Doch wie erleben Freiburger, die einer anderen Religion angehören, diese Tage? Was bedeutet ihnen Weihnachten? Fudder hat mit einem Moslem, einem Juden und einer Buddhistin gesprochen.



Hüseyin Keser, Moslem


Hüseyin Keser ist 38 Jahre alt und Besitzer eines Schmuckladens in der Freiburger Innenstadt. Er kommt aus Istanbul und ist Moslem, wenn auch nicht strenggläubig. Im Koran ist Jesus ein Prophet, nicht aber der Sohn Gottes. Deshalb feiern Moslems das Weihnachtsfest nicht.

Doch wenn man Hüseyins Geschäft betritt, sieht und hört man, dass der Besitzer kein Weihnachtsmuffel ist. Das Schaufenster ist weihnachtlich geschmückt und aus Lautsprechern erklingt englischsprachige Weihnachtsmusik. Hüseyin Keser kam vor sieben Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Der Berufseinstieg fiel ihm schwer, da er am Anfang zwar perfekt Englisch, aber kein Deutsch konnte. Für seinen Lebensunterhalt kam er dennoch immer selbst auf, betont er. Vor ein paar Jahren dann eröffnete er seinen Laden mit dem Namen Schmuckstück.

Ganz Geschäftsmann fällt Hüseyin zum Thema Weihnachten als Erstes ein, dass sein Umsatz in dieser Zeit höher ist als im Rest des Jahres. „Weihnachten bringt Geld ein“, sagt er. Bei dieser etwas oberflächlichen Betrachtungsweise bleibt es jedoch nicht: „Ich mag die Weihnachtszeit. Die Leute gehen mit einem Lächeln durch die Straßen. Sie schenken, geben und machen damit andere glücklich. Das ist schön.“ Er selbst geht in dieser Zeit gerne spazieren, um die Dekorationen und die vielen Lichter zu genießen.

Die Weihnachtsdekoration und die Musik in seinem Schmuckgeschäft gibt es also nicht etwa aus geschäftlichen Gründen, „sondern weil ich es will und schön finde“, erklärt Hüseyin. Er beobachtet in der Weihnachtszeit eine besondere Hektik auf den Straßen. Dies sei aber eine schöne Art von Hektik. Da Hüseyin Keser kein strenggläubiger Moslem ist, verzichtet er auf keine der Freuden, die die Adventszeit mit sich bringt: „Ich gehe öfter mal auf den Weihnachtsmarkt und trinke dort Glühwein“, sagt er.

Die Weihnachtstage selbst wird er aber auf keine besondere Art und Weise verbringen. Auch einen Christbaum gibt es bei ihm zu Hause nicht. Hüseyin hat ein sieben Monate altes Kind. Es werde mit christlichen Bräuchen aufwachsen, ist sich Hüseyin sicher. „Wenn mein Kind älter ist, werde ich ihm zum Beispiel am sechsten Dezember einen Nikolausstiefel schenken.“

Idan Bachar, Jude



War der erhöhte Umsatz das Erste, das Hüseyin Keser zu Weihnachten eingefallen ist, so ist es bei Idan Bachar der Glühwein. Idan ist 24 Jahre alt und kommt aus Israel. Vor fast zwei Jahren kam er nach Deutschland, um eine Lehre zum Kfz-Meister zu machen.

Derzeit steckt er mitten in den Abschlussprüfungen. Idan ist Jude, geht zu Hause in Israel aber fast nie in die Synagoge. In Freiburg ist das anders. Hier nutzt er die Israelische Gemeinde vor allem, um Landsleute zu treffen und um wieder Hebräisch reden zu können. „Es ist ein Stück Heimat“, erklärt Idan.

Auch bei den Juden gilt Jesus als wichtiger Prophet, jedoch nicht als der Messias. Auf den warten die Juden noch. Und so wird Weihnachten im Judentum nicht gefeiert. Die Weihnachtszeit in Deutschland aber hautnah miterleben zu können, findet Idan schön. Auch ihm fällt die hektische Betriebsamkeit in diesen Tagen auf: „Alle scheinen sich auf Weihnachten vorzubereiten. Sie laufen in den Geschäften umher und kaufen Geschenke. Freiburg ist wunderschön geschmückt, das gefällt mir“, sagt Idan. Ihm fällt auf, dass die Deutschen in der Adventszeit anders sind als sonst: „Ich sehe vier Wochen lang erfreute Menschen und glückliche Gesichter. Weihnachten ist einfach ein guter Grund, um zu feiern“, sagt er.

