Dreisam-Mord

Was man über den 17-jährigen Tatverdächtigen im Mordfall Maria L. weiß

Joachim Röderer

Er steht im dringenden Verdacht, am 16. Oktober die 19-jährige Medizinstudentin Maria L. vergewaltigt und getötet zu haben – der 17 Jahre alte Hussein K. Als unbegleiteter Minderjähriger ist der Afghane vor einem Jahr nach Deutschland gekommen. Über seine Herkunft und sein Vorleben bis zur Verhaftung kennt man bislang nur wenige Bruchstücke.

Woher stammt Hussein K.?

Er ist in Afghanistan geboren, gehört zum Volksstamm der Hazara, die nach den Paschtunen und Tadschiken die drittgrößte ethnische Gruppe in Afghanistan sind. Die Hazara unterscheiden sich mit ihren asiatischen Gesichtszügen von den übrigen Afghanen. Sie gehören einer konfessionellen Minderheit an, weil sie dem schiitischen Islam folgen. Die Hazara erleiden in Afghanistan bis heute Unterdrückung und Diskriminierung. Es gibt immer noch ethnische Auseinandersetzungen, Hazara werden bei der Vergabe der Arbeitsstellen weiterhin benachteiligt. In Kabul leben die Hazara in den Armenvierteln.

Kam Hussein K. wirklich aus Afghanistan nach Deutschland?

Das lässt sich nicht sicher beantworten. Wenn man sein Facebook-Profil betrachtet, dann muss er sich zumindest eine längere Zeit im Iran aufgehalten haben. Er könnte sogar aus dem Iran nach Deutschland gekommen sein. Aber ganz genau lässt sich dies nicht sagen. Fest steht jedoch: Viele Hazara sind in den Iran geflohen, leben und arbeiten dort.

Wie alt ist Hussein K.?

Erst heute ist er 17 Jahre alt. Er hatte bei seiner Einreise ein Dokument bei sich, das als Geburtstag den 12. November 1999 ausweist. Ob das Dokument echt ist, wissen die Ermittlungsbehörden nicht. Im Zuge des Strafverfahrens wird sein Alter überprüft werden. Am Tag der Tat ist Hussein K. laut seinem Dokument damit sogar erst 16 Jahre alt gewesen.

Wo lebte er in Freiburg?

Er kam im November 2015 über die Grenze in Weil am Rhein alleine als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland. Er stand zuletzt unter der Obhut des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald. Welche Stationen er in der Betreuung durchlaufen hat, will der Landkreis nicht sagen. Was man aber weiß: Zuletzt lebte er in einer Pflegefamilie im Freiburger Osten, eigentlich eine besonders gute Form der Betreuung, die nicht allen jungen Flüchtlingen zuteil wird.

Ging er in die Schule?

K. hat eine Schule in Freiburg besucht, die in der Regie eines freien Trägers steht. Er galt als guter Schüler und kann sich auf Deutsch verständigen.

Was findet man über ihn in den sozialen Netzwerken?

Wie viele Altersgenossen nutzte er Facebook, Twitter und Instagram. Auf Facebook hat er Selbstporträts gepostet. Offensichtlich hat er ein Faible für modische Frisuren, weil er auf nahezu jedem Foto einen anderen Haarschnitt trägt. Dass er auf dem letzten Foto vom 25. November keinen blonden Haarschopf hat, muss darum nicht zwingend etwas mit der Tat zu tun haben. Aber klar ist: Hätte er am Tattag nicht blondierte Haare gehabt, wäre die Polizei, die am Tatort ein einzelnes Haar gefunden hat, nicht auf seine Spur gekommen.

Wie hat sich Hussein K. im Alltag gegeben?

"Ganz normal und unauffällig", sagt ein Kioskbetreiber, der nicht mit Namen in der Zeitung stehen will. Bei ihm war Hussein K. Stammkunde, hat jeden Tag Tabak gekauft, meist vor der Schule. Der Kioskbetreiber kommt selbst aus Afghanistan und lebt seit 24 Jahren in Freiburg. "Er sprach Dari mit einem persischen Akzent", sagt er über seinen Kunden. Er hat mit ihm sogar über die Silvesternacht in Köln diskutiert. Hussein K. habe gesagt: "So etwas mache ich nicht, ich bin nicht so erzogen." Auch der Kioskbetreiber ist erschüttert über die Tat, derer der Junge verdächtigt wird.

Kannten sich der mutmaßliche Täter und sein Opfer?

Nach jetzigem Stand: nein. Sie lebten in benachbarten Stadtteilen. Die Polizei geht davon aus, dass Maria L. in der Nacht zum 16. Oktober auf dem Weg nach Hause zufällig zum Opfer geworden ist. "Wir haben keine Hinweise, dass sie sich jemals getroffen haben", bekräftigte die Polizei noch einmal. In den sozialen Netzwerken findet sich nur eine Überschneidung: Sowohl der Tatverdächtige als auch Maria L. waren Mitglied der Facebook-Gruppe Flüchtlingshilfe Freiburg – genau wie 3000 andere Menschen auch.

Wann wurde er verhaftet?

Zwei Polizisten vom Posten Littenweiler entdeckten ihn aus dem Streifenwagen heraus auf der Straße in Littenweiler. Polizeiintern war zuvor das Foto der Straßenbahnüberwachungskamera verteilt worden. Hussein K. hat sich widerstandslos festnehmen lassen. Er war davor strafrechtlich noch nie in Erscheinung getreten. Es gab lediglich eine Ermittlung wegen eines Schulhofstreits.
Kriminaltechniker in Stuttgart helfen der Freiburger Polizei mit teurer Technik und viel Handarbeit: Sie fanden das Haar, das zum Tatverdächtigen im Fall Maria L. führte. Ein Besuch im Labor. Mehr dazu

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