Was hab' ich? Medizinstudenten machen Arztbriefe für Laien verständlich

Julia Nikschick

"Submandibuläre PE: Proben plattenepithelialer Epidermis mit erheblicher Hyper-Parakeratose und teils verrucösem Aufbau."* Dieser Satz stammt aus einem Arztbrief, dem Schreiben, das Patienten nach der Behandlung im Krankenhaus erhalten. Das Internet-Portal "Was hab' ich?" bietet kostenlos die Übersetzung von Arztbriefen in Jedermann-Sprache an. Marius Müller und Julia Nienaber studieren Medizin an der Uni Freiburg und sind zwei von rund 500 ehrenamtlichen Mitarbeitern des Internet-Portals. Julia hat sie für fudder getroffen:

Sechs Jahre sind 312 Wochen sind 2190 Tage. So lange dauert die Ausbildung zum Arzt an der Uni. Jedoch wendet der Medizin-Student sein Fachwissen erst nach zwölf Semestern am Patienten an, während seines praktischen Jahres (PJ). "Das Arzt-Patienten-Verhältnis wird im Studium jedoch vernachlässigt," sagt Julia Nienaber, im zehnten Semester an der Uni Freiburg, "alles soll auf Latein oder als Fachbegriff präsent sein, aber wie man als Arzt seinem Patienten den medizinischen Befund erklärt, geht vollkommen unter."


Mit  der Arbeit beim Internet-Portal Was hab' ich? fand die 25-jährige die Ergänzung zum Studium. Als eine von neun Freiburger Studierenden übersetzt sie regelmäßig die Arztbefunde von Patienten. "Ich mache mir jetzt stärker bewusst, welche Worte in Befunden verwendet werden und wie diese zu erklären sind. Anfangs war es schwer einzuschätzen, welches Wissen bei dem Nutzer bereits vorhanden ist und welche Basis geschaffen werden muss. Doch gerade daraus lernt man für das spätere Berufsleben", so Julia. Die Handhabung von "Was hab' ich?" ist einfach: Patienten laden ihren Arztbrief auf der Website hoch oder senden ihn per Fax ein. Innerhalb von gut 48 Stunden übersetzt ein Mitglied des 500 Mann starken Teams aus Medizinstudenten den Befund, in allgemein verständliche Sprache. Unterstützt werden sie dabei von bereits praktizierenden Ärzten und Psychologen. Marius Müller (25), ebenfalls Mitarbeiter des Portals und Student an der Uni Freiburg, erklärt: "Manche der Ärzte übersetzen selbst auch Befunde. Vorrangig stehen sie aber für Rückfragen zur Verfügung und als Kontrollinstanz für Neulinge." Denn jeder, der Mitarbeiter bei "Was hab' ich?" werden will, muss ein genau geregeltes Prozedere durchlaufen. Neben Personalausweis und Studienbescheinigung liest ein Arzt oder älteres Mitglied, als Supervisor, die ersten Übersetzungen Korrektur und gibt anschließend Feedback via Telefon. So soll vor allem die Qualität gesichert werden, besonders jetzt, da die Website oft zu 100 Prozent ausgelastet ist. Oberste Priorität ist jedoch nach wie vor die Seriösität der Seite zu wahren und das Vertrauen der Nutzer nicht zu verlieren. So muss jeder der Mitglied im Übersetzer-Team werden will, mindestens acht Semester Medizin studiert haben. "Dann besteht ein gutes Grundwissen, um wirklich zu helfen, auch wenn wir nur Übersetzungen tätigen und keine Therapieempfehlungen aussprechen werden," erklärt Julia. Gerade in den ersten Befunde erkenne man, ob ausreichend Wissen vorhanden sei oder nicht, ergänzt Marius. Falls der betroffende Übersetzter in einem schwierigen Fall unsicher sei, könne zudem erneut der Supervisor zurate gezogen werden.

Eins ist Betreibern und Mitarbeitern aber wichtig: Es soll zwischen dem Team der Übersetzer und dem Nutzer der Website weder ein klassisches Arzt-Patienten-Verhältnis aufgebaut werden, noch soll es den Besuch beim Hausarzt ersetzten. "Wir wollen die Zusammenarbeit zwischen Fach- und Hausärzten stärken," erklärt Marius, "als Arzt muss man seinem Patienten eine Masse an Informationen mitgeben, sodass manchmal die Zeit für die Erklärung aller Details fehlt, die im Arztbrief zwar aufgeführt, jedoch nicht maßgeblich für die weitere Behandlung sind." Damit spricht Marius einen besonders kritischen Punkt im Verhältnis Arzt-Patient an: Zeit. Vielmehr, das Fehlen von Zeit. Im Behandlungszimmer erklärt der Arzt die nötigsten Fakten. Oft braucht der Patient jedoch mehr Zeit, um das gehörte zu verarbeiten und anschließend nachzufragen. "Häufig tauchen Fragen erst im Nachhinein auf. Doch dann trauen sich die Patienten nicht erneut den Arzt zu konsultieren," erklärt Julia, die wie Marius über Komilitonen auf das Angebot aufmerksam wurde. Besondere Herausforderungen sind für Markus die sogenannten Kolibris - schwierige Fälle, bei denen die betreffenden Krankheiten so exotisch sind, dass die Studenten auch selbst noch nichts von ihnen gehört haben. Marius Rezept in diesem Fall ist einfach: Lesen und Nachfragen. So lange, bis man selbst alles verstanden hat und dem Nutzer eine hilfreiche Übersetzung liefern kann. Für Julia sind die schwierigsten Fälle jene, bei denen die Grenze zwischen reiner Übersetzung und dem Wunsch zu helfen verschwimmt: "Wenn ich einen Befund annehme, der eine Krebsdiagnose festhält und dann eine Notiz des Patienten am Rand lese: Was bedeutet das für mich? ... Wir dürfen nichts sagen, nur übersetzen, dass ist manchmal schlimm." Eine manchmal schwer zu ertragende, aber dennoch notwendige Grenze, die ebenso wichtig ist, wie die damit verbundenen wertvollen Erfahrungen. "Manchmal melden sich auch Menschen, die wissen wollen, wie gut ihre Aussichten sind einen Reha-Platz zu bekommen und Berufsunfähigenrente. Auch da müssen wir erklären, dass mehr als die Übersetzung als Hilfe nicht möglich ist", sagt Marius.

Populär sei die Website unter Medizinstudenten nicht, sagt Julia. Gerade Mal 0,9 Prozent der rund 1000 Medizin Studenten, die momentan zwischen dem 8. und 12. Semester an der Uni Freiburg immatrikuliert sind, arbeiten bei "Was hab'ich?". Ein Grund für diese geringe Beteiligung könnte der hohe Zeitfaktor sein: zwei bis sechs Stunden für einen Befund. Ein anderer, den auch Marius und Julia schon zu hören bekamen, dass das PJ noch genügend Möglichkeiten für derlei Übungen biete. Man könne warten, anstatt "Pseudo-Arzt" zu spielen, wie Marius es zu hören bekam: "Dabei kann ich es wirklich nur empfehlen. Ich lerne Soft Skills, die ich schon jetzt wertschätze und mir später im Berufsleben nur hilfreich sein können." Finanziert wird das Internet-Portal über Spenden. Zu 80 Prozent geht die freiwillige Spende eines Nutzers an den Übersetzter des Befundes, die restlichen 20 kommen der Website zu Gute. "So ist alle paar Wochen mal ein Kaffee extra drin", sagt Markus, "aber das Geld ist ehrlich gesagt auch nicht wichtig." Da kann Julia nur zustimmen. Für beide ist das Feedback eines Patienten wichtiger, das Gefühl jemanden eine Hilfe gewesen zu sein. Denn der Wert ihrer Arbeit ist ein Ideeler: ein besserer Arzt sein.

* Übersetzung:
Die Proben wurden von der Haut unterhalb des Unterkiefers entnommen. Die Oberfläche dieser Proben besteht aus mehreren Schichten abgeplatteten, stark miteinander verzahnter Zellen (Plattenepithel). Die oberste Schicht ist hier verhornt, das heißt, abgestorbene Zellen bilden eine stabile Hornschicht zum Schutz vor äußeren Einflüssen. Das ist vergleichbar mit der Hornhaut an den Füßen. In den Proben fand nun eine gestörte Verhornung statt, die Hornschicht ist verdickt (Hyperparakeratose) und weist teilweise einen Aufbau auf, der einer Warze ähnelt (verrucös).

Was hab' ich?

Gegründet wurde die Washabich.de 2011 von den Medizinstudenten Anja Kersten und Johannes Bittner, sowie dem Informatiker Ansgar Jonietz. In ihrem Team arbeiten neben 365 Medizinstudenten aus ganz Deutschland und Österreich, auch 140 Assistenz- und Fachärzte und zwei Psychologen.

Seit ihrem Start-Up wurde die Website mit mehreren Nominierungen und Preisen bedacht. So kann das Team von "Was hab' ich?" mittlerweile auf sieben Auszeichungen für ihren erfolgreichen Startup zurückblicken, unter anderem auf den Generation-D-Award und als Startsocial-Bundessieger 2011.  Neben der medizinischen Fakultät der Uni Freiburg sind aus Baden-Württemberg auch die  Fakultäten der Uni Heidelberg und Tübingen vertreten.

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  [Foto: Dominic Rock]