Wechselspiel auf weingärtnerisch

Felix

Im Freiburger Stadttheater haben am Samstag sieben Mädchen Zeugnis abgelegt von einem merkwürdigen Projekt in Weingarten. Sie haben drei Tage lang ihr Leben mit einer anderen getauscht. Die Idee stammt von der Regisseurin Anna Geering. Felix hat sich den temporären Familienwechsel angesehen.



Wenn wir eine Reise in ein fremdes Land machen, so lernen wir eine andere Kultur, andere Bräuche und Umgangsformen kennen. Die Erfahrung mit einer neuen Kultur bedeutet auch immer eine Erfahrung mit der eigenen Herkunft. Durch den Abstand verlieren die eigenen Sitten und Traditionen ihre Selbstverständlichkeit und können so besser hinterfragt und kritisiert werden.


Dabei muss man für die Begegnung mit dem Fremden gar nicht in ferne Länder reisen. Man kann auch einfach zwei, drei Blöcke weitergehen. Dies dachte auch Anna Geering, Schauspielerin und Regisseurin am Freiburger Stadttheater. Sie startete den „Familientausch“ mit Jugendlichen aus Freiburg-Weingarten.

Die Idee: sieben Mädchen zwischen neun und dreizehn Jahren sollen für drei Tage und Nächte jeweils in einer anderen Familie wohnen, essen, schlafen und ihre Hausaufgaben machen. Die Erfahrungen, die Michelle Bakus, Julia Gergert, Meltem Güc, Stella Hetzel, Nadine Hock-Hesse, Judith Ogbolo und Vanessa Rosack während dieser Zeit schriftlich und auf Video festhielten, haben sie am Samstag in einer Inszenierung im Werkraum des Stadttheaters vorgestellt.

Nachdem sich die anfängliche Nervosität auf der Bühne gelegt hat, berichten die Familientauscher über ihre anfänglichen Befürchtungen, etwa, dass es „bei der anderen Familie sicher chaotisch“ sei oder „der Vater besonders streng ist.“ Die Aufregung vor dem Familientausch wird schnell begreiflich, wenn zwei Mädchen mit so unterschiedlicher Herkunft wie Meltem, deren Eltern Türken sind, und Judith, die Wurzeln in Nigeria hat, von ihrem gegenseitigen Tausch erzählen.

Mit projizierten Mind-Maps erklären sie die Familienstrukturen ihrer „Austauschschülerin“.



In Meltems muslimischer, liberaler Familie wird zum Beispiel kein Kopftuch getragen, wie Judith berichtet. Dennoch sei es Meltem wichtig, dass ein möglicher Ehemann ihre Familie und Kultur akzeptiert. „Außerdem sollte er kein Spieler, kein Alkoholiker, kein Raucher und kein Schwuler sein“, was große Erheiterung im Publikum auslöst, das größtenteils aus Familien und Freunden der Mädchen zu bestehen scheint. Es ist schön zu sehen, dass Menschen aus Weingarten, die vielleicht nicht so oft im Theaterpublikum vertreten sind, den Werkraum an diesem Abend füllen.

Und so kommen in den Stimmen der Mädchen auch deren Mütter zu Wort, die an Weingarten loben, dass es doch sehr praktisch sei, dort zu wohnen: „Es ist alles da, was man braucht und die Verkehrsanbindung ist gut“, wiederholt Stella die Worte ihrer Mutter, die sie über Kopfhörer eingespielt bekommt, wodurch die Wahrnehmungen der verschiedenen Generationen übereinander geblendet werden. Auf die Frage, woher man denn komme, sei es aber immer schwierig, zu antworten: „Wenn man sagt, Weingarten, da kommt man sich so blöd vor.“

Und das, obwohl sie aus dem Miteinander der Kulturen in Weingarten einiges lerne. An solchen Stellen in der Inszenierung wird deutlich, wie wichtig ein Dialog und eine Plattform für Menschen wie Stella und ihre Mutter sind, um mögliche fehlerhafte Bilder aus Stadtteilen wie Weingarten im öffentlichen Bewusstsein zu korrigieren.



Gleichzeitig stellt sich damit die Frage, warum nur Jugendliche aus Weingarten an dem Projekt teilgenommen haben. Ein Familientausch zwischen sozial weiter auseinander liegenden Schichten, zwischen Familien mit stärker differierenden Lebensentwürfen wäre noch spannender, aber sicher auch problematischer gewesen. Denn bei allem Lernen hat auch der Spaß seinen Platz im Werkraum des Theaters: die Vorstellungen des Familientausches werden immer wieder durch Showeinlagen mit Tanz und Musik aufgelockert.

Auch, wenn dabei die Choreographie des öfteren aus dem Ruder läuft, wird doch deutlich, dass diese Performances einen Teil des alltäglichen Lebens der Mädchen widerspiegeln, sei es das nachgestellte „Deutschland sucht den Superstar“ oder die Morgentoilette, bei der sich sich die Mädchen anschminken. So sehr man ihnen anmerkt, dass sie zum ersten Mal auf der Bühne stehen, so viel Charme hat ihr Auftritt, der von eigenem Einfallsreichtum zeugt.

Das vielleicht stärkste Bild der Inszenierung vereint zum Schluss alle sieben auf der Bühne: vor der Projektion einer Weingartener Hochhausfassade bilden sie eine Wand aus Kopfkissen, auf denen sich die Fenster des Hauses abbilden. Dazu die Musik: „Change your heart, look around you.“



Auch wenn an diesem Abend nicht immer ganz deutlich wird, was der Familientausch bei den Mädchen im einzelnen bewirkt hat, inwieweit Vorurteile abgebaut oder die eigenen Werte einer Prüfung unterzogen wurden, eines ist sicher: die Sache hat ihnen sichtlich Spaß gemacht. Schließlich gilt an diesem Abend vor allem, was eines der Mädchen singt: „Es geht um dich Girl, heut’ stehst du allein im Rampenlicht.“

(Fotos: Maurice Korbel)