Was weiß Facebook über dich?

Konstantin Görlich

Alles, na klar. Aber du hast ja nichts zu verbergen und suchst dir selber aus, was du postest. Kein Problem? Vielleicht doch, denn der Datenbestand bei Facebook ist enorm und die Auswertungsmöglichkeiten sind vielfältig. Hier ist ein Überblick über das, was Facebook über dich weiß und wissen könnte:



Facebook ist ein Weltkonzern. Hinter den blauen Menüleisten des sozialen Netzwerks steckt ein Imperium mit einem Jahresumsatz von etwa 11,5 Milliarden Euro und einem Börsenwert von knapp 180 Milliarden Euro. Das ist so viel wie Daimler, BMW und Porsche zusammen.

Es sind die Nutzerdaten, die Facebook so wertvoll machen, und es ist die Werbung, die die gigantischen Umsätze möglich macht.

Dabei werden nicht die Daten selbst verkauft, sondern zielgruppengenaue Werbeflächen. Eine beliebige Werbeeinblendung irgendwo im Internet ist viel weniger Wert als eine, die genau zur Zielgruppe des Werbekunden passt. Je mehr Facebook über seine Nutzer weiß, desto genauer und damit teurer kann es Werbeplätze verkaufen. Werbung nur für Männer zwischen 18 und 25 aus Freiburg, die Single sind und studieren? Oder für Frauen, die älter als 25 sind, Abitur haben und gerne Yoga machen? Kein Problem! Aber Facebook weiß noch viel mehr.

Facebook weiss:


... ob du schwul bist.

Schon für StudiVZ gab es ein Tool, das die verschiedenen Freundeskreise eines Nutzers grafisch darstellen konnte. Es zeigt das eigentliche „soziale Netzwerk“, das aus Menschen und den Verbindungen zwischen ihnen besteht. Egal ob Terrorzelle oder Tennisverein: Sind die Mitglieder untereinander befreundet, ist der Verein in den Daten sichtbar, auch wenn ihn niemand jemals auf Facebook erwähnt hat. Das gleiche kann für lose Personengruppen gelten, die gar nicht organisiert sind, sondern sich nur flüchtig kennen, über irgendeine Gemeinsamkeit. Ihre sexuelle Orientierung zum Beispiel.

Zieht man noch mehr Daten in die Rechnung, wie es Studierende am MIT getan haben, kann mit über 88-prozentiger Sicherheit die sexuelle Orientierung von Nutzern bestimmt werden, ohne dass diese dafür jemals auch nur ein Wort über selbige verbreitet haben müssen. Natürlich ist es überhaupt nicht schlimm, heterosexuell zu sein, aber jeder Mensch sollte selbst darüber bestimmen können, wer davon weiß.

... in wen du dich verlieben wirst.

Facebook erkennt die positive Stimmung eines Nutzers an bestimmten positiven Wörtern in seinen Posts. Nimmt dann noch die Interaktion zwischen zwei Nutzerkonten nach einem bestimmten Muster stetig zu, weiß Facebook bis zu 100 Tage im Voraus, ob sich daraus eine Beziehung entwickelt.
Facebook hat dafür statistisch ausgewertet, was sich zwischen Nutzern getan hat, bevor und nachdem sie ihren Beziehungsstatus bei Facebook veränderten. Damit zeigte das Unternehmen nicht nur, wie berechenbar menschliches Verhalten sein kann, sondern auch, welche Macht in seinen Daten steckt. Übrigens: Mit Beginn der Beziehung bricht die Interaktionsrate dramatisch ein. Es gibt schließlich Dinge, die gehen nur offline.

... welche Websites du besuchst:

Was wir im Internet tun, kann ein sehr genaues Bild unseres Konsumverhaltens zeichnen – und unserer Persönlichkeit. Was haben wir gekauft, was wollen wir bald kaufen, wohin möchten wir reisen, was für Musik und welche Pornos mögen wir, wie gesund leben wir? Das ist auch für Facebook interessant. Darum haben die Like-Buttons, die man überall im Internet findet, noch eine zweite Funktion.

Mit ihnen setzt Facebook Cookies. Das sind kleine Datenschnipsel, die der Browser speichert, um diverse Funktionen von Internetseiten möglich zu machen, zum Beispiel um Nutzer wiederzuerkennen. So kann Facebook ziemlich viel über unser Surfverhalten herausfinden. In Deutschland heißt das Vorratsdatenspeicherung und ist dem Staat verfassungsgerichtlich verboten.

Selbst das Privatunternehmen Facebook darf das nur, wenn die Nutzer explizit zustimmen – eigentlich. Denn wie die englische Zeitung The Guardian kürzlich herausfand, wurden auch Nutzer verfolgt, die dem explizit widersprochen hatten. Sogar Nutzer, die überhaupt kein Facebook-Konto haben, wurden ab dem ersten Like-Button, den ihr Browser lud, individuell markiert und verfolgt.

... wie du aussiehst:

400 Millionen Fotos werden täglich von Nutzern in Facebook hochgeladen. Sonnenuntergänge, Katzen und vor allem: Menschen. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass auch von dir ein Foto dabei ist, von dem du nichts weißt. Mit Deepface, einer künstlichen Intelligenz zur Gesichtserkennung, könnte das schon bald anders werden, denn sie erkennt Gesichter fast genauso präzise, wie das menschliche Gehirn.

Deepface soll mit Hilfe von 3D-Modellen sogar Gesichter aus Perspektiven heraus erkennen können, aus denen es sie noch nie auf einem Foto gesehen hat. Bestenfalls kannst du damit Fotos finden und löschen lassen, die du nicht auf Facebook haben willst. Übrigens: Die Technik ist neu, das Angebot nicht. Schon 2011 führte Facebook “Markierungsvorschläge“ ein, die auf Gesichtserkennung basierten, aber Datenschützer stoppten das Angebot in Europa.

... wie du zu finden bist:

Zwei der wichtigsten Argumente von Datenschützern haben mit Zeit und Auswertung zu tun: Wir wissen nicht, was mit heute gespeicherten Daten in Zukunft geschieht, wer darauf Zugriff haben wird. Und es ist schwierig zu überblicken, wofür sich Daten, die einzeln harmlos erscheinen, verwenden lassen, wenn sie maschinell durchsucht, verknüpft und ausgewertet werden können. Im Kleinen zeigt sich beides zusammen auch bei Facebook.

Graph Search heißt die Funktion, mit der die Suche von Facebook massiv aufgebohrt wurde. Bisher soll das ganze nur in den USA verfügbar sein, aber es genügt, das eigene Profil auf US-Englisch umzustellen, um Graph Search auch in Deutschland nutzen zu können, und schon lassen sich einzelne Suchen verknüpfen. Single-Frauen, die in Freiburg wohnen, 18 Jahre alt sind und die … verständlich, wo das Problem liegt? Wenn die Polizei das macht, heißt es Rasterfahndung und ist nur in sehr wenigen Fällen erlaubt.

Durch Graph Search wird nichts öffentlich sichtbar, was nicht auch vorher schon öffentlich sichtbar war. Aber jetzt kann man danach suchen, alles wird viel sichtbarer. Damit musste niemand rechnen, als er oder sie einst standardmäßig „öffentliche“ Angaben machte, die inzwischen längst vergessen sind.

Warum ist das wichtig?

Wenn wir von persönlichen Daten reden, klingt das nach jeder Menge Nullen und Einsen die irgendwo rumliegen wie persönliche Gegenstände, altes Gerümpel, wahrscheinlich uninteressant und längst vergessen. Aber persönliche Daten sind Fakten über Menschen. Wen wir lieben, was wir essen, wen wir hassen, was uns geil macht, wo wir sind, woran wir einmal sterben werden. Wir nennen diese Daten persönlich, also sollten wir sie auch als Teil unserer Person betrachten. Für Facebook sind sie Teil des Betriebsvermögens.

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  [Foto: xkantver / fotolia.com]