Weg mit den nervenden Nachbarn: Jurastudierende stören sich an wohnungslosen Menschen auf dem Platz der Alten Synagoge

Carolin Buchheim

Eine kleine Zahl von zum Teil wohnungslosen Menschen verbringt ihren Alltag am Rande des Platz der Alten Synagoge in der Freiburger Innenstadt, direkt neben dem Kollegiengebäude II der Uni. Dort haben die Juristen ihr Seminar - und manche von ihnen fühlen sich von ihren Nachbarn so sehr gestört, dass sie sich dafür einsetzen, dass sie von dort verschwinden.



Zwei Männer und zwei Frauen sitzen am Mittwochmittag in einer der Nischen in der Fassade des Kollegiengebäude II (KG II) am Platz der Alten Synagoge beisammen, eine hat einen großen Hund dabei. Zwischen Decken, Teppichen und Schlafsäcken sitzen sie auf einer Europalette und trinken aus To Go-Bechern Heißgetränke; einer reicht eine Tüte mit Fastfood herum. An ihnen vorbei gehen Studierende in das Gebäude. Alltag am Rande des Platzes zwischen Theater und Universität.


Dass diese zum Teil wohnungslosen Menschen zum Alltagsbild auf dem Platz in der Innenstadt gehören, stört manche Jurastudierende aus dem KG II. Und zwar so sehr, dass sie das Thema im Fakultätsrat zur Diskussion gestellt und die Universität zum Handeln aufgefordert haben. Vorgebracht wurden die Beschwerden von der Fachschaftsgruppe Ju§tu§, die die Mehrheit der Jurastudenten vertritt. Vertreter von Ju§tu§ waren in dieser Woche für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Das Problem gehöre "so in Ordnung [gebracht], dass die Probleme nicht in zwei Jahren wieder auftreten", soll ein Juraprofessor Ende November in einer Sitzung des Fakultätsrats gesagt haben, nachdem Studierende das Thema auf die Tagesordnung des höchsten beschlussfassenden Gremiums der juristischen Fakultät gebracht hatten. Ein anderer Professor soll daraufhin erbost die Sitzung verlassen haben.

In seinem aktuellen Newsletter äußerte sich der Freiburger Strafrechts-Professor Roland Hefendehl kritisch zur Initative der konservativen Studierenden:

Vielleicht gibt es in den Augen der Privilegierten Belästigungen, vielleicht gibt es Beeinträchtigungen. Wenn die Universität stolz damit wirbt, anders als eine Campus-Universität ihren Sitz im Zentrum der Stadt zu haben, dann sollte sie sich der Erkenntnis der Stadtsoziologie bewusst werden, dass es sich um einen heterogenen Ort der Differenz handelt.

Wer diesen nach seinen Vorstellungen und zu seinem Vorteil modellieren und die Differenzen nivellieren möchte (Bürgeruniversität ja, Obdachlose vor dem Seminar nein), nimmt diesen Ort nicht ernst. Wer den Dialog mit den Betroffenen einfordert, konstruiert erst das Problem und setzt eine pseudo-paternalistische Spirale mit dem Hintergedanken des eigenen Nutzens in Gang.


Nicht alle Studierenden der juristischen Fakultät unterstützen das Vorgehen von Teilen ihrer Fachschaft gegen die Nachbarn. Das Wutlevel ist bei Mitgliedern des Arbeitskreis kritischer Juristinnen und Juristen (akj) hoch. "Wir finden es schlimm, dass privilegierte Leute, die in ihrem Leben wahrscheinlich viel geschenkt bekommen haben, sagen: Ihr dürft hier nicht vor unserer Uni sitzen", sagt Lisa Herbein vom akj. "Ich erwarte von Studierenden, darüber zustehen und sich bewusst zu sein, dass sie gesellschaftlich am längeren Hebel stehen. Derartiges Verhalten ist unserer Fakultät nicht würdig."

Problemlos ist die Nachbarschaft – wie wohl  jede – dabei nicht; schon seit gut zwei Jahrzehnten ploppt das Thema immer wieder hoch. Die aktuellen Vorwürfe der Studierenden: Die Menschen auf dem Platz belästigten vorbeigehende Studierende verbal, sie seien laut, hinterließen Müll, urinierten vor oder benutzen die Toiletten im Gebäude. "Ich glaube, die Ästhetik stört mache Leute auch", vermutet Lisa Herbein. "Manche meinen wohl, dass die Menschen vor der Tür einen schlechten Eindruck hinterlassen, wenn Gastprofessoren aus Harvard kommen."