Idan Bachar lebt in Freiburg bei einem anderen Israeli und dessen deutscher Frau Sissi. Sissi engagiert sich für Obdachlose. An Weihnachten wird sie für Obdachlose eine Feier organisieren. Idan sagt, dass er Sissi bei den Dekorationen und der Essensausgabe helfen wird: „So werde ich die Weihnachtstage verbringen. Ansonsten werde ich an Weihnachten nichts Besonderes machen.“

Einen Christbaum gibt es in seinem Freiburger Zuhause nicht. Auch Geschenke wird Idan allenfalls für Sissi kaufen. „In unserer Wohnung stehen aber viele Schoko-Nikoläuse herum“, freut er sich. Ansonsten hofft er, bis Weihnachten noch einige Gläser Glühwein trinken zu können. „Weihnachten bedeutet für mich vor allem Weihnachtsmarkt.“

Kelsang Shenyen, Buddhistin



Für Kelsang Shenyen hat Weihnachten seit 14 Jahren nicht mehr die Bedeutung, die es vorher einmal hatte. Vor 14 Jahren trat sie nämlich vom Christentum zum Buddhismus über. Weihnachten gibt es im Buddhismus schon deswegen nicht, weil er keine theistische Religion ist; einen allmächtigen Gott kennt der Buddhismus also nicht.

So erklärt Shenyen auch gleich, dass Weihnachten „aus religiöser Sicht“ für sie keine Bedeutung habe. Auf den Buddhismus ist Kelsang Shenyen zufällig, über einen Freund, gekommen. Heute ist sie Lehrerin am buddhistischen Mamaki-Zentrum in Freiburg.

Anders als Hüseyin und Idan hat Shenyen eine persönliche Beziehung zu Weihnachten, da sie christlich aufwuchs. Wenn sie also in diesen Tagen durch die Freiburger Innenstadt geht und die Lichter und Dekorationen sieht, werden bei ihr Kindheitserinnerungen wach.

Überhaupt nennt sie Weihnachten „das Fest der Kinder“. Dem Stress und der Hektik, die sich in der Adventszeit auf die Menschen ausbreiten, kann Shenyen aber nichts abgewinnen: „Der Stress überlagert die Werte, um die es eigentlich gehen sollte. Statt kommerzieller Dinge sollten sich die Menschen lieber Zeit und Liebe schenken“, kritisiert sie. Und so bietet das Mamaki-Zentrum in der Adventszeit verstärkt Veranstaltungen an, in denen es um Ruhe und Meditation geht.

Shenyen wohnt in einem der Zimmer, die das Mamaki-Zentrum zur Verfügung stellt. Im Zentrum wird es in nächster Zeit noch eine Weihnachtsfeier mit Kerzen- und Tannendekoration geben. Geschenke werden in Form eines Wichtelns verteilt werden. Ihren Gemeindemitgliedern rät sie, Weihnachten im Kreis der Familie zu feiern, „weil es für die Familie gut ist“, wie Shenyen sagt. Sie selbst wird erst nach den Feiertagen ihre Familie besuchen. Weihnachten wird sie „ganz ruhig“ in der Schweiz verbringen, wo ein internationales Meditationszentrum eingeweiht wird.

Bei ihrer christlichen Familie wird Weihnachten ganz traditionell mit Christbaum und Geschenken gefeiert. „Diese Bräuche und Sitten werden in meiner Familie beibehalten und gepflegt“, erklärt Shenyen. Eines ist ihr wichtig: In Weihnachten sieht sie ein Fest, das Vorstellungen betont, die im Buddhismus und eigentlich in jeder Religion auf der Welt die zentrale Botschaft darstellen: Geben, Nächstenliebe und Besinnung.