Wehrdienst: Zwischen Schreibtisch und Geländefahrt

Stefan Merkle

Stefan E. aus Freiburg leistet zur Zeit bei der Deutsch-Französischen Brigade in Müllheim seinen Wehrdienst ab. Stefan Merkle war auf Kasernenbesuch und beschreibt den Alltag eines Wehrdienstleistenden. [Mit Zusatzinfos rund um Wehrdienst und Musterung.]



Urlaubsanträge, Krankmeldungen, Personalakten. „Eigentlich ist es ganz normale Büroarbeit“, sagt Michael E.  angesichts dessen, was sich auf seinem Schreibtisch stapelt. Aber eben nur eigentlich. Denn bei der Büroarbeit trägt der 22-Jährige schwere Kampfstiefel sowie Tarnuniform und sein Schreibtisch steht nicht in einer Firma, sondern in der Robert-Schumann-Kaserne in Müllheim, wo E. derzeit seinen Wehrdienst bei der Deutsch-Französischen Brigade leistet.


Seit April ist der gelernte Einzelhandelskaufmann aus Freiburg Wehrpflichtiger. „Ich dachte, es ist vielleicht etwas aufregender, als Zivildienst zu machen“, begründet Michael E., warum er den Dienst an der Waffe nicht wie inzwischen die Mehrzahl der einberufenen jungen Deutschen verweigert hat. Dass es eher Dienst am Computer werden würde, hatte er nicht erwartet. „Die Grundausbildung in Sigmaringen war vielleicht so, wie ich es mir vorgestellt habe“, sagt E., „da waren wir viel draußen, hatten Waffenkunde und so, das war schon eine Umstellung, vor allem, weil man keine Privatsphäre hat. Es ist schon was anderes, wenn man zu sechst auf der Stube ist.“

Inzwischen arbeitet Michael E. in der Geschäftszimmer genannten Personalabteilung einer Kompanie mit mehr als 400 deutschen und französischen Soldaten. Viel Arbeit, vor allem am Schreibtisch. Dennoch: Der Dienst gefällt dem 22-Jährigen. „Ich wollte zur Deutsch-Französischen-Brigade“, sagt er, „weil es heimatnah ist. Ich habe schon vor der Einberufung einen Brief ans Kreiswehrersatzamt geschickt und gefragt, was es da für Möglichkeiten gibt.“ Seinem Wunsch wurde entsprochen. Er kann jeden Abend nach Hause und hat seit dem Ende der dreimonatigen Grundausbildung nachts wieder sein eigenes Zimmer.

Entgegen kommt ihm, dass jeden Tag Sport auf dem Dienstplan steht. „Wir können selbst entscheiden, was wir machen wollen. Im Sommer sind wir auch mal Schwimmen gegangen, im Winter wollen wir im Schwarzwald Skifahren“, berichtet er.

Dennoch geht er noch jeden Abend zum Kampfkunsttraining im Verein, auch deshalb war dem sportbegeisterten Freiburger wichtig, in der Nähe seines Zuhauses sein zu können. „Gerade habe ich die Prüfung zum höchsten Schülergrad abgelegt“, erzählt er. Dass es ihm gefällt, zeigt auch sein vor kurzem gefasster Entschluss, seinen Wehrdienst von neun auf 17 Monate zu verlängern. „Ich dachte erst, ich mache die neun Monate und gut ist“, sagt er. Aber wer seinen Wehrdienst freiwillig verlängert, bekommt nicht nur mehr Sold, sondern darf beispielsweise einen Lastwagenführerschein machen. Das war für E. entscheidend.

Allerdings: Wer freiwillig länger dient, kann auch im Ausland eingesetzt werden, etwa in Afghanistan. „Das wäre für mich nicht in Frage gekommen“, sagt E. entschieden.  Der Verband war bereits in dem Krisengebiet eingesetzt, einige  Soldaten haben dort ihr Leben gelassen. Aber in nächster Zeit ist für die Brigade kein Auslandseinsatz vorgesehen, das wurde E. zugesagt. Zum  Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan darf er sich nicht äußern.



Der Führerschein wird ihm auch im zivilen Berufsleben nützen, hofft E. Sein Arbeitsplatz dort ist ihm übrigens gesetzlich gesichert, obwohl er den Dienst freiwillig verlängert hat. Die Fahrstunden sind für E. neben Manövern und Schießübungen auch eine willkommene Abwechslung vom Büroalltag.

Beispielsweise die erste Fahrt mit  Geländewagen namens „Wolf“. Nach einer kurzen Einweisung durch einen erfahrenen Unteroffizier darf E. mit dem PS-starken Auto durch die Weinberge brettern. Eine spezielle Übungsstrecke gibt es in Müllheim nicht, aber auch auf den Rebwegen versinkt der Wagen in tiefen Wasserlöchern – kein Problem bei einer Wattiefe von bis zu 60 Zentimetern und Allradantrieb.

Das ist genau die Aufregung, die sich E. erhofft hat, die Geländefahrt macht ihm sichtlich Spaß. Der ist nach einer Stunde  aber vorbei: „Viel Spaß beim Putzen“, wünscht der Unteroffizier mit süffisantem Unterton im Angesicht des völlig verdreckten Wagens.

Neun Monate Grundwehrdienst

In Deutschland sind alle Männer, die Deutsche im Sinne des Grundgesetzes sind, vom vollendeten 18. Lebensjahr an wehrpflichtig. Ob ein junger Mann auch Wehrdienst leisten muss, hängt davon ab, ob er bei der Musterung als wehrdiensttauglich eingestuft wird.

Für junge Männer aus Freiburg und den Landkreisen Offenburg, Breisgau-Hochschwarzwald, Emmendingen und Lörrach ist das Kreiswehrersatzamt an der Stefan-Meier-Straße zuständig.

Ist der Gemusterte wehrdiensttauglich, kann er den Kriegsdienst verweigern, bei Anerkennung der Verweigerung muss dann ein Zivildienst geleistet werden. Verweigert er nicht, wird der junge Mann einberufen und muss neun Monate Grundwehrdienst bei  Heer, Luftwaffe oder Marine leisten.

Unter bestimmten Voraussetzungen, wie zum Beispiel einer begonnenen Berufsausbildung oder eines Studiums (ab dem 3. Semester), kann eine Zurückstellung vom Wehrdienst beantragt werden.

Die Einkünfte sind gestaffelt nach Dienstgraden. Der steuerfreie Sold liegt zwischen 282,30 Euro und 351,30 Euro. Hinzu kommen Zuschläge wie eine Entfernungspauschale bei Verwendung in großer Entfernung zum Wohnort (bis zu 204 Euro im Monat), Weihnachtsgeld (bis zu 172,56 Euro) und Entlassungsgeld (bis zu 690,24 Euro). Zudem wird der Soldat von der Bundeswehr verpflegt. Die Heimfahrten mit der Bahn sind kostenlos. Der Wehrdienst kann auf bis zu 23 Monate verlängert werden, dann stehen dem Wehrdienstleistenden je nach Anzahl der zusätzlichen Monate deutlich höhere Bezüge zu.

Auslandseinsätze sind während des neunmonatigen Grundwehrdienstes ausgeschlossen. Wer sich jedoch freiwillig länger verpflichtet, kann im Ausland eingesetzt werden, auch in Krisengebieten.Standorte, an denen junge Männer aus Freiburg und Umgebung vorwiegend ihren Wehrdienst leisten, sind Sigmaringen, Stetten am kalten Markt, Müllheim und Donaueschingen.



