BZ-Leitartikel

Was ist heutzutage eigentlich noch links?

Karl-Heinz Fesenmeier

Linkssein war so einfach – früher. Heute erscheinen die Probleme komplexer, kaum jemand verspricht sich von linker Politik eine Lösung. Auf der Suche nach politischer Identität: Was ist eigentlich noch links?

Linkssein war so einfach. Und irgendwie auch ein gutes Lebensgefühl. Man stand immer auf der richtigen Seite, da, wo das Herz schlägt.

Wer links ist, ist für soziale Gerechtigkeit, Frieden, eine bessere Umwelt, Solidarität, überhaupt für eine bessere Welt. Man kämpft – get up, stand up – mit den Unterdrückten gegen die Unterdrücker, mit den Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter.


Nur: Die Welt ist nicht mehr so einfach. Die Probleme sind komplex und die Bedrohungen haben oft keine Gesichter mehr. Und an Ausbeutung und Ungerechtigkeit ist man – Stichwort Dritte Welt – selbst mitbeteiligt, schlimmer noch, man profitiert davon. Jeder Einzelne.

Es ist seltsam. So vieles in der Welt gerät aus den Fugen, es gäbe wahrlich viel anzupacken: Terror, Umweltzerstörung, Flüchtlingskrise, Kluft zwischen Arm und Reich – doch kaum jemand verspricht sich von linker Politik eine Lösung.

Linkssein ist out

Linkssein ist out, wirkt heute so verstaubt wie einst der Muff unter den Talaren. Das liegt nicht nur am Scheitern all der roten Experimente im 20. Jahrhundert. Links ist zu einer Chiffre geworden, die oft nur noch als vage politische Orientierung dient. Vor allem junge Menschen empfinden keine Faszination für linke Ideen. Sie wenden sich ab, sobald sie rote Patina durchschimmern sehen. Wenn Alt-68er den moralisierenden Zeigefinger erheben, bekommen sie oft einen anderen entgegengestreckt.

Vielmehr ist der Konservatismus auf dem Vormarsch. Große Veränderungen brauchen eigentlich große Antworten, mutige Aktionen. Doch wo Gefahren drohen, wollen Menschen das bewahren, was sich bewährt hat und ihnen vertraut ist. Sie wollen es schützen. Wo soll, wo kann da linke, genuin auf Veränderung zielende Politik ansetzen?

Ist Willkommenskultur und Flüchtlingshilfe links, wo sie doch von einer CDU-Kanzlerin maßgeblich initiiert worden sind? Oder christlich? Anfangs waren alle linken Politiker von SPD bis zur Linkspartei begeistert, heute hören sich SPD-Chef Gabriel und Linke-Frontfrau Wagenknecht ganz anders an. Ist das nun links?

Linke Politik ist schwierig zu machen

Anderes Beispiel: Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Deutschland seit 2005 statistisch ein bisschen kleiner geworden – weil durch Hartz IV mehr Menschen in Arbeit kamen. War Schröders Agendapolitik am Ende gar links, obwohl sie von Teilen der SPD und der Linken als neoliberal diffamiert wurde?

Wie schwierig es ist, linke Politik zu machen, zeigt auch Alexis Tsipras. Der griechische Premier dämonisierte die Geld gebenden Eurostaaten, bis er schließlich mit ihnen kooperierte, weil es ohne deren Hilfe nicht ging. Damit verlor er bei der Bevölkerung seine Glaubwürdigkeit, weil er die geweckten Erwartungen, über den Kampf zum Ziel zu gelangen, enttäuscht hat.

Überhaupt, der politische Kampf. Er gehört zum Selbstverständnis linker Parteien bis hin zur Sozialdemokratie, doch er wirkt anachronistisch. In einer komplexen und komplizierten Welt bricht sich vielmehr ein Pragmatismus Bahn, der die ideologischen Politikansätze des 20. Jahrhunderts abgelöst hat. Ob sich dahinter eine Sinnkrise westlicher Gesellschaften verbirgt oder ob es eine emanzipatorische Weigerung ist, den Staat als Sinn stiftende Institution anzuerkennen, ist unklar.

In einer Gesellschaft wie der deutschen, die materiell alles hat einschließlich eines weltweit bewunderten Sozialsystems, ist es zunehmend schwierig, linke Politik zu formulieren. Und Probleme bei der Integration muslimischer Migranten oder das wachsende Sicherheitsbedürfnis der Bürger sind Themen, für die linke Ideologien keine speziellen Ansätze liefern.

Dennoch werden SPD, Linke und vielleicht auch die Grünen vor der Bundestagswahl vermutlich einen aus der Zeit gefallenen Lagerwahlkampf inszenieren. Links gegen Konservativ. Wenn es nur so einfach wäre!