Was lest ihr gerade?

Johanna Schoener

Semesterendspurt, Klausuren, Prüfungen: Trotz gefühlter fünfunddreißig Grad im Schatten sind die Bibliotheken von fleißigen Studenten bevölkert und auch auf den schattigen Wiesenplätzen rund um die Uni tummeln sich Lerner, eingedeckt mit Büchern, Blöcken und Bleistiften. Was lesen die da alle, statt im See zu planschen, Eis zu essen oder Radler zu trinken?


"Staatsrecht 2". Puh, hört sich nach hartem Stoff an, was sich Fanny Arnaudo da gerade zu Gemüte führt. Sie studiert Jura im achten Semester und hat nur noch ein paar Tage bis zur Klausur. Hättet ihr gewusst, was die “Wesensgehaltsgarantie” ist? Ich nicht - leider, denn ich hätte der 23-jährigen Austauschstudentin aus Frankreich gern geholfen, nachdem sie es schon erfolglos bei ihren Sitznachbarn versucht hat.


Was die Wörter “Wesen”, “Gehalt” und “Garantie” bedeuten, hat sie schon rausgekriegt, aber das Ganze im Zusammenhang? “Ich wäre jetzt lieber im Schluchsee”, gibt sie zu, aber hält durch. Ohrstöpsel rein und weiter geht’s.

Ein paar Tische weiter ist jemand vertieft in das Skript für “Grundzüge der Unternehmensrechung”. Ist das nicht trocken Volker Stocker? “Nein, es ist sehr spannend und interessant”. Der 21-jährige VWL-Student meint das ausdrücklich nicht ironisch. “Es gibt nichts, was ich lieber lesen würde”, keine Wimper zuckt. Doch guckt euch den verschmitzten Gesichtsausdruck des Drittsemestlers an. Wobei, vielleicht ist der auch auf unser Gespräch zurückzuführen: “Ich gebe total gerne Interviews.” Danke Volker, wir kommen auf dich zurück.

Vorm KG II sitzt Sean McGovern und beschäftigt sich mit ”German for Reading Knowledge?. Und wie klappt's mit dem deutsch lernen? “Ganz gut”, dafür, dass er erst seit einer Woche in Freiburg ist. Gerade ist er bei dem Beispiel: “Es regnet nie im Süden von Kalifornien.” Stimmt das, frage ich ihn, denn als gebürtiger Kalifornier muss er es wissen.

“Yeah, it never rains in Southern California”. Aber hier gefällt’s ihm auch sehr gut. Noch drei Wochen geht sein Sprachkurs am Goethe-Institut, zwischendurch schnuppert der Philosophiestudent in deutsche Vorlesungen hinein.

Auch Judith Eckert hat sich für einen Schattenplatz auf dem Campus entschieden und liest “Soziologische Gegenwartsdiagnosen”. Das Buch ist gut: “Schwierige Sachen werden leicht erklärt und kurz gefasst.” Allerdings scheins nicht kurz genug. Sie würde nämlich eigentlich lieber schlafen, weil sie gestern schon zu lange mit dem Lesestoff für die Gruppenhausarbeit in Soziologie beschäftigt war. Heute Abend muss die 20-Jährige, die im zweiten Semester neben Soziologie auch noch Psychologie und VWL studiert, Ergebnisse liefern. Also weiter im Text.

Zurück in der UB hat eine schon der Schlaf übermannt. Der Kopf von Solveig Rehorst ist auf die “Semantik” gesunken. Sie würde alles andere lieber machen, als sich auf ihr Examenskolloquium vorbereiten, das sie für ihr Staatsexamen in Germanistik und Anglistik besucht. 24 Jahre, 10 Semester Studium, da hat man genaue Vorstellungen, was es Besseres zu tun gäbe.

Erstens: zurück nach Rom flüchten, wo sich die Fußballverrückten, die sie dort am Sonntag getroffen hat, langsam wieder eingekriegt haben dürften. Zweitens: ein zweites Stück Kuchen essen und drittens: Charles Dickens lesen, “wobei der bei der Hitze auch eine Überforderung wäre”. Mir scheint, da helfen keine Durchhalteparolen mehr und ich verabschiede mich mit einem “gute Nacht!”.