Was ist eigentlich Jugendsprache? 5 Antworten einer Sprachwissenschaftlerin

Anna-Lena Zehendner

"Is' ja hamma, Alder!" Unter diesem Motto diskutieren internationale Sprachwissenschaftler an der Uni Freiburg noch bis Samstag über die Entwicklung der Jugendsprache. fudder-Mitarbeiterin Anna-Lena hat mit der Sprachwissenschaftlerin Professor Janet Spreckels von der PH Heidelberg gesprochen, um herauszufinden: Was ist eigentlich Jugendsprache?



Frau Spreckels, gibt es Jugendsprache wirklich oder ist sie eine Erfindung von Erwachsenen?


Janet Spreckels: Die erste Standardantwort, die man dazu normalerweise gibt, ist, dass es "die" Jugendsprache an sich natürlich nicht gibt.

Jugendsprache ist ein Begriff, den wir Sprachwissenschaftler gebrauchen, um uns über die Summe verschiedener jugendsprachlicher Sprechstile auszutauschen. Sie werden daher ganz andere Phänomene beobachten, wenn Sie eine Skater- oder eine katholische Jugendgruppe anschauen. Man kann aber schon sagen, dass es gewisse allgemeine sprachliche Phänomene gibt, die in dieser Jugendphase - zwischen 12 und 19 Jahren - stattfinden.

Merkmale der Jugendsprache gibt es ganz viele, wobei ich betonen möchte, dass es viel mehr ist als "krass" und "geil". Es sind eben nicht nur einzelne Wörter, sondern Jugendsprache breitet sich auch auf ganz andere Bereiche aus wie beispielsweise die Wortbildung: Aus "geil" wird "endgeil" oder "supermegageil". Wir sprechen dabei in der Sprachwissenschaft von hyperbolischen Ausdrücken, also dem Hang zur Übertreibung.

Was fällt bei Jugendsprache allgemein auf?

Was sicher neu ist, ist dass Jugendliche heute durch die neuen Medien mehr schreiben als je zuvor. Jugendsprache liegt uns daher als geschriebene Sprache sehr viel häufiger vor als noch vor zehn Jahren. Das ist für uns Sprachwissenschaftler natürlich ein Sprachschatz.

Ich habe beispielsweise noch für meine Dissertation Audioaufnahmen von einer Mädchengruppe gemacht, die ich bei ihren Freizeitaktivitäten begleitet habe. Damit habe ich zwei Jahre meines Lebens verbracht. Heutzutage kann man den Rechner hochfahren und sich in Blogs, Chats, auf StudiVZ oder in Facebook all diese Phänomene auch in schriftlicher Form ansehen.

Es gibt Bücher zur Jugendsprache, und jährlich wird sogar ein Jugendwort gekührt. Wie genau sehen solche Forschungen zur Jugendsprache aus?

Ich halte persönlich nicht sehr viel von diesen Wörterbüchern. Man kann sagen, dass in der Jugendsprachforschung etwa zu Beginn der 90er Jahre ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat. Wenn es um solche Wörterbücher geht, sprechen wir in der Wissenschaft von einem lexikographischen Zugang zur Jugendsprache. Ein Verlag wie Pons schickt dabei Fragebögen an Jugendliche und möchte beispielsweise wissen: Was sagt ihr bei einer Begrüßung?

Das ist lustig und findet auch reißenden Absatz. Allerdings werden solche Jugendwortbücher nicht von Jugendlichen gekauft, sondern von Leuten jenseits der 30, die hipp sein wollen. Ich finde das etwas fragwürdig, da die Wörter, die in solchen Büchern aufgeführt werden, meines Erachtens die Alltagsjugendsprache nicht kennzeichnet.

Mein persönlicher Zugang zur Jugendsprache ist ein ganz anderer und zwar der sogenannte ethnologisch-gesprächsanalytische Zugang. Wenn man den tatsächlichen Sprachgebrauch untersuchen möchte, dann muss man ins Feld gehen. Das ist meiner Meinung nach viel authentischer.

Warum verlieren wir Jugendsprache im Alter?

Jugendsprache ist einerseits Ausdruck von Gruppenzugehörigkeit und andererseits auch von  Jugendidentität. In dem Augenblick, in dem ich einen gewissen Tabuwortschatz aktiviere, möchte ich zum Ausdruck bringen: Ich bin ein kleiner, rebellischer 17-Jähriger!

Das hat immer etwas mit Zwängen zu tun. Wenn ich beispielsweise eine Ausbildung mache oder als Lehrer in ein Refrendariat gehe, dann ist diese Art von Sprache natürlich nicht mehr angesagt - um jetzt mal etwas Jugendsprachliches zu verwenden.

Ich muss mich also immer dem beugen, was von mir sprachlich erwartet wird. Ich glaube, dass heutzutage allgemein eine Verjüngung der Sprache stattfindet. Denn ich bemerke, dass ganz viele solcher jugendsprachlichen Ausdrücke auch von über 40-jährigen Anzugträgern benutzt werden, die früher nie in diesem Maße verwendet worden wären.

Welches Wort ist gerade typisch Jugendsprache?

Da muss ich passen. "Das" Jugenwort gibt es, meiner Meinung nach, so nicht.

 

Mehr dazu:


Was:
6. Internationale Konferenz zur Jugendsprache 2011 (Programm)
Wann: Donnerstag, 31. März 2011 bis Samstag, 2. April 2011
Wo: Universität Freiburg, KGI, Raum 1010   [Bild: Fotolia, Privat]