Die Uni gibt an, das Dekanat der juristischen Fakultät habe regelmäßig Beschwerden erhalten – von Studierenden wie auch von Mitarbeitern und Verwaltungspersonal. Wie viele Vorfälle welcher Art es auf dem Platz tatsächlich gegeben habe, sei jedoch nicht dokumentiert. Der u-asta zumindest konnte bei Nachforschungen keine Fälle ermitteln. "Wir haben in den Fachschaften nachgefragt und von absolut keinen konkreten Belästigungen gehört", sagt Anna Tenberg vom Vorstand des u-asta. Lisa Herbein schätzt, dass sich vielleicht die Hälfte der Jurastudierenden an den Menschen auf dem Platz störe: "Die fühlen sich wahrscheinlich nicht wohl, wenn sie da vorbeilaufen, oder haben Angst."

Studierende des Fachs VWL, die ebenfalls ihr Seminar im KG II haben, scheinen keine derartigen Erfahrungen zu machen: Deren Fachschaft wird erst an diesem Donnerstag - ausgelöst durch die Initative der Juristen - erstmalig über das Problem der Belästigung durch die zum Teil wohnungslosen Menschen auf dem Platz diskutieren.

Rektor Hans-Jochen Schiewer sieht jedoch Handlungsbedarf: „Wir können über das negative Verhalten, das wir auf dem Platz der Alten Synagoge leider beobachten, nicht einfach hinwegsehen. Es ist unsere Pflicht sicherzustellen, dass alle Lehrenden, Lernenden und Beschäftigten dem Studium und der Arbeit an der Albert-Ludwigs-Universität in Ruhe und Sicherheit nachgehen können.“

Wasserbomben- und Eier-Würfe aus dem Juristischen Seminar

 
Willibert Bongartz leitet die Pflasterstub’ in der Herrenstraße, ein Angebot der Caritas für wohnungslose Menschen. "Ich habe grundsätzliches Verständnis für alle, die etwas ertragen müssen, was ihnen unangenehm ist", sagt er. "Die Menschen auf dem Platz der Alten Synagoge sind jedoch keine homogene Gruppe.“ Es gäbe nicht 'die Wohnungslosen' auf dem Platz, vielmehr seien dort mehrere Gruppen anzutreffen, zwischen denen differenziert werden müsse und mit denen unterschiedlich umgegangen werden sollte. Tatsächlich nächtigen nur ein oder zwei Personen ganzjährig dort; im Winter sind tagsüber vier bis sechs Menschen anzutreffen, im Sommer manchmal ein Dutzend.

„Der Unrat, der dort herumliegt, kommt nicht immer von diesen Personen“, sagt Bongartz. Wohlmeinende Studierende würden den Menschen am Platz Sachen bringen, die sie nicht benötigen und die dann dort liegen blieben. „Und überall, wo Nischen sind, urinieren auch Partygänger hin.“

Das sagt auch Jackie, die am Mittwochmittag mit ihrem Hund am Platz sitzt: „Es ist so eklig, dass hier immer hingepinkelt wird.“ Und es wird nicht nur gepinkelt: Im Sommer 2011 sollen Studierenden aus dem Juristischen Seminar im zweiten Stock des KG II Wasserbomben und Eier auf die Wohnungslosen geworfen haben.

Wie könnte die Situation entspannt werden? Der akj hat noch keinen konkreten Lösungsvorschlag erarbeitet. Lisa Herbeins persönliche Meinung: "Der erste Schritt wäre immer Kommunikation auf Augenhöhe - im Dialog zwischen den Betroffenen, der Fakultät und Streetworkern."

Konkret tätig geworden ist die Uni noch nicht; bei der Freiburger Stadtverwaltung weiß man zumindest von nichts. Jackie will nur eins: Dass man mit ihr und den anderen fair umgeht. „Wir sind Menschen, und wir sollten wie Menschen behandelt werden.“

Egal, was aus der Initiative der Jurastudierenden wird: Spätestens im Herbst 2014 wird sich die Situation ohnehin ändern. Dann wird mit der baulichen Neugestaltung des Platzes begonnen.

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  [Bild: Ingo Schneider]