Was ging beim… Orso-Neujahrskonzert im Konzerthaus

Bernhard Amelung

Hommage an die klassische Musik beider Amerika: Werke von Gershwin, Villa-Lobos und Piazzolla standen auf dem Programm des Orso-Neujahrskonzerts. Warum unser Autor am liebsten getanzt hätte:



Der erste Eindruck

Sektkorken knallen. Gläser klirren. Gelächter und Gesprächsfetzen erfüllen das Foyer des Freiburger Konzerthauses an diesem Abend – vor Konzertbeginn und in der Pause. Neujahrskonzert der Orchestra & Choral Society (Orso) – das verspricht eine im Vergleich zum sinfonischen Normalbetrieb lockere und entspannte Stimmung. So dürfen die Herren auch den obersten Hemdknopf und das Sakko offen tragen. Für die Damen darf’s auch der Schuh mit flachem Absatz sein. Schließlich steigt im Anschluss an das Konzert noch eine Party im Harmonie Gewölbekeller. Tanzen statt Tatort. So muss man ein neues Jahr beginnen.

 

Das Programm

 
"Amerikana" heißt der Titel des Konzertabends. Für einmal steht dieser Begriff nicht für folkig-verhangene Klanglandschaften bärtiger Singer-Songwriter aus den USA. Mit "Amerikana" bietet das Orso einen Einblick in die klassischen Klangwelten und Kompositionen beider Amerika. Werke der unvermeidlichen George Gershwins und Leonard Bernsteins sind zwar auch in Freiburg gesetzt.

Gershwins majestätische Konzertkomposition "Cuban Overture" macht den Auftakt zu einem Abend, der volkstümliche Elemente aus Tango (Argentinien), Salsa und Habanera (Kuba), Samba und Bossa Nova (Brasilien) in der Sinfonik spiegelt. Dafür sorgen Werke von Arturo Márquez ("Conga del Fuego", "Danzón No. 2"), Astor Piazolla ("Los Pájaros Perdidos") und Heitor Villa-Lobos, der zu den international bekanntesten Dirigenten und Komponisten Brasiliens zählt. Weltbekannt sind sein Suiten-Werk "Bachianas Brasileiras" und die "Chôros", die den Auftakt zum zweiten Teil des Konzertabends bilden.

 

Die Musik

 
Güiros, auch Sambagurke genannt, ratschen. Congas und Timbales lassen Shuffle-Beats dahinschlurfen. Synkopierte Tanzrhythmen stolpern durch den Rolf-Böhme-Saal. Sie fordern das Publikum geradezu auf, sich zu erheben, den Platz zu verlassen und zu tanzen. Wenigstens an der Wand lehnen, lässig mit den Fingern schnippen und dazu an einem Daiquiri oder Mojito nippen, möchte man. Doch in Sachen Konzerthaus-Etikette weiß das Publikum Bescheid: Man sitzt, schweigt und genießt (Fotos).

Manche schweigen auch, wie vor den Kopf gestoßen. Denn Villa-Lobos, Márquez und Piazolla brechen in ihren Werken mit an mitteleuropäischer Klassik geschulten Ohren. Serielle Rhythmuspattern und Klangflächen treffen auf sphärisch-flächige, nahezu monotone Klangiterationen. Mal stehen sich diese einfachen Grundmuster und opulente, bisweilen kitschverliebte Harmonien gegenüber, ohne aufeinander zuzugehen. Dann wieder bewegen sie sich auf einander zu, umschlingen sich, um sich wilder zu trennen und umso leidenschaftlicher zu vereinen. Lustvolle Bewegungen, in Klang übersetzt. Ein Rausch.

 

Das Publikum

 
"Mir isch des viel zu laut", sagt eine ältere Besucherin, die das Konzert in der Pause verlässt. "Ich gehe total in dem Sound auf", kommentiert ein Mann, vielleicht Ende zwanzig, das Konzert nach dem Finale. "Brasil, Brasil, diese Worte werden noch lange nachklingen", sagt er und schließt die Augen. Beseelt ist sein Blick, so wie es die Blicke der Besucher sind, die zeitgleich mit ihm den Saal verlassen. Die Altersgruppen sind fast gleichmäßig vertreten. Dass junge Menschen sich nicht für (moderne) Klassik interessieren – ein Gerücht, das sich hartnