Was hält Hochdorf von der Sea of Love?

Maren Rampendahl

Der Freiburger Stadtteil Hochdorf liegt knapp zwei Kilometer vom Tunisee entfernt und ist damit der nächstgelegene Ort zum Festival. Wie viel man dort von der Sea of Love mitbekommt - und was die Anwohner sagen, hat sich Maren pünktlich zum Programmbeginn am Samstagmittag angeschaut.



Der Himmel über Hochdorf ist wolkenlos und tiefblau, die knallrote Fassade der St.-Martins Kirche leuchtet schon von weitem. Auf dem Dorfplatz in der Ortsmitte ist um halb zehn Uhr morgens noch kaum etwas los. Bisher verraten nur die Hinweisschilder an den Kreuzungen, dass spätestens in zwei Stunden ein paar Kilometer weiter eine riesige Party starten wird: die Sea of Love. An den Außentischen eines Cafés sitzt eine Gruppe Jugendlicher und frühstückt: belegte Brötchen und Kaffee. Erst als sie aufstehen und unter dem Tisch zwei 5-Liter-Fässer Bier hervorholen kann man sich denken, wohin sie unterwegs sind.

Die Atmosphäre in dem 5000-Einwohner-Ort Hochdorf ist an diesem Vormittag fast schon idyllisch. An den bunt blühenden Vorgärten radeln einige ältere Damen mit dem Fahrrad vorbei, den Fahrradkorb voll Einkäufe. Dass es am Vorabend der Sea of Love an der Neuen Messen in Freiburg teilweise chaotische Zustände gab - davon merkt man nichts. Ein kleines bisschen Sea of Love liegt allerdings auch hier schon in der Luft: Etwa alle 40 Minuten kreist ein Hubschrauber über dem Ort, zieht wieder ab und taucht einige Zeit später wieder auf. Ab und zu fährt ein Auto voll junger Leute durch die Straßen, das Autoradio voll aufgedreht. Eine kurze Welle polternder Bässe zieht dann an einem vorbei.



„Im Prinzip bekommen wir hier im Ort nicht viel von dem Festival mit“, sagt Ortsvorsteher Christoph Lang-Jakob (Foto). „Das war letztes Jahr anders, da sind die Leute auf die Barrikaden gegangen, besonders die Einwohner von Benzhausen.“ Der Hochdorfer Ortsteil Benzhausen liegt noch näher am Tunisee. Im letzten Jahr dienten hier einige Wiesen als Campingplatz. Wegen massiver Beschwerden der Einwohner über Lärm und Müll ist hier heute nur noch der Parkplatz. „Der Veranstalter hat intensiv den Kontakt zu uns gesucht“, lobt Lang-Jakob die diesjährige Kommunikation im Vorfeld. „Ich habe klare Ansagen gemacht und mehr Security und Toiletten gefordert“, sagt der Rechtsanwalt. „Außerdem haben wir den Verkehr umgeleitet und mit der VAG Shuttlebusse organisiert, so dass sich im Ort kein Stau mehr bildet.“

Ein paar Hochdorfer profitieren sogar ein bisschen von dem Event. „Am Festival-Wochenende sind wir jedes Jahr ausgebucht“, sagt Michael Boesen, Inhaber des Hotels Hochdorfer Hirschen. „Wir haben Stammgäste, die immer wieder kommen und schon 6 Monate im voraus buchen.“ Dieses Jahr, so Boesen, ist die Nachfrage besonders groß gewesen. „Ich hätte 500 Zimmer vermieten können“, sagt er. Aufgrund der geringeren Kapazität bleibt die große Präsenz von Festivalgästen im Ort jedoch aus. Probleme mit betrunkenen Feierwütigen? „Haben wir nie“, sagt Boesen, „unsere Gäste sind immer friedlich.“



Zwischen Hochdorf und Benzhausen liegen kleine Hügel und viele hochgewachsene Maisfelder. Von hier oben kann man den Parkplatz sehen, der sich langsam füllt. Es ist jetzt fast Mittag, auf dem Festivalgelände geht es in diesen Minuten los. Man sieht auch die Shuttlebusse ankommen, vollgestopft mit sonnenbebrillten und luftig bekleideten Menschen. Und noch etwas kann man zwischen den Maisfeldern und Strohballen entdecken: vereinzelte Zelte.

„Wir haben keine Campingtickets mehr bekommen“, erzählt ein Jugendlicher. Zusammen mit 4 Freunden ist er dann ganz spontan mit dem Auto aus Bernau hergefahren und hat den nächstbesten Wildcampingplatz belegt. „Der Bauer hat uns aber schon entdeckt“, sagt er, „er fährt Patrouille mit seinem Trecker. Aber er hat uns erlaubt zu bleiben, wenn wir keinen Müll hinterlassen.“



Das gleiche Schicksal teilen vier Mädels aus der Nähe von Offenburg (Foto oben). Und dabei haben sie eigentlich ein Campingticket. „Als wir gestern am Campingplatz ankamen, wurden wir abgewiesen“, erzählt eine von ihnen, sichtlich verärgert. „Wir sollten im Auto auf dem Parkplatz schlafen.“ Stattdessen haben auch sie ihre Zelte in den Benzhausener Maisfeldern aufgeschlagen. „Wir haben die 80 Euro quasi umsonst gezahlt. Jetzt müssen wir ohne Toiletten und fließendes Wasser hier übernachten.“

In Benzhausen selbst ist vom Festival-Trubel schon etwas mehr zu sehen. Einige Anwohner haben ihre Einfahrten mit rot-weiß-gestreiftem Absperrband abgeriegelt. „Letztes Jahr war ich völlig zugeparkt“, erklärt eine Reitlehrerin. „Und meine Schüler müssen ja auch irgendwo parken, wenn sie heute Nachmittag zum Unterricht kommen.“

Insgesamt fühlen sich die Hochdorfer und Benzhausener aber nicht beeinträchtigt von der Sea of Love. „Uns stört das Festival nicht“, sagt Anwohner Josef Rantz. „Wir hören die Musik nur, wenn der Wind genau aus der Richtung kommt, aber dann hören wir schließlich auch die Autobahn. Uns hat letztes Jahr eher der Verkehr gestört, aber das soll an diesem Wochenende ja anders werden.“

Selbst mal nachsehen, was der eigenen Haustür so abgeht, wollen aber die wenigsten. „Ich hab mit Techno nichts am Hut“, sagt Klassik-Fan Lang-Jakob. „Aber ich finde es toll, dass so etwas hier in Freiburg stattfindet und wenn alle Absprachen eingehalten werden, ist es für uns gar kein Problem.“ Und, Herr Ortsvorsteher, gehen Sie auch selbst mal vorbeischauen? „Nein, lieber nicht, dafür bin ich zu alt“, sagt er und lacht. „Aber meine Kinder gehen hin, sie wollen Paul Kalkbrenner hören.“

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