fudder-Interview

Weibliche Bedürfnisse und Orgasmen: Was feministische Pornos leisten können

Gina Kutkat

Aus welcher Bewegung heraus sind feministische Pornos entstanden und warum sind sie für die Gesellschaft wichtig? Gina Kutkat hat bei Robin Curtis nachgefragt, die an der Uni Freiburg Professorin für Medienkulturwissenschaft ist.

Was halten Sie von der Idee, dass Freiburger Studierende einen feministischen Porno gedreht haben?

Aus der Perspektive der Medienkulturwissenschaft wünschen wir uns, dass wir Studierende produzieren, die sich mit der heutigen Medienlandschaft auseinandersetzen und durch den praktischen Anteil des Studiums auch Dinge ausprobieren, damit sie besser wissenschaftlich arbeiten können. Diese Art von praktischer Intervention ist genau das, was wir uns vorstellen. Warum sollte die Pornographie heutzutage, die so leicht zugänglich ist wie nie zuvor, aus der Auseinandersetzung mit heutigen Medien ausgeschlossen werden?
"Die Szenen in konventionellen Pornos haben wenig mit zwischenmenschlichen Begegnungen zu tun."

Die leichte Zugänglichkeit von Seiten wie Youporn oder Pornhub macht solche Seiten vor allem für junge Menschen interessant. Ist das problematisch?

Es hat einen erheblichen Einfluss auf Heranwachsende. In der Regel haben nicht nur Jugendliche, sondern auch Kinder viel früher Zugriff auf Pornographie als ihre Eltern denken. Daher muss man sich fragen, was passiert, wenn die erste Begegnung mit Sexualität im Leben eine ist, die mit einer bestimmten Ästhetik und Verkaufsstrategie geformt wird. Die Szenen in konventionellen Pornos haben wenig mit zwischenmenschlichen Begegnungen zu tun. Das ist genau das, was in der Forschung reflektiert wird. Unsere aktuellen Studierenden gehören der Generation an, die schon im Kindesalter Erfahrung mit Pornographie hatte.

Sollte sich dann auch im Sexualunterricht in den Schulen etwas ändern?

Wir sollten uns auf allen Ebenen darüber Gedanken machen, was Kinder heutzutage brauchen, um mit dieser Landschaft umzugehen. In meiner Heimat Ontario in Kanada gab es eine neue und sehr fortschrittliche Initiative für sexuelle Bildung in der Schule, die genau das reflektiert. Die Lehrenden haben viel expliziter Begriffe verwendet, um nicht nur Körperteile sondern auch sexuelle Handlungen zu beschreiben. Die Schülerinnen und Schülerinnen konnten sich dadurch melden, wenn sie betroffen waren. Dadurch sollten die Gefahren von sozialen Medien einerseits und Gefahren von Missbrauch andererseits eingedämmt werden.

"Alles orientierte sich am männlichen Orgasmus."

Wie wurden Pornos feministisch?

Pornographie ist traditionell für ein männliches Klientel geschaffen worden. Kinos, in denen Pornos gezeigt wurden, waren an Orten, an denen Frauen sich nicht wohlfühlten. Es gab keine Marktanwesenheit von Frauen, weil sie ausgeschlossen wurden. Alles orientierte sich am männlichen Orgasmus, das ist von vielen Frauen bemerkt worden. Bereits in den 70ern gab es Figuren wie Candida Royalle oder Annie Sprinkle, die interveniert haben, weil sie etwas anderes produzieren wollten. Allerdings war die Frage des Verleihs kompliziert. Durch das Internet hat sich vieles geändert: Das Publikum ist zu 50 Prozent weiblich. Das führt dazu, dass man sich fragen muss, was Frauen für Bedürfnisse haben und wie man den weiblichen Orgasmus zeigt. Das spiegelt sich in den feministischen Pornos wider.

"Es gibt wenig, was mehr mit Macht und privaten Wünschen zu tun hat als die Sexualität."

Gab es auch andere Meinungen?

Besonders in Debatten in den USA der 70er Jahre regte sich Widerstand. Es gab den Spruch: "Pornographie ist die Theorie und Vergewaltigung die Praxis". Von feministischer Seite hieß es, dass Pornographie nicht feministisch sein kann. Es gab aber auch Sex-positive Bestrebungen aus Lesbenkreisen, die besagten, dass Pornographie zur Weiblichkeit gehört. Dass es Pornos geben muss, die Frauen ansprechen. Das ist der Knackpunkt: Es gibt wenig, was mehr mit Macht und privaten Wünschen zu tun hat als die Sexualität. Was für die eine verboten gehört, ist für die andere Lust produzierend.

Wird der feministische Porno irgendwann den konventionellen ablösen?

Sie werden immer stärker auf dem Markt vertreten sein – wenn sie gut und erfolgreich sind. Frauen machen mehr als 50 Prozent der Bevölkerung aus. Wenn sie durch das Internet ungehindert und unbeobachtet Zugang zu Pornos haben, wird sich das in den Verkaufszahlen und im Angebot niederschlagen.
Robin Curtis ist geschäftsführende Direktorin des Instituts für Medienkulturwissenschaft der Uni Freiburg und Inhaberin des Lehrstuhls.



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