Was sich eine Franziskanerin vom Papstbesuch erhofft

Céline Drazek

Rund 500 Jugendliche nehmen jedes Jahr Ende September am Fest der Kongregation der Sießener Franziskanerinnen teil. Dieses Jahr fällt es mit dem Papstbesuch in Freiburg zusammen. Mit dabei: Schwester Gabriele, die findet: "Die Kirche hat der Welt viel zu sagen."



Wie jedes Jahr findet auch 2011 Ende September das Fest der Kongregation der Sießener Franziskanerinnen statt. Dieses Jahr gibt es allerdings eine kleine Abweichung. Der Papst kommt an dem Wochenende nach Freiburg. Deshalb haben die Franziskanerinnen beschlossen, ihr Fest mit diesem Event zu verbinden. Rund 500 Jugendliche aus der weiteren Umgebung werden daran teilnehmen.


Das Fest in Stegen (bei Freiburg) am Samstag, 24. September, beginnt um 12 Uhr mit Theater und Musik. Anschließend gibt es Workshops zum Kennenlernen und dann gehen alle 500 Jugendlichen und die Betreuer, sprich Ordensschwestern, gemeinsam zur Vigilfeier (Abendgebet) mit Papst Benedikt XVI. auf dem Freiburger Messegelände. Anschließend werden die Jugendlichen zusammen mit den Schwestern die Nacht auf dem Flugplatz verbringen und am Sonntag mit über 75.000 Pilgern und dem Papst zusammen Gottesdienst feiern.

Schwester Gabriele wird auch dabei sein. Seit zwölf Jahren ist die 38-Jährige Ordensschwester. Die studierte Sozialarbeiterin macht derzeit eine Ausbildung zur Gemeindereferentin und besucht deshalb in den Wochen vor dem Papstbesuch eine Bibelschule in Jerusalem. Sie will aber pünktlich zum Papstbesuch wieder zurück sein. „Aufgeregt bin ich auf jeden Fall schon mal“, sagt sie. „Ich frage mich hauptsächlich, was der Besuch insgesamt für Land, Kirche und manchen Einzelnen bewirken wird.“

Von der Stimmung auf dem Flugplatz erhofft sie sich ein ganz starkes Gemeinschaftsgefühl. „Dieses Gefühl habe ich früher oft vermisst. Ich weiß nur zu gut, wie es ist, isoliert zu sein - als einziger Christ in der Klasse zum Beispiel. Gemeinden werden kleiner und älter, und man fühlt sich einsam. Bei so einem Event sieht man dann wieder, wie viele wir sind.“

Auch würde manch Sinnsuchender durch den Papstbesuch bestätigt. „Da braucht es Events wie den Gottesdienst mit Benedikt XVI., um das Feuer des Glaubens wieder zu entfachen. Ich hoffe, dass dieses Feuer die Kirche ansteckt und mit ihr die ganze Welt“, sagt Schwester Gabriele mit einem Anflug von Leidenschaft.


Sie könne sich gut vorstellen, dass bei der Gelegenheit neue Entscheidungen für Gott getroffen werden. „Allein schon, wenn man die vielen Menschen sieht, die da zusammen kommen und ihren Glauben feiern. Ich bin überzeugt davon, dass dies den ein oder anderen zurück zum Glauben führen wird - oder zumindest zum Nachdenken darüber.“

Ähnlich wie bei ihr selbst. Vor ihrem Ordenseintritt suchte sie auf verschiedenen Wegen nach etwas, das sie vollkommen ausfüllt. Bis sie auf die Gemeinschaft der Franziskanerinnen von Sießen stieß, die genau das repräsentierte, wonach sie suchte: ein Leben nach dem Evangelium. Was ihr dabei wichtig war: in Gemeinschaft. Denn ihr war klar, dass sie das alleine nicht schaffen würde. Über den Klostereintritt kam sie 1999 in die Ordenszentrale nach Sießen in Oberschwaben. Seit zwei Jahren lebt sie nun in Stegen bei Freiburg.

