Was passiert ist, als ich mich einen Tag lang in Freiburg als Tourist ausgegeben habe

Daniel Laufer

Durch Freiburg laufen und einfach behaupten, man sei Tourist - das muss man einfach mal machen, findet fudder-Autor Daniel Laufer. Also hat er einen Tag lang Freiburger angelogen:



Der ICE, der von Norden kommt, hält um 10.11 Uhr an Gleis 3. Ich sage nicht, dass wir da ausgestiegen sind, meine Freundin Sarah und ich – seidenn jemand fragt uns, dann lautet die Antwort natürlich: ja, sind wir. Wir leben hier seit Jahren, aber an diesem Samstag sind wir nur zu Besuch in Freiburg. "Wir wohnen, wo andere Urlaub machen", heißt es immer. Lohnt sich das überhaupt – hier Urlaub zu machen? Das werden wir noch sehen.

Also, erste Station: ein Bäcker im Hauptbahnhof. Zwei Butterbrezeln, zwei Cappuccino. 6,48 Euro. Die Verkäuferin hat schlechte Laune. Dann mein Vorstoß: Wir sind zu Besuch, was kann man anschauen? Guter Witz, aber immerhin: Sie kann jetzt rauslassen, was sie beschäftigt. "Freiburg ist zurzeit gar nicht schön, es ist eine Riesen-Baustelle." Ausgerechnet heute, na das ist ja dumm, wo können wir denn hin? "In die Altstadt, Richtung Münsterplatz. Ist schön dort."

Der Mann hinter uns in der Schlange mischt sich jetzt ein, er ist vielleicht Mitte 50, trägt eine blaue Funktionsjacke. "Wenn Sie in der Mitte der Kaiser-Joseph-Straße sind, ist da die Baustelle – das macht aber nichts: Rechts kommt dann irgendwann der Augustinerplatz... Sie haben ja Zeit, denke ich?" Klar, den ganzen Tag. Er, auf Ur-Badisch: "Des isch echt gut, hey: Die Markthalle kann ich empfehlen, da können Sie sämtliche Speisen der Welt essen – aber das ist voll dort, das sag' ich Ihnen gleich!"

"Ist das der Schlossgarten?"

Das Wetter ist prächtig. Wir fangen auf dem Münsterplatz an. Ein Stadtführer hält ein Foto hoch, darauf die Spitze des Münsterturms, ja, so sieht das aus ohne Gerüst, sehr schön. Wir gehen an den Marktständen vorbei: Käsekuchen aus Freiburg, Pilze aus dem Umland, Erdbeeren von irgendwo – geruchstechnisch ist das ein Knaller. Ein altes Mütterchen mit krummem Rücken packt zwei Zucchini zurück in die Gemüsekiste, die kann ja man auch später noch verkaufen.

"Ich habe noch nie Bärlauch-Pesto gegessen", sagt Sarah, als sie den Peschto-Mann sieht. Also gehen wir Pesto kaufen, sind ja im Urlaub. "Da hätte ich gerne 4 Euro", sagt der Peschto-Mann, der eigentlich Harry Schröder heißt. Ich halte ihm einen Schein hin, aber nein: kein Wechselgeld. Ich krame im Münzfach. "Glück braucht der Mensch", sagt Harry Schröder und hat Recht. Ob er aus Freiburg ist, frage ich ihn. "Ursprünglich aus Berlin, aber ich bin schon 26 Jahre hier", sagt er. "Seit 15 Jahren bin ich Bauer in Oberried – sagt dir das was?" Ja, aber heute nicht.

Ich sage meinen Text auf: Wir sind zu Besuch hier, gibt's irgendwas, was man anschauen sollte? Er empfiehlt uns das Colombischlössle. "Die haben da Wein angebaut, das sollte man gesehen haben." Harry Schröder findet das romantisch. "Vielleicht auch mal ins Grün gehen. Früher waren dort Hausbesetzer drin, da wohnen die Autonomen." Ob die friedlich sind? Als Tourist weiß man so was natürlich nicht. "Ja", sagt Harry Schröder. "Auch die Vauban solltest du dir reingezogen haben. Da waren früher die Franzosen, als wir noch Besatzer hatten. Jetzt gibt's dort alternativen Wohnraum – sehr schön."



