Was passiert, wenn man einen Nachmittag lang die VAG-Kontrolleure begleitet

Johannes Tran

Wer einen Nachmittag lang VAG-Kontrolleure begleitet, lernt vieles: Zum Beispiel, dass das Leben als Kontrolleur zuweilen gefährlich ist. Oder, dass viele Schwarzfahrer sich schämen. Am besten aber sind die Ausreden, die man hört:



"Die Fahrkarten bitte!" – Wenn Blicke töten könnten, dann müsste Bernd Vogel, der diese Aufforderung soeben geäußert hat, auf der Stelle umfallen. Bitterböse starrt die junge Frau ihn an, und bitterböse sind auch die Worte, die sie Vogel und seinen Kollegen entgegen schleudert. "Ihr wollt doch sowieso nur unser Geld", keift sie erregt. Mit unerschütterlicher Seelenruhe tippt Vogel indes ihre Ausweisdaten in sein Datenerfassungsgerät ein und händigt ihr kurz darauf einen Überweisungsträger aus: 60 Euro wird die Frau ohne Ticket an die Freiburger Verkehrs-AG (VAG) überweisen müssen.


Ein ganz normaler Tag für Vogel, Fahrkartenkontrolleur bei der VAG, sowie seine Kollegen Wolfgang Müller und Lorenz Decker (Namen geändert). Die BZ hat die Gruppe einen Nachmittag lang bei ihrer Arbeit begleitet und erhielt dabei eine Lektion in facettenreicher Menschenkenntnis – inklusive eines Abstechers zur Polizei.

Unter Schwarzfahrern gibt es Schuldbewusste und Choleriker

Los geht’s in der Straßenbahnlinie 4 Richtung Messe. Die insgesamt 34 Kontrolleure bestimmen ihre Routen zwar eigenständig, allerdings betont Oliver Benz, VAG-Bereichsleiter, dass "natürlich alle Linien gleichermaßen abgecheckt" würden.

Die Linie 4 jedenfalls ist zu dieser Nachmittagsstunde nicht sonderlich voll; die meisten Fahrgäste haben es sich bereits auf ihren Sitzplätzen bequem gemacht. Vogel, Müller und Decker, in unauffälliger Zivilkleidung, steigen an unterschiedlichen Türen ein: vorn, hinten und in der Mitte. Außenstehenden fällt die Verbindung zwischen den drei Männern nicht auf, diese aber halten ständigen Blickkontakt.

Diskretion ist gefragt

Vogel schaut sich um. Dann der vertraute Satz: "Die Fahrkarten bitte." Bestimmt, aber auffällig leise sagt er ihn, lediglich die Fahrgäste in seinem unmittelbaren Radius sollen etwas von der Kontrolle mitbekommen. Diskretion hat einen hohen Stellenwert: Die Scham eines erwischten Schwarzfahrers soll möglichst gering gehalten werden. "Nicht, dass dann die ganze Bahn herschaut", so Vogel. Tatsächlich dauert es keine Minute, da trifft er im vorderen Teil des Wagens auf einen Mann mittleren Alters, der kein gültiges Ticket vorzeigen kann, und es scheint ein komplexeres Problem vorzuliegen.

Sofort brechen Vogels Kollegen ihre Kontrollen ab; alle drei umringen nun den Mann, der nur Englisch spricht. Er diskutiert unentwegt, beteuert, er habe sich aus purer Gewohnheit auf seinen Platz gesetzt und sei im Begriff gewesen, einen Fahrschein zu kaufen. Weil der Mann sich nicht ausweisen kann, bleibt den Kontrolleuren keine Wahl: Die Polizei muss die Identität des Fahrgastes feststellen. Somit endet diese Kontrollfahrt vorerst im Vorzimmer des Polizeireviers Freiburg-Nord.

Maßnahmen zur Eigensicherung sind nötig

Es ist erstaunlich, wie sachlich und ruhig die Fahrausweisprüfer die Situation angegangen sind, die durchaus einen ganz anderen Ausgang hätte nehmen können: "So etwas eskaliert total leicht", so Vogel. Oftmals würden ertappte Fahrgäste zu fliehen versuchen und auch vor physischer Gewalt nicht zurückschrecken. Daher der permanente Augenkontakt der Kontrolleure untereinander, daher auch das rasche Einkreisen des heftig argumentierenden Mannes.

