Interview

Was muss dir ein Glaube bieten, Dendemann?

Bernhard Amelung

"Da Nich Für" heißt das aktuelle Album von Dendemann. Das stellt der Rapper mit der heiser-rauen Feierstimme beim Zelt-Musik-Festival in Freiburg vor. Im Interview verrät er, welche Comic-Figur er wäre und ob er mit sich selbst zufrieden ist.

Er hat sich Zeit gelassen. Neun Jahre liegen zwischen dem 2010 erschienenen Album "Vom Vintage Verweht" und "Da Nich Für", das Dendemann Anfang 2019 veröffentlicht hat. Dendemann, mit Geburtsnamen heißt er Daniel Ebel, lässt sich auch Zeit, bis ein Interviewtermin steht. Irgendwann klappt es doch. "Hey, na, puh, ganz schlechter Empfang, außerdem renne ich zum Bus", sagt der mit heiser-rauer Feierstimme. Dann bricht der Kontakt ab. Minuten später ruft er zurück. Er atmet schnell, hustet. "So, jetzt, ich habe mich für dich abgehetzt, jetzt leg mal los", sagt er.

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Warum hetzt du auf den Bus?

Dendemann: Ich bin auf der Suche nach Menschen. Ich habe Tourwäsche gewaschen und habe mich geduscht. Jetzt bin ich frisch und leicht hungrig auf Interviews.

Stell dir vor, du wärst eine Comicfigur.

Dendemann: Ich wär’ ’ne Mischung aus Goofy und Tigger aus Winnie the Puuh.

Warum?

Dendemann: Diese Mischfigur wäre immer gut drauf und würde zur Begrüßung am liebsten alle umrennen, so wie Tigger. Wenn ich gut drauf bin und mich amüsiere, kann ich auch lächeln. Goofy ist ja nach seiner stärksten Eigenschaft benannt. Ich wünschte, es wäre nicht so, aber ich bin leider auch Goofy.

Was für eine Superkraft hat Dendemann?

Dendemann: Er kann Leute abholen.

Wen hast du als Kind vergöttert?

Dendemann: Dieter Hallervorden, Otto Waalkes und Boris Becker. Diesen aber nur phasenweise. Mir stand aber auch Uwe Friedrichsen nahe, durch die Sesamstraße. Der Redakteur der Sendung mit der Maus war auch so ein Jugendheld von mir. Ich habe auch Songs geschrieben, in denen alle meine Jugendhelden vorkommen.

Hat dich ein Super- oder Jugendheld schon einmal enttäuscht?

Dendemann: Ja.

Wer war das?

Dendemann: Gott. Die Frage war eine Steilvorlage.

Wie bist du mit dieser Enttäuschung umgegangen?

Dendemann: Zum Thema Glauben kann man abendfüllende Gespräche führen. Glaube ist nicht zu unterschätzen. Er ist eine sehr wertvolle Kraft, wenn er richtig eingesetzt wird. Ich denke aber, dass das heute nicht mehr geht. Ich habe den Eindruck, dass die Curricula auf allen Seiten alt und überholt sind. Die Glaubenslehrpläne der marktführenden Religionen haben ausgedient. Das ist ähnlich wie bei Majorlabels. Sie sind überholt.

Was muss dir ein Glaube bieten?

Dendemann: Ich bin so genervt von diesen Glaubensprivilegien, dass ich kurz davor stehe, meinen Jamaikanismus als Weltanschauung oder Religion beim Amt anzumelden. Bei den Deutungshoheiten, die einem täglich um die Ohren flattern, möchte ich meine eigene amtlich bestätigt haben. Ich möchte aus religiösen Gründen rauchen können, was ich will.

Auf deinem aktuellen Album singst du: "Ich bin Dendemann, was will ich mehr". Das wirkt sehr zufrieden.

Dendemann: Vielleicht reicht es in diesem speziellen Fall. Das ist das Mantra, mit dem ich mich durch die Zeilen des Songs hangele. Gegen die Selbstzweifel und Überheblichkeit.

Was treibt dich nach all den Jahren eigentlich noch an?

Dendemann: Ich habe Spaß dabei. Ich bin ja selbst der allergrößte HipHop-Fan überhaupt. Als ich damit anfing, hätte es aber auch Standup-Comedy oder Theater sein können. Etwas, das mich unterhält und amüsiert. Das möchte ich auch auf der Bühne rüberbringen. Im besten Fall muss auch alles von mir selbst ausgedacht sein. Wenn ich etwas vortrage, das ich mir selbst ausgedacht habe, wirkt das am besten.

Welche Songs hättest du am liebsten nicht geschrieben?

Dendemann: Keine. Ursprünglich wollte ich jedoch einen Song wie "Menschine" nicht schreiben, weil ich Jahre zuvor schon "Roboter" geschrieben habe. Mit der richtigen Hilfe habe ich das aber geknackt bekommen. Ich habe eine andere Perspektive eingenommen und mir gesagt: Weil du Roboter geschrieben hast, musst du Menschine schreiben.

Wie muss man sich eigentlich den jungen Rapper Dendemann vorstellen?

Dendemann: Heute vergessen viele, dass wir damals gerade die Schule hinter uns gelassen haben und vom Zivildienst kamen. Wir waren alle keine Arbeitstiere, die vor Ehrgeiz platzten. Rappen war da einfach eine sehr sinnfüllende Aufgabe. Durch den Erfolg, den wir damit hatten, ist sie auch schnell zum Berufsbild geworden. Dadurch sind wir auch in eine Produktivität reingewachsen. Wir waren schnell Teil eines professionellen Apparats, auch wenn das kleine Label waren. Kumpelmanagement. Der Zweijahreszyklus war dann auch sehr bald vorgegeben. Album aufnehmen, veröffentlichen, Tour, Studio, Album aufnehmen.

Bei dir ist das nicht so. Du hast dir neun Jahre Zeit für "Da Nich Für" gelassen.

Dendemann: Dendemann ist eben anders.

Wie hat sich deine Herangehensweise an Songs über die Jahre verändert? Manche Künstler erzählen, dass mit der Zeit die Leichtigkeit und Unbedarftheit abfallen.

Dendemann: Damit habe ich kein Problem. Sie waren nie da. Ich habe mich immer gequält. Ich dachte auch, dass das so sein muss. Ich habe meine Kultur in ihrer Funktionalität und Spontaneität komplett missinterpretiert. Dass das viele Sachen gerade so gut macht, das geht in anderen Bereichen nicht. Zumindest nicht im Pop. Jedes Mal, wenn ich es tue, fällt es mir aber leichter. Als ich angefangen habe, war es am schlimmsten. Das war richtig eine Qual.

Was hast du bei der Arbeit an "Da Nich Für" über dich selbst erfahren?

Dendemann: Das eigene Bewusstsein schützt nicht vor Fehlentscheidungen im eigenen Haus, im eigenen Körper. Das waren zwar hausgemachte Probleme. Die waren so tief verwurzelt in der Subjektivität. Natürlich ist man als Künstler Experte darin, auch in der Beurteilung. Ich hatte aber im richtigen Moment den richtigen Beistand, der mich gehauen und getragen hat.

Wie wichtig ist für dich als Rapper das Umfeld, in dem du dich bewegst?

Dendemann: Gar nicht. Gerade rückwirkend, wenn ich denke, dass ich etwas verpasst haben könnte, weil ich nicht mit dem oder dem rumgehangen bin. Hinterher hatte ich immer das Gefühl "Joah, da hättest du auf dich aufpassen müssen". Damit ich nicht den gleichen Amiquatsch nachmache. Ich bin ja auch nur ein Meme.

Mir ist es halt superwichtig, wenn ich an einem Album arbeite, dass meine Bühnenenergie auf die Platte kommt. Ich halte nichts von Zimmerlautstärken-HipHop. Ich höre gerne gut abgemischte Alben. Das war schon bei der Vintage-Platte so. Aktuell beweisen die Krauts, Jansen und Kowalski, mit ihrer Band Moabeat, dass da mehr passieren kann. Sie haben gezeigt, dass sie auf Albumlänge so wunderbar produzieren können. Leider kennt deren Platte kaum jemand.

"Dringlichkeit besteht immer" heißt das.

Dendemann: Das war wie die letzte Deichkind-HipHop-Platten. Leicht, soulig, so brilliant, dass man gar nicht hört, ob dafür ein Sample verarbeitet wurde oder nicht. Die Platte habe ich so gefeiert. Ich musste ja von dem EinsZwo-Ding weg.

Dein Song "Zauberland" bezieht sich auf Rio Reiser...

Dendemann: Eigentlich habe ich mir ein Sampleverbot erteilt. Ich habe aufgepasst, dass da nicht noch mehr kommt. Das haben die Krauts gut hinbekommen. Die und ihre kleinkunstartigen Ideen. Wir gehen immer ganz nach oben.

"Müde" enthält ein Sample von Hildegard Knef. In diesem Song sprichst du populistische Stimmungen an. Wie nahe geht dir sowas?

Dendemann: Ich kreise sehr um mich selbst. Der Anflug von Wut wird am nächstbesten Mitarbeiter rausgelassen. In einem Dreiminutenmonolog. Dann drehe ich mich auf der Hacke um, und gut ist. Wahrscheinlich bin ich die Galionsfigur einer Verdrossenheit und Desinteresses. Ich habe jetzt nur diese Rolle als Rapper angenommen, weil es als Medium eine total gute Botschaft ist. Du fühlst dich ja angesprochen.

Wie politisch ist Dendemann?

Dendemann: Ich kann keine Politik angucken, weil mich das an Fußball erinnert. Ich kann Fußball, das holt mich nicht ab. Die Interviews nach einem Spiel sind identisch, aber einfach nur etwas mehr außer Atem. Der gleiche Müll. Das ist mir alles zu nah beieinander. Diese ganze Vokabelwichse, er driftet nach rechts, linksversifft, who cares. Ist der Typ im Amt, macht der etwas, was uns gerade zurück wirft oder bringt uns das nach vorne?

Und jeder will recht haben.

Dendemann: Das ist Populismus. In meinem Game ist der besonders stark. Einfach zunächst was los keifen. Irrelevant, wie viel Wahrheitsgehalt drin ist, weil die Behauptung ist mehr wert.

Warum braucht Rap diese große Geste?

Dendemann: Beim Amirap ertragen wir das über den Abstand zur Sprache. So kriegen wir das inhaltlich weggedrückt. Wenn etwas inhaltlich in unserer Sprache passiert, haben wir ein Problem.

Noch einmal zum Abschluss "Zauberland". Wo liegt dies?

Dendemann: Hab’ ich in die erste Zeile gepackt. Es geht um Heimat, im seltensten Fall wird man in der Luft oder auf dem Meer geboren. Jeder hat eine, egal, wie scheisse man das findet, sie ist da. Mutterboden, Heimathafen, Zauberland. Es ist da.
Verlosung

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Mitglied in fudders Club der Freunde kannst Du hier werden. Um zu gewinnen, schicke eine E-Mail mit deinem Namen und dem Betreff "Danichfür" an gewinnen@fudder.de.

Sollten zu wenige Club-Mitglieder an der Verlosung teilnehmen, werden die Karten unter den restlichen Einsendungen verlost. Teilnahme ab 18 Jahren, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Einsendeschluss ist Freitag, 28. Juli, 16 Uhr. Die Gewinner werden per E-Mail benachrichtigt.

Was: Dendemann – "Da Nich Für"-Tour 2019
Wann: Sonntag, 28. Juli, 20 Uhr
Wo: Zirkuszelt, Zelt-Musik-Festival, Freiburg
Vorverkauf: 41,95 Euro, Tickets online kaufen