Wegen Fliegerbombe: Stühlinger muss am Mittwoch teilweise evakuiert werden

Simone Höhl & Carolin Buchheim

Auf einen alten Blindgänger sind Bauarbeiter im Freiburger Stadtteil Stühlinger gestoßen. Das Gebiet unweit des Hauptbahnhofs wird am Mittwoch ab 11 Uhr evakuiert – betroffen sind rund 3500 Menschen.



Ab 11 Uhr an diesem Mittwoch müssen 3500 Menschen ihre Häuser im Stadtteil Stühlinger räumen. Denn ab 15 Uhr wird dort eine 500 Pfund-Bombe in der Klarastraße entschärft. Unsere Reporter berichten live:

 

Bombenfund im Freiburger Stadtteil Stühlinger: Auf einer Baustelle an der Klarastraße ist am Dienstag ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt worden. Das bestätigte die Freiburger Polizei morgens auf BZ-Anfrage.

Experten des baden-württembergischen Kampfmittelbeseitigungsdienstes haben den Fund am Mittag untersucht. Jetzt steht fest, dass es sich um eine rund 500 Pfund schwere Bombe mit mechanischem Zünder handelt, erklärt Polizeisprecherin Yasmin Bohrer. Der alte Blindgänger ist beschädigt und muss so schnell wie möglich an Ort und Stelle entschärft werden, teilt das Rathaus mit.

Evakuiert wird in einem Radius von 300 Metern

Für die Entschärfung wird aller Wahrscheinlichkeit nach in einem Radius von 300 Metern um den Fundort evakuiert werden müssen. In dem Gebiet befinden sich zahlreiche Wohnhäuser und der Hauptbahnhof. Am Mittwochnachmittag um 15 Uhr soll entschärft werden, teilten Polizei und Rathaus mit. Noch am Dienstag sollen Infozettel an alle betroffenen Haushalte verteilt werden.

Im Sperrgebiet liegt auch der Hauptbahnhof. Laut Stadtverwaltung können rund um die Entschärfung um 15 Uhr für etwa eine Stunde keine Züge fahren. Sie stoppen in Mülheim und Denzlingen, Reisende müssen mit Verspätungen rechnen. Die Stadtbahnbrücke wird befahrbar sein, aber ab einem noch nicht definierten Zeitpunkt dürfen die Trams auf der Brücke über den Hauptbahnhof nicht halten.

Blindgänger am Morgen entdeckt

Die Polizei hat das Gebiet zwischen der Lehener Straße und der Egonstraße morgens abgesperrt. Die Sperrung wurde am Mittag aufgehoben. Der brisante Fund ist gesichert und wird bewacht. Er wurde bei Baggerarbeiten im Hinterhof eines katholischen Studentenwohnheims gefunden.



Das Wohnheim wird derzeit erweitert, ein Kampfmittelspezialist einer Privatfirma begleitet die Bauarbeiten: Karl Bäuerle beobachtet das Baggern und hat die erdverkrustete Bombe im Erdreich entdeckt. Wie denn das? "Ja, das ist der Blick", sagt der Mitarbeiter der Firma Terrasond augenzwinkernd. Der ausgebildete Kampfmittelräumer hat viel Berufserfahrung.

Bäuerle hat die Bombenexperten des Landes alarmiert, kurz nach 9 Uhr ist die Meldung bei der Polizei eingegangen. Die Experten fuhren aus Sindelfingen an, um zu klären, ob der alte Blindgänger noch scharf ist und das Gebiet evakuiert werden muss. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst trifft kurz vor 12 Uhr in Freiburg ein.

Eine Nachbarin beobachtet von ihrem Balkon im Hochparterre, wie die Männer das heikle Fundstück in der Baugrube direkt nebenan begutachten. Polizeibeamte sind da, die Mitarbeiter von Terrasond und der Baufirma, ein Vertreter der Feuerwehr und des Rettungsdienstes.

Nachbarn reagieren entspannt

Ein Mann kommt an einen Absperrzaun und schießt ein Handyfoto für eine Bekannte. Sie wohnt im Haus mit den Balkons und ist bei der Arbeit. Um die Ecke kümmert sich ein Anwohner um seine Frühlingsbepflanzung, solange er noch nichts Genaues weiß. "Die haben auch keine Angst", sagt er ruhig und meint die Männer an der Baugrube.

Am Nordende der Klarastraße stehen Polizisten am rot-weißen Flatterband. "Warum ist abgesperrt?", fragt eine Frau mit Kinderwagen im Vorbeigehen. Ein Beamter informiert sie über die Fliegerbombe. "Ah – schön!", meint sie, lacht unsicher und geht weiter.

Eine ältere Frau will unter dem Absperrband durch, und weil sie dahinter wohnt, darf sie. Die Polizei lässt auch Leute passieren, die einen Termin beim Frisör an der Straße haben. Erstmal geht es darum, die weitere Umgebung so gut wie möglich frei zu halten.

John Lamothe und seine 15-jährige Tochter Nico kommen aus dem "Sperrgebiet" heraus. "Wir gehen jetzt spazieren", erklärt der 38-Jährige. Und was würden sie tun, wenn das Wohngebiet gleich geräumt werden muss? "Spazieren gehen, das wollten wir ja eh", sagt er entspannt.

Linus Schlempp kommt aus der Haustür raus. Dass davor eine Bombe liegt, erfuhr der 32-Jährige auf BZ-Online. "Dann hab’ ich aus dem Fenster geschaut und gesehen: Da sind die Fachleute am Start." Linus Schlempp muss jetzt zur Arbeit. Im Fall einer Evakuierung würde er bei Verwandten oder Freunden unterkommen. "Und es gibt ja auch genügend Bars hier", meint Jonas Koch, der gerade bei ihm zu Besuch ist. Er wohnt in Stuttgart – da gibt es auch öfter Blindgängeralarm.

Immer wieder Blindgängeralarm

Kurz darauf steht fest, dass evakuiert werden muss. Die Gespräche über Zeitpunkt und Ausmaß sollen bis am Nachmittag dauern.

Auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende werden in Freiburg regelmäßig Weltkriegsbomben gefunden, meist bei Bauarbeiten. Insbesondere die Stadtteile westlich der Innenstadt sind betroffen, das Gebiet bei Hauptbahnhof und Uniklinikum war in den 40er-Jahren stark bombardiert worden, eigentliches Ziel war die Bahnlinie.

Es ist noch keinen Monat her, da mussten 1600 Freiburger ihre Wohnungen in der Nähe der Uniklinik verlassen und das Klinikum Patienten in sichere Bereiche verlegen, damit die Kampfmittelbeseitiger aus Sindelfingen eine amerikanische Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärfen konnten.

Evakuierung

Das Evakuierungsgebiet umfasst nach Informationen des Amts für öffentliche Ordnung die Häuser an der Agnesenstraße, Colmarer Straße, an Teilen der Egonstraße (ungerade Hausnummern: 1 bis 45, gerade: 2 bis 48), der Eschholzstraße (7 bis 49), an der ganzen Fedderstraße bis auf die Hausnummern 1, 2 und 4, an der gesamten Guntramstraße, Teilen der Klarastraße (1 bis 57 und 2 bis 60), der Kreuzstraße (1 bis 5 und 2 bis 10), Lehener Straße (1 bis 41 und 2 bis 48), der kompletten Tellstraße, Teilen der Wannerstraße (1 bis 19), Wentzingerstraße (1 bis 11 und 2 bis 46).

Ab 10.30 Uhr können sich evakuierte Bewohnerinnen und Bewohner in der Hebelschule in der Engelbergerstraße 2 aufhalten. Ab 7 Uhr ist ein Informationstelefon unter der Rufnummer 0761/201-3488 erreichbar. Gehbehinderte und Hilfsbedürftige melden sich bitte am Mittwoch ab 7 Uhr unter dieser Telefonnummer, wenn sie Hilfe bei der Evakuierung benötigen.

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[Fotos: Ingo Schneider, Polizei/ZVG]