Die hiesige Wohngemeinschaft der Sießener Franziskanerinnen besteht aus sechs Ordensschwestern, die alle einem Beruf nachgehen. Abgesehen von Schwester Gabriele gibt es noch eine Krankenschwester, eine Sekretärin, eine geistliche Begleiterin, eine Gemeindereferentin und die Schwester, die im Haus ist. Montagabends findet im Konvent von 18.30 Uhr bis 21 Uhr ein Offener Abend statt, zu dem junge Leute herzlich eingeladen sind.

Schwester Gabriele findet, die Kirche habe der Welt viel zu sagen. „Ich finde es gut, dass die Kirche dem Menschen Einhalt gebietet und sagt: Moment, da müssen wir nochmal genauer hinschauen. Was darf der Mensch? Und was nicht? Der Mensch ist nicht Herr über Alles. Da ist noch jemand darüber – nämlich Gott." Und so würden Welt und Kirche ineinandergreifen: „Für mich gehören die untrennbar zusammen."

Was den Papstbesuch in Freiburg angeht, kann sie die Kritik zwar einerseits verstehen. „Aber wenn sie von Anfang an oberflächlich bleibt und zum Beispiel beklagt wird, dass dabei so viel Geld ausgegeben würde, ist das natürlich Unsinn. Bei der Geldfrage geht es um die Logistik. Da geht es darum, dass enorme Menschenmassen kommen und miteinander feiern wollen. Da muss die Organisation einfach stimmen." Schwester Gabriele findet, man könne durchaus kritisieren, müsse sich dann aber auch auf eine Diskussion einlassen.


Der Deutschlandbesuch des Papstes freut Schwester Grabriele auch aus einem anderen Grund: „Papst Benedikt XVI. wird Berlin, Erfurt und Freiburg besuchen. Das ist ein Brückenschlag zwischen Ost und West. Wenn das Oberhaupt der katholischen Kirche ganz Deutschland besucht, erhoffe ich mir daraus eine intensivere kirchliche Verbindung - einfach, dass die Kirche in Deutschland zusammen rückt. So kann man viele Menschen kennenlernen, die denselben Glauben haben.“

„Ich sehe darin eine Chance für einen Aufbruch. Ich denke, dass man für neue Formen, wie man den Glauben leben kann, wach sein sollte. Es ist ein Leben, das wahnsinnig glücklich machen kann. Die Frage ist nur, in welcher Form. Ich glaube nicht, dass es bald keine Nonnen mehr geben wird. Dafür gibt es bei den Jugendlichen, die ich beruflich oder auch privat – wie zum Beispiel beim Weltjugendtag in Köln – kennen gelernt habe, zu viel Interesse. Sie sind oft begeistert. Gott zu spüren und gleichzeitig zu fühlen, dass da eine Verbindung mit ihm ist, das ist eine gute Mischung.“

„Ich zweifle nicht an der Existenz Gottes, aber es gibt viele Fragen, die man sich stellt. Zum Beispiel nach der ‚Theodizee‘, der ‚Rechtfertigung Gottes‘. Damit ist die Frage gemeint, wie Gott das Leid in der Welt zulassen kann. Solche Fragen sind unlösbar. Die stecken in jedem Menschen einfach drin. Und diese Fragen werden auch nicht durch den Papstbesuch gelöst, das ist klar. Die einzige Möglichkeit, sich damit auseinanderzusetzen, ist das Gespräch mit anderen Menschen.“

Ob sie sich durch den Papstbesuch Gott näher fühlt, wird Schwester Gabriele erst hinterher sagen können. „Aber ich denke, dass es nicht in erster Linie um den Papst gehen wird. Sein Hauptanliegen ist es, Christus den Menschen mitzubringen, den Sohn Gottes gemeinsam als deutsche Kirche zu feiern. Dieses Event ist für den Glauben an Gott wichtig. Ich hoffe, dass es meinen Glauben noch weiter bestärken wird. Der ist nämlich immer noch zu bestärken, damit ist man nie fertig.“