Die Musterung entscheidet über die Tauglichkeit zum Wehrdienst

Um die Musterung im Kreiswehrersatzamt kommt nahezu kein junger deutscher Mann herum. Nicht gemustert wird nur, wer im Vorfeld ein ärztliches Attest vorlegt, auf dessen Grundlage das Amt gleich die Tauglichkeit ausschließt. Oder, wenn die Meldebehörde der Heimatgemeinde es verschläft, die Daten an das Kreiswehrersatzamt weiterzuleiten, was immer wieder einmal vorkommen soll.

„Der Musterungstermin ist eine staatsbürgerliche Pflicht. Wer aber offen zu uns kommt, für den ist er auch immer eine Chance“, verspricht der Leiter des Freiburger Kreiswehrersatzamtes, Gerhard Meyer. Es könnten auch Wünsche geäußert und Absprachen getroffen werden.

Bis zu 50 junge Männer kommen an Musterungstagen in das Kreiswehrersatzamt an der Stefan-Meier-Straße, bis zu 8000 im Jahr. „Das Gros würde ich als neugierig bezeichnen“, sagt Meyer, „manche kommen sogar mit ihren Eltern.“ Nach der Anmeldung erwartet die jungen Leute zunächst eine medizinische Untersuchung. Darüber kursieren viele Gerüchte, in Wahrheit ist es nur eine gründliche Routineuntersuchung. Richtig ist allerdings, dass es einen Drogentest gibt. Das Amt erstattet aber keine Anzeige, sollte dieser positiv ausfallen, denn es gilt die ärztliche Schweigepflicht.

Wer beim ärztlichen Check als untauglich für den Wehrdienst eingestuft wird, kann wieder gehen. Er muss keinen Wehr- oder Ersatzdienst leisten, bei 43,7 Prozent aller Gemusterten war das im  vergangenen Jahr der Fall.

Für alle anderen steht ein Gespräch bei einem der Feldwebel der Wehrdienstberatung an. Wer sich noch nicht endgültig gegen den Wehrdienst entschieden hat, kann sich hier  über die Möglichkeiten bei der Bundeswehr informieren. „Wir nehmen uns gerne viel Zeit“, sagt Meyer. Wer sich schon dafür entschieden hat, kann im Kreiswehrersatzamt  auch Wünsche äußern, wo oder in welchem Bereich er eingesetzt werden möchte.

Ob dem entsprochen werden kann, darüber entscheiden  im Anschluss verschiedene Tests. Die so genannte Eignungsuntersuchung ist eine Mischung aus Rechtschreibprüfungen, Mathematik, Logik, Merkfähigkeit, gegebenenfalls Technik und einem Reaktionstest. Die Tests am Computer sind unterschiedlich schwer, je nach Bildungsabschluss des Kandidaten. Sogar während des Tests erschwert der Computer die Aufgaben, wenn die gestellten dem Kandidaten zu leicht fallen.

Der Musterungstermin kann auch genutzt werden, um mit dem Amt abzusprechen, wann der Wehrdienst geleistet wird. „Wenn man uns seine Lebenssituation schildert, kann darauf Rücksicht genommen werden“, sagt Meyer, beispielsweise, wenn der Kandidat zuerst die Ausbildung abschließen will. Wichtig sei, dass das Gespräch gesucht werde, am besten, bevor die Ladung zur Musterung mit der Post eintrifft. „Je früher desto besser“, sagt Meyer, „dann können wir besonders gut abstimmen, wie der Wehrdienst sinnvoll in die eigene Lebensplanung eingebaut werden kann – wir wollen eine Win-Win-Situation.“

Während der Wartezeit zwischen den verschiedenen Stationen der Musterung können sich die Kandidaten im Wartezimmer  übrigens stets an einen Kontaktsoldaten wenden.

Mehr dazu:

Außerdem gibt das Kreiswehrersatzamt schriftlich, telefonisch und in Beratungsgesprächen Auskunft: Stephan-Stefan-Meier-Straße 72,  0761.31940

[Dieser Text erschien heute ebenfalls auf der "Frisch gepresst"-Seite der Lokalausgabe Freiburg der Badischen Zeitung.]