"Allesamt Maßnahmen zur Eigensicherung", erklärt Müller, der aus leidvoller Erfahrung spricht. Eine Flasche sei ihm bereits auf dem Kopf zerschlagen worden, und auch eine Rippenprellung gehört zu seiner Verletzungsbilanz. Ein anderer Kollege wurde sogar niedergestochen. Müller beklagt eine "neue Qualität verbaler Aggressivität" im Rückblick auf die letzten Jahre.

An diesem Tag bleibt es vergleichsweise ruhig. Wieder Linie 4, wieder ein Fahrgast ohne gültigen Fahrschein: Auf der Regio-Karte eines Schülers prangt ein veralteter Schulstempel; neben ihm ärgert sich eine Studentin, die dreißig Minuten früher unterwegs war, als es ihre Fahrkarte zulässt. Ein älterer Herr hadert mit den Umständen: "Ich komme nach zwei Wochen aus dem Krankenhaus und habe kein Geld bei mir." Aber es gibt auch die junge Frau, die Müller mit schuldbewusstem Lächeln begrüßt und das Bußgeld umgehend in bar bezahlt.

Verluste in Millionenhöhe

Das Fazit nach drei Stunden Kontrolle: Keine einzige Fahrt konnten Vogel und seine Kollegen beenden, ohne einen ihrer Überweisungsträger verteilen zu müssen. Oliver Benz bestätigt: "Der Schaden, den Fahrgäste ohne gültigen Fahrausweis verursachen, geht in die Millionen." Die Quote der Fahrgäste ohne Ticket ist dabei seit Jahren konstant, Schätzungen zufolge liegt sie bei 1,5 bis 2 Prozent der überprüften Passagiere. Entgegen der landläufigen Meinung freut sich jedoch keiner der Kontrolleure, einen Kunden ohne Fahrausweis zu erwischen: "Die besten Tage sind solche, an denen wir nicht eingreifen müssen", so Vogel.

In diesem Job lernt man viel über menschliche Verhaltensmuster. So glasklar ein Fall auch sein mag, die Schuld suchen nahezu alle ertappten Schwarzfahrer bei anderen: Zu den klassischen Begründungen zählt die defekte Bankkarte. Doch lassen manche Ausreden auch auf große Kreativität schließen. Auf dieser Linie habe er noch nie einen Fahrschein gebraucht, meinte ein Fahrgast bei der Kontrolle. Warum gibt kaum jemand zu, ohne gültigen Fahrschein gefahren zu sein in der Hoffnung, nicht kontrolliert zu werden? Vogel äußert Verständnis: "Viele der Leute schämen sich."

Froh sind die Kontrolleure hingegen, wenn sie Fahrgästen weiterhelfen können: "Oft wenden sich die Leute an uns, etwa bei Fragen zur Bedienung der Fahrkartenautomaten oder bei kurzfristigen Streckenänderungen", erläutert Vogel. Müller ergänzt: "Wir wollen da sein für die Menschen." Schmunzelnd erzählt Vogel, dass immer wieder auch bei seinen ganz privaten Fahrten Menschen die Bahn bei seinem Anblick fluchtartig verlassen. Doch das nimmt er nicht persönlich.

Info

Die Verkehrs-AG hat 34 Kontrolleurinnen und Kontrolleure, 22 davon sind auch in der Leitstelle oder als Fahrer tätig. Im vergangenen Jahr wurden 16 300 Schwarzfahrer erwischt. Die Einnahmen aus dem "erhöhten Beförderungsentgelt" beziffert die VAG auf 510 000 Euro. Ein Strafantrag wird gestellt, wenn die Polizei hinzukommen muss, etwa um Personalien festzustellen.

Auch wer zum zweiten Mal erwischt wird und beim ersten Mal nicht bezahlt hat, wird angezeigt. 3600 Strafanträge hat die VAG im vergangenen Jahr gestellt. Tendenz steigend. Der Schaden durch Schwarzfahrer liegt bei geschätzt 1,5 Millionen Euro pro Jahr im Gebiet des Regio-Verkehrsverbunds, der neben Freiburg die Landkreise Emmendingen und Breisgau-Hochschwarzwald umfasst.

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