Was passiert in einer Fasnet-Zunft?

Clemens Geißler

Schwingende Fuchsschwänze und abgestaubte Hasen. Wer in der Freiburger Miau-Zunft dabei sein will, muss schunkelfest und tanzlaunig sein. Warum die Zunft seit kurzem einen eigenen Sicherheitsdienst braucht und Fasnet eigentlich das ganze Jahr ist, hat Clemens bei seinem Besuch auf dem Ballabend rausgefunden.



Kollektiver Kontrollverlust und spießige Vereinsmeierei. Dieses Schreckgespenst von Karneval, Fastnacht, Fasnet oder Fasching lässt manche Bewohner närrischer Regionen in panischer Angst die Flucht ergreifen, wenn alljährlich die fünfte Jahreszeit Einzug hält. Doch gleichzeitig zieht es viele Leute in die Fastnachtshochburgen Deutschlands, um an dem Spektakel teilzunehmen. Selten bekommt man zwischen Wurstständen und Umzugswägen Einblick in das Leben einer Zunft. Was genau passiert eigentlich in einer Narrenzunft? Zu diesem Zweck mische ich mich am Fasnetssamschdig unters Volk: der Ballabend der Miau-Zunft Freiburg.




Pünktlich um 20.11 Uhr beginnt der Einmarsch der Hästräger in den Ballsaal. Von Marschmusik und dem Applaus des Publikums begleitet, besteigen die Katzen die Bühne. Wer jetzt mit einem formalen Programmbombardement rechnet, sieht sich getäuscht. Nach einer kurzen Bühnenpräsentation bläst bereits wieder die Ausmarschmusik und die Narren verlassen den Saal tanzend und fuchsschwanzschwingend.



Den ganzen Abend über werden nun andere närrische Vereinigungen – etwa die Turmsträßlerinnen oder die Gladdi-Addore aus Basel – bei der Miau-Zunft zum „Schnurre“ kommen. Das bedeutet, man hält mit Mann und Maus Einzug in den Saal, gibt einige Stücke Guggemusik oder sonstige Darbietungen zum Besten, plaudert und trinkt hernach ein wenig und zieht dann weiter zum nächsten Narrentreffen. „Dass die Guggenmusiker aus Basel kommen, ist einfach toll, die bringen riesige Stimmung mit“, meint Andreas Rothböck, der Kassierer der Miaus. Und tatsächlich: Bereits eine knappe Stunde nach Veranstaltungsbeginn bahnt sich die erste Polonäse ihren Weg durch den bereits ordentlich gefüllten Saal.



Im Verlauf des Abends wird das ganze Repertoire karnevalistischer Klassiker musikalisch dargeboten und größtenteils textsicher mitskandiert. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich. Herzlich werden alte Bekannte und Freunde begrüßt, hier angestoßen, da geschunkelt und getanzt. Die Klänge der Gugge gehen bisweilen in donnerndes Dröhnen über, das den Gemeindesaal der Pfarrei St. Konrad in seinen Grundfesten erbeben lässt. Doch die im oberen Stockwerk des Baus wohnhaften Ordensschwestern (Ortsfremde hätten es vielleicht für eine Verkleidung halten können) nehmen es sichtlich mit Humor und gerne an der Gesellschaft teil.



„Feiert ihr das ganze Jahr über?“ brülle ich Zunftvogt Klaus Ruh durch den dichten Rauch des Foyers an. „Nein“, sagt er und lacht, „aber an Fastnacht treffen wir uns natürlich verstärkt“. Die närrische Zeit beginnt im alemannischen Brauchtum offiziell nach Dreikönig, wo das „Häs abgestaubt“ wird. Der Beginn der eigentlichen Fasnet wird dann ganz unterschiedlich symbolisiert, wie Zeremonienmeister Johnny Franz zu berichten weiß.

„Was zum Beispiel in Villingen-Schwenningen der Narrensprung ist, heißt bei uns Ofenspiel. Da wird die Katze geboren. Dann macht sie die ganze Fasnet verrückt und stirbt am Aschermittwoch“. Die von diesen beiden Ritualen markierte Zeit ist die intensivste des Zunftlebens.



Ruh und Franz ist es wichtig zu betonen, dass auch zu einer närrischen Gemeinschaft eine gewisse Ordnung gehört. Dies gilt neben der Organsiation und Verteilung von Aufgaben natürlich auch für das Verhalten im Einsatz. So gibt es beispielsweise eine einjährige Anwärterschaft für neu aufgenommene Aktive – eine Art Häs auf Probe also. Nach dieser stimmt die Zunftgemeinschaft über den Verbleib der Person in der Gemeinschaft ab. Es kam auch durchaus schon vor, dass Leute ausgeschlossen wurden, die sich nicht im Griff hatten.



„Natürlich trinkt bei uns auch mal jemand einen über den Durst, aber das gibt es ja überall“. Ich nicke bestätigend, während ich den letzten Schluck aus meinem Bier nehme. „In den letzten Jahren haben aber im Gegenteil die Aggressionen von einzelnen Zuschauern gegen Hästräger auf dem Umzug derart zugenommen, dass die Breisgauer Narrenzunft nun einen Sicherheitsdienst von 35 Mann beschäftigen muss“.

Ruh erklärt, dass das Zunftleben im Grunde mit jedem anderen Verein vergleichbar ist: Die Miau-Zunft hat eine Struktur mit Vorstand, Schriftführer und Kassierer und gilt als gemeinnützige Organisation. Der Dachverband der über dreißig Freiburger Zünfte ist die Breisgauer Narrenzunft, die sich auch um die Planung der Umzüge kümmert. Jede der Freiburger Stadtteilzünfte, wie etwa die Herdermer Lallis, die Waldseematrosen aus der Oberwiehre oder eben die Miau-Zunft, hat Vertreter in diesem Zusammenschluss untergebracht.



Neben diesem klassischen Gefüge birgt eine Zunfttätigkeit noch weit mehr Facetten als gemeinhin angenommen, so Klaus Ruh. „Wir sind zudem das ganze Jahr über in der Jugendarbeit tätig, führen durch das Narrenmuseum in der Turmstraße oder gestalten Elemente im Grundschulunterricht in Heimat- und Sachkunde“.