Was hat die Twitter-Aktion #aufschrei gebracht? Interview mit Netzfeministin Anne Wizorek

Hengameh Yaghoobifarah

Gemeinsam mit Nicole von Horst startete Anne Wizorek vor über einem Jahr die Twitter-Aktion #aufschrei und stieß eine bundesweite Debatte zum Thema Alltagssexismus an. Dienstagabend kommt sie für einen Vortrag nach Freiburg. fudder-Autorin Hengameh Yaghoobifarah hat sich mit Anne über die Debatte und ihre Auswirkungen unterhalten.



Vor über einem Jahr habt ihr mit #aufschrei angefangen. Wie ist dein Fazit aus der Debatte?

Anne Wizorek: Es ist einerseits schön, dass die Debatte auf so weiter Ebene geführt wurde, und man hat ja auch gesehen, wie wichtig es ist. Gerade mit den Ergebnissen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, bei der die Anfragen aufgrund dieser Debatte um ein Drittel gestiegen sind. Das finde ich großartig, weil es ein Drittel mehr Betroffene sind, denen geholfen werden kann.

Oder dass Lehrerinnen und Lehrer Alltagssexismus im Unterricht thematisiert haben, wo ja auch gerade unter #aufschrei sichtbar wurde, dass viel in der Schule passiert und in einem typischen Schutzraum Grenzen überschritten werden. Zusätzlich werden da sexistische Klischees wie "Mädchen können kein Mathe" reproduziert und zu einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung.

Und in den Medien?

In den Medien war zu sehen, wie mit feministischen Themen immer noch umgegangen wird - also, dass es lieber auf Geschlechterkampf gebürstet wird, anstatt wirklich zu gucken, was das Problem ist und was aktiv dagegen getan werden kann. Es gab zwar auch differenzierte Beiträge, die waren aber meistens beschränkt auf sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Das war einfacher nachzuzeichnen, weil da das Machtgefälle sehr eindeutig ist.

Der ganze strukturelle Sexismus in Bezug auf zum Beispiel Lohnungleichheit und den Gender Pension Gap, aber auch was das ganze für Frauen of Colour bedeutet, die ja noch mal von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind, kam jedoch so gut wie nicht vor. Überhaupt das Thema Mehrfachdiskriminierung ist ja nicht oft vorgekommen in dieser Debatte, das war auch immer ganz frustrierend.

Es gab ja auch viel Kritik an #aufschrei aus den feministischen Reihen, weil der meiste Raum von weißen, heterosexuellen Cisgender-Frauen eingenommen wurde.

Was schade ist, denn es gab nie einen expliziten Aufruf in dem Sinne. Gerade am Anfang waren auch Frauen of Colour oder Trans*frauen dabei, aber das wurde in der Berichterstattung unsichtbar gemacht, und ich fürchte, dadurch haben mehrfachdiskriminierte Frauen den Eindruck bekommen, #aufschrei wäre nicht für sie. Nichtsdestotrotz finde ich es super, dass #aufschrei zum Vorbild für #SchauHin zum Beispiel geworden ist, womit explizit rassistische Erfahrungen gesammelt werden. Ich konnte es gut verstehen, als Kübra Gümüsay erzählte, dass sie #aufschrei gesehen hat und sich nicht angesprochen fühlte, weil sexistische Angriffe auf sie immer auch rassistisch konnotiert sind.

Du konntest es letztlich nicht steuern, wer den Hashtag für sich nutzt.

Der Vorteil ist, dass alle den nutzen können, aber es ist zugleich auch der Nachteil. Genauso wird der Hashtag ja auch dazu genutzt, Betroffene zu trollen und anzugreifen, das war natürlich auch überhaupt nicht meine Intention dahinter. Das kannst du aber, wie gesagt, auch nicht mehr steuern. An gewissen Punkten müssen die Diskussionen von Twitter weggenommen werden und in sichere Räume wie Blogs mit moderierten Kommentaren geführt werden. Oder Räume, in denen mehr Platz zur Ausführung der Gedanken herrscht.

Dafür war ja auch Alltagssexismus.de lange eine Möglichkeit. Darin war ich nicht stark involviert, aber Nicole [von Horst] war es zum Beispiel. Es ist schade zu sehen, dass die Plattform mittlerweile eingeschlafen ist, weil auch die Kapazitäten fehlen. Es ist ja auch eine Belastung, täglich Beiträge zum Thema Belästigung und dergleichen freizuschalten. Die Auseinandersetzung ist für uns Aktivistinnen emotional anstrengend, nicht nur weil es eigene Erfahrungen triggert, sondern ist es auch ein Schwall von Geschichten, den man verarbeiten können muss.

Aber da zeigt sich einer dieser Knackpunkte von ehrenamtlichem Engagement. Wenn du das eh nebenbei machen musst, ist es auch schwierig, alles immer unterzubringen.

Hast du das Gefühl, mit #aufschrei etwas Nachhaltiges, Langfristiges angeregt zu haben?

Ja, weil #aufschrei für eine Debatte steht und die Möglichkeit eröffnet hat, offen über Alltagssexismus zu reden, weil Sexismus als Begriff vorher als verstaubt galt. So: „Das ist ein Problem, das die in den 50ern und 60ern hatten, das haben wir doch jetzt nicht mehr.“

Insofern ist es auch nachhaltig. Wobei die konkreten Ergebnisse für viele vielleicht schwer zu greifen sind, weil viel in einem zwischenmenschlichen Rahmen passiert und darüber wird in den Medien nicht berichtet. In einer Umfrage über #aufschrei von YouGov im Auftrag von ZeitOnlinegab es allerdings die Frage, ob Leute ihr Verhältnis dem anderen Geschlecht gegenüber reflektiert haben. Gerade zwischen den 18- und 24-Jährigen waren es circa 36 Prozent, die gesagt haben, dass #aufschrei etwas bewirkt hat.

Dazu kam auch der Anstieg des Engagements in feministischen Initiativen. Ich hatte das Gefühl, dass seit #aufschrei viele Frauen mehr Mut gefasst haben, sich zu vernetzen und wirklich wieder etwas auf die Beine zu stellen.

Die Barriere, sich Feministin zu nennen, ist ja für viele Frauen sehr stark. Hat #aufschrei daran etwas geändert?

Ich kann natürlich nicht für alle sprechen, aber ich bekomme viel Feedback von Frauen und auch Männern, deren feministisches Engagement und Bewusstsein durch #aufschrei erst oder wieder erwacht ist. Die persönlichen Erfahrungen und das Identifikationspotenzial haben dazu geführt, Sexismus benennbar und begreifbar zu machen. Außerdem haben viel mehr Leute verstanden, dass Feminismus nicht nur aus einer Alice-Schwarzer-Ecke kommt, sondern es viele andere engagierte Menschen gibt. Es wäre natürlich zu optimistisch zu sagen, dass alle durch #aufschrei sensibilisiert wurden, aber ein großer Teil ist es auf jeden Fall.

Mehr dazu:

Was: "Hashtag #Aufschrei" - Vortrag und Diskussion mit Anne Wizorek
Wann: Dienstag, 15. April 2014, 20 Uhr
Wo: Werkraum des Theaters Freiburg  
[Foto: dpa]