Web 2.0: Das Geschäftsmodell Copycat

Nikolai Worms

StudiVZ, Yigg, MyVideo: Ein paar Farben verändert, die Sprache angepasst - schon steht das Konzept für die neue Website. Man muß nur eine Webplattform aus den USA kopieren. Tatsächlich haben fast alle deutschen Start-Ups ihre Konzepte bei erfolgreichen US-Websites abgeguckt; diese Plagiate nennt man "Copycats". Nikolai informiert Euch über dieses einfallslose aber oft erfolgreiche Konzept.



Die Parallelen von StudiVZ zu Facebooksind nicht zu übersehen, die deutschen Nachahmer des Videoportals Youtube heißen MyVideo, ClipFish und Sevenload, und der Nachrichtendienst Digginspiriert Yigg, Webnews, Pligg-it und Co.


Copycats gibt es nicht erst seit gestern: Schon während der New Economy Ende der neunziger Jahre reisten findige europäische Jungunternehmer ins Silicon Valley, dem damaligen Zentrum aller Innovation, und brachten von dort Geschäftsideen aller Art mit.

Als eines der bekanntesten Beispiele kopierten die Brüder Oliver, Marc und Alexander Samwer im Jahr 1999 mit ihrem Portal Alando.de die Auktionsplattform eBay; nach nur sechs Monaten schluckte der amerikanische Konzern den deutschen Nachahmer für 43 Millionen US-Dollar.

Was damals als „Me-too“-Effekt bekannt war, funktioniert für Web-2.0-Plattformen sogar noch besser: Die benötigten Technologien für die Umsetzung der Plattformen sind denkbar simpel, die Realisierung geklauter Geschäftsmodelle dadurch umso leichter. Es wird also munter weiter geklont, obwohl sich gefühlte 99 Prozent aller Start-Ups nach einem Jahr, null Euro Einnahmen und einer fehlenden zweiten Finanzierungsrunde schon wieder aus dem Rennen verabschieden.

Denn die Vorteile der „Copycats“ liegen auf der Hand: Man muss weder besonders innovativ denken, noch das Risiko eines Pionieranbieters tragen, denn die Plattform hat ihr Erfolgspotenzial bereits auf dem amerikanischen Markt bewiesen. Die teilweise arg pannenhafte Umsetzung, einige erinnern sich vielleicht noch an die Anfangstage von StudiVZ, scheint dem Erfolg dabei keinen Abbruch zu tun.

In den hanebüchen anmutenden Entstehungsgeschichten, die zur Gründung per Pressemeldung verbreitet werden, wird meistens das romantische Klischee von den Nerd-Freunden bedient, die eines Nachts in ihrer Programmierhöhle die einmalige Idee vom nächsten großen Ding im Web hatten und sich flugs an deren Umsetzung machten, um den Markt von hinten aufzurollen. Bei näherer Betrachtung haben die Macher der Seiten dann allerdings bloß bei einem Start-Up in den USA abgeschaut.

Bisher wurden zum Großteil die Ideen amerikanischer Unternehmen kopiert, nun scheint auch der innerdeutsche Klau der meist nicht rechtlich geschützten Geschäftsmodelle an Fahrt aufzunehmen. Vor einiger Zeitberichtete fudderüber das bereits mehrfach ausgezeichnete und innovative deutsche Start-Up MyMuesli.de, und wie zu erwarten sind die ersten Nachahmer nicht fern.

Das Unternehmen myCornflakes.de aus Bühlertal in der Ortenau orientiert sich nicht nur bei der Namenswahl am erfolgreichen großen Bruder myMuesli.de, sondern wartet auch mit einer ähnlich aufgebauten Website und in etwa den gleichen Zutaten auf.

Sotirios Outos, Mitgründer des neuen Unternehmens, sieht das ganze pragmatisch: „Man muss nicht immer das Rad neu erfinden, jeder Unternehmer kann doch machen was er will. Schließlich tragen die Unternehmen auch das Risiko, falls es wirtschaftlich nicht laufen sollte.“ Zwar sei das Konzept von myMuesli.de als Ideengeber ausschlaggebend gewesen, allerdings unterscheide sich myCornflakes wegen der größeren Auswahl an Süßigkeiten und eben den Cornflakes.

Genau wie bei myMuesli.de gibt es verschiedene Basismischungen zur Auswahl, die ganz traditionell mit Trockenfrüchten und Nüssen, aber auch mit exotischeren Zutaten wie Aloe Vera, getrockneten Wassermelonen oder Fruchtgummis ergänzt werden können. Ob das Alleinstellungsmerkmal „Cornflakes statt Müsli“ tatsächlich den erhofften Erfolg bringen wird bleibt abzuwarten.

Sotirios Outos und die beiden anderen Gründer Jannis Outos und Tino Westhaus haben sich übrigens dazu entschlossen, das nach eigenen Angaben bereits erfolgreich arbeitende Unternehmen demnächst auf eBay zu versteigern, um sich anderen Projekten zu widmen.

Copycats: Original und Kopie(n)

  • Etsy - Dawanda - Shopping-Plattform für Handgemachtes

Mehr dazu:


fudder-Serie "Das deutsche Web 2.0"


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