Es ist 11 Uhr, Glockengeläut, also gehen wir aufs Münster hoch. "Das war eine dumme Idee", sagt Sarah auf der Wendeltreppe. Aber so was macht man halt. Wenn man was macht, dann das. Außerdem sind 333 Stufen echt nicht viel – der Kölner Dom hat 533, das braucht dann Überwindung, aber das Münster? Easy. Ein Ehepaar mit Kindern wartet schon auf der Aussichtsplattform. "Ist das das Schloss, Frank?" Die Frau zeigt auf das Dattler. Frank schweigt, sie zeigt woanders hin. "Ist das der Schlossgarten?" Das sind jetzt richtig gute Touristen-Fragen.

Wir gehen Mittagessen. Im Eingangsbereich der Markthalle bleibt vor uns eine Frau stehen, ganz fasziniert von der Gemüse- und Obstauslage. "Das erinnert mich an Istanbul", sagt sie zu ihrer Freundin. Kann natürlich sein: In Istanbul machen die Leute ja auch Urlaub.

In der Markthalle gibt es wirklich alles – Persisch, Chinesisch, Brasilianisch. Wir lassen die Welt links liegen und gehen zur Badischen Bar. Sarah bestellt Zanderfilet, ich Schupfnudeln mit Sauerkraut – ich muss in meiner Rolle bleiben. Am Nachbartisch herrscht Stammtischlaune – kein Wunder: Die Männer haben Karohemden an und ein Pils in der Hand, das ist ein super Samstag. Einer macht Witze über mich, glaube ich, er dreht sich zu mir um, zeigt auf meine Schupfnudeln mit Sauerkraut, ha ha, diese Touristen. Als er aufsteht, sehe ich, dass er sich gegen die Tafel gelehnt hat. Ha ha, diese Einheimischen, und alles ist jetzt voller Kreide.



Ich frage mich, ob ich ins Bächle treten sollte. Ich habe das noch nie gemacht und heute wäre ja der Tag dafür. Aber meine Freundin ist nicht in Freiburg geboren und so was endet dann ja immer mit Ärger. Stattdessen holen wir uns im Rathaus einen Stadtplan und den nächsten Tipp: Hallo, gibt's in Freiburg irgendwas, was es sonst nirgendwo gibt? Die Frau an der Infotheke ist vielleicht Mitte 20, hat kurze braune Haare und ein schwarzes Polohemd mit Freiburg-Stickerei an. "Was sehr schön ist", beginnt sie und macht eine kleine Pause. "Auf dem Schlossberg gibt's den Kanonenplatz. Da haben Sie eine Aussicht über ganz Freiburg." Sie hat natürlich Recht. Oben angekommen, schiebe ich leere Bierflaschen zur Seite, dann setzen wir uns auf eine Bank und warten ab. Das ist schließlich das Beste, was man nach dem Mittagessen tun kann.

Kann Freiburg mehr als sechs Stunden?

Eine Gruppe erreicht den Kanonenplatz. Sie folgt einem GPS-Kilometerzähler, ein Mann hat einen Rucksack vor dem Bauch und ein Kleinkind auf den Rücken gebunden. Das sieht nach Wochenendausflug aus. Man rückt nah zusammen, lässt sich fotografieren, nicht von mir, ich halte Abstand, will verstehen, wie Powertourismus richtig geht. "Thank you so much", bedanken sie sich bei der Frau mit der Kamera, dann plaudern sie noch ein Weilchen, keine Ahnung worüber. Einer ruft: "Hey, werd' mal nicht politisch!", und alle lachen. Als wir zurück in die Stadt gehen, habe ich immer noch nichts gelernt. Aber die Sonne war angenehm.

Mit der Straßenbahn fahren wir ins Vauban, hin zum alternativen Wohnraum, hin zur SUSI – die Selbstorganisierte unabhängige Siedlungsinitiative. Ein Mann schiebt sein Fahrrad auf die Straße, im Kindersitz ein kleines Mädchen mit zerzausten Haaren. Es trägt ein schwarzes T-Shirt mit Totenkopf und St. Pauli-Schriftzug drauf. "Ich dreh' nur die Runde, willst du mit?", ruft der Mann nach hinten zu seiner Frau. Sie will nicht. Er zischt ab. Wir auch, das haben wir jetzt ja erlebt.

