Was vom Tode übrigblieb

David Weigend

Zwei Freiburger Studenten finden am sechsten Mai bei einem Spaziergang am Schönberg abseits des Weges etwa zwei Dutzend Teile aus zwei menschlichen Skeletten. Sie benachrichtigen die Polizei. Was die Kripo macht, um den Fall zu klären, bleibt bis heute im Dunkeln. Deshalb haben wir selbst recherchiert.



Sonntag, 6. Mai, 17 Uhr

Helge K., 26, und sein Freund Lucian P., 26, machen einen Spaziergang am Fuße des Schönbergs. Sie starten an der Berghauser Kapelle und folgen dem Weg bergab. Die beiden halten Ausschau nach Totholzbäumen, in denen Spechte ihre Bruthöhlen zimmern. Ein befreundeter Biologe will nämlich einen Spechtfilm drehen.

Helge und Lucian passieren einige Kirschbäume und folgen dem Weg mit der Rautenmarkierung. Rechts vom Weg erscheint ein schmaler, schluchtenartiger Einschnitt, ein Dobel. Helge schaut hinunter und sieht in Steinwurfentfernung einige knochenartige Teile herumliegen. "Haha, Menschenknochen!", ruft er, zunächst aus Spaß.

Bei genauerem Hinschauen stellt sich heraus, dass es sich tatsächlich um Fragmente eines menschlichen Skeletts handelt. Oder sind es zwei?



Montag, 7. Mai, 13 Uhr

Helge und Lucian benachrichtigen die Kriminalpolizei. Sie verabreden sich mit einem Beamten, um ihm am Mittag den Fund zu zeigen. Der Beamte steigt jedoch nicht in den Dobel hinab. Es reicht ihm, die Knochen von weitem zu fotografieren. Und er sagt: "Das muss die Bergwacht da rausholen. Das dürfen wir gar nicht. Ich gebe der Bergwacht bescheid. Die werden sich spätestens übermorgen darum kümmern."

Der Polizist versichert den beiden Studenten, sich bei ihnen zu melden, sobald es Neuigkeiten gibt. Bis heute hat sich niemand bei ihnen gemeldet.

Montag, 4. Juni, 20 Uhr

Über Ellen, eine Freundin von Helge, erfahren wir von der Geschichte. Auch sie weiß mittlerweile, wo die Knochen - immer noch- liegen. Wir gehen mit Ellen an die Stelle, an der sich so gut wie nichts verändert hat. Außer, dass die Knochen, wahrscheinlich durch Regen, ein Stück weiter den Hang hinunter befördert wurden.

Wir fotografieren die Skelettteile. Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, worum es sich hier handelt: Rippen, Oberschenkelknochen, ein Schlüsselbein, Glieder von Hand und Fuß. Bizarr: Teilweise stecken die Knochen in Textilien. Wir buddeln ein wenig weiter und finden etwas, das uns erst einmal den Atem verschlägt. Ein Schädelteil.

In der Schädelkapsel sind eingetrocknete Weichteilreste zu sehen. Ein Indiz dafür, dass der Todestag dieses Menschen noch nicht allzu lang zurückliegen kann.



Montag, 11. Juni, 15.30 Uhr

Wir zeigen die Fotos einer Uniprofessorin, die am Institut für Humangenetik und Anthropologie in Freiburg arbeitet. Ihre Einschätzung bestätigt unsere Vermutung: "Das sind definitiv menschliche Knochen. Es scheinen mir allerdings verschiedene Individuen zu sein. Einmal sieht man den Femur (Oberschenkelknochen, d. Red.) eines Kindes, das schätzungsweise zwischen neun bis 12 Jahre alt war. Andere Knochen hingegen stammen eindeutig von einem Erwachsenen. Das irritiert mich und lässt mich vermuten, daß hier eine sekundäre Deponierung stattgefunden hat. Auch an den Textilien finden sich eingetrocknete Weichteilreste. Das spricht dafür, dass diese Funde jünger als 30 Jahre alt sind. Die Kriminalpolizei wäre also auf jeden Fall verpflichtet, hier zu ermitteln. Denn die Verjährung setzt erst nach 30 Jahren ein."



Montag, 11. Juni, 17.30 Uhr

Nun wollen wir mit dem zuständigen Polizisten sprechen und ihn fragen, warum die Knochen mindestens über einen Monat an derselben Stelle liegen geblieben sind. Leicht ist es nicht, den Beamten zu finden.

Ein Beamter vom Polizeirevier Süd versucht, uns abzuwimmeln: "Wenn das menschliche Knochen wären, dann würden die mit Sicherheit nicht mehr dort liegen. Außer, es wäre etwas Archäologisches. Die Kriminaltechnik und unser Dezernat 11 (die Kriminalpolizei, d. Red.) ist von diesem Sachverhalt in Kenntnis gesetzt worden."



Dienstag, 12. Juni, 10 Uhr

Endlich erreichen wir jemanden, der spärlichen Klartext redet. Es ist Reiner Thoma, Leiter der Freiburger Kripo. "Wir haben den Fall der Staatsanwaltschaft vorgelegt", sagt Thoma.

Der Fall sei abgeschlossen. Die Knochen stammen vom Ebringer Friedhof. Vielmehr will Thoma dazu nicht sagen. Jedenfalls nichts, was für die Öffentlichkeit bestimmt sei.

Dienstag, 12. Juni, 10.30 Uhr

Letzter Versuch. Anruf bei Gerhard Schmidl, Hauptamtsleiter im Ebringer Rathaus. Die Essenz aus Schmidls Auskunft ist folgende: Die Ruhefrist für ein Grab auf dem Ebringer Friedhof beträgt in der Regel 30 Jahre. Die ist offenbar bei einem Grab abgelaufen, woraufhin ein Gemeindearbeiter diese Ruhestätte aufgelöst hat.

Die Erde, die bei dieser Auflösung zu Tage getreten ist, hat der Grabauflöser dann auf eine Halde gebracht, die der Gemeinde Ebringen gehört. So mache man das immer.

Die Gemeindehalde wiederum liegt direkt oberhalb des Dobels, in dem Helge und Lucian die Knochen gefunden haben. "Es kann passieren, dass bei diesen Grabarbeiten Knochenreste auftreten. Sollte natürlich nicht sein", sagt Schmidl.



Dienstag, 12. Juni, 13 Uhr

Eine Expertin sagt: "Normalerweise werden die Einzelgräber exhumiert und die Knochenreste kommen in ein großes Sammelgrab im Friedhofsbereich. Da scheint im Ebringer Erdaushub noch einiges drin gewesen zu sein."

Dienstag, 12. Juni, 14 Uhr

Wir informieren Helge und Ellen über den Stand der Dinge. Das wäre eigentlich Aufgabe der Polizei gewesen. Nun ja. Ellen fragt: "Und jetzt? Bleiben diese Überreste eines Kindes und eines Erwachsenen im Wald liegen? Ist das würdevoll?"

Die Vorstellung ist unschön, aber wir müssen davon ausgehen, dass irgendwann ein Tier kommt und das beseitigt oder abnagt, was der Tod nicht mitnehmen wollte.