Wir laufen die Vaubanallee runter bis zum Alfred-Döblin-Platz, dort setzen wir uns auf die Veranda des Restaurants Süden. Ich lasse mir Ganter als lokales Bier empfehlen und bestelle, klar, den hausgemachten Vauban-Flammkuchen, mit Fetakäse, Champignons und Spinat. Stattdessen bekomme ich einen Toskana-Flammkuchen. Nicht so wild: Freiburg ist die Toskana Deutschlands, heißt es ja immer. Als wir bezahlt haben, zähle ich der Bedienung auf, was wir in Freiburg schon kennen. "Oh Gott, was gibt's denn noch?", stammelt sie. Ihr fällt nichts mehr ein, aber sie will ihre Kollegen fragen. Ich rufe ihr hinterher und merke – jetzt muss es dramatisch werden:
Freiburg muss doch mehr können als sechs Stunden!
Nach ein paar Minuten kommt sie zurück. "Sorry, die wissen auch nicht mehr."

Regelverstoß

Auf unsere Liste steht noch der Colombipark. Wir drehen eine Runde, vorbei an den Weinreben, vorbei an jungen Frauen, die mit Einkaufstüten auf der Wiese sitzen und Sekt trinken, vorbei an kleinen Kindern, die am Springbrunnen spielen, vorbei an Menschen, die nervös um sich schauen und heimlich gelbe Plastikbeutel austauschen.

An der Haltestelle vor dem Theater spricht uns ein junger Mann an. "Entschuldigung, wo geht's zum Hauptbahnhof?" Ich erkläre ihm den Weg, dann erst bemerke ich den Regelverstoß. Entschuldigung, wo geht's zum Hauptbahnhof? Das wäre meine Frage gewesen. Oder: Wo geht's ins Grün?

Wir finden das Grün auch alleine. Wenn man in die Straße einbiegt, sieht man als erstes eine Krankenkasse, dann, auf einer Hauswand, den autonome Leitfaden: "All cops are bastards." Wir sehen Altbauten, an denen der Putz runter kommt, einen Innenhof, der einer Müllhalde gleicht. Vor dem Kyosk in der Adlerstraße sitzen ein paar Leute – ich will Kontakt aufnehmen. Aber dann winkt mir schon PARTEI-Stadtrat Simon Waldenspuhl zu und unsere Tarnung fliegt auf. Hallo, wir sind zu Besuch hier – bei der Nummer hat das Grün heute rebelliert.



Wir laufen zum Augustinerplatz, warten, dass es dunkel wird und erleben einige Freiburg-Momente, einfach so, während wir auf den Stufen sitzen, wie in einem Amphitheater:
  • eine Frau rennt barfuß übers Kopfsteinpflaster
  • jemand trifft jemanden, den er vielleicht um zwei Ecken aus der Schulzeit kennt – der hockt da jetzt und isst Pizza aus der Schachtel
  • eine Gruppe verteilt Flyer für das Rock am Bach Festival, sie hat einen Bollerwagen mit Rock-Boombox und Tannenzäpfle dabei
  • jemand sagt den Satz: "Ich esse ja wenig Fleisch, aber..."
An der Bertoldstraße stoppen wir ein Pärchen. Beide sind so Ende 20, sie trägt eine Strickjacke und Sandalen, er ein schwarzes T-Shirt, auf dem irgendwas wie "Cornflakes" steht. Hallo, könnt ihr uns eine Bar empfehlen? Sie lacht. "Es gibt viele tolle Bars", dann, zu ihrem Freund: "Carlo, was empfehlen wir?" Carlo empfiehlt uns die Hemingway Bar. "Das ist eigentlich recht cool da."

Badischer Birnen-Fizz

Wir setzen uns direkt an die Theke, Barmann Florian gibt uns die Karte. Ich blättere ein wenig darin und stelle dann meine furchtbare Frage: Habt ihr auch was Regionales? "Alles, was auf der Karte unter Regionales steht", sagt Barmann Florian.
Williams Birne, Zitronensaft, Vanillesirup, Sahne, Gewürzbitter, Soda – so was würde ich nie trinken. Aber jetzt bestelle ich den Badischen Birnen-Fizz und er schmeckt wirklich gut.

Die Bahn fährt an. Nicht der Intercity, der um 23 Uhr von Gleis 1 Richtung Norden abfährt. Es sei denn jemand fragt, dann schon. Es ist nur die Straßenbahn, aber es fühlt sich trotzdem  an, als würden wir aus der Stadt raus fahren. Freiburg als Tourist erkunden – das wird wohl nicht wieder vorkommen. Aber verdammt noch mal, es sollte. Auch wenn man hier schon wohnt, muss man in Freiburg einfach mal Urlaub machen. Man muss den Birnen-Fizz auch einfach mal trinken.

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Fotos: Daniel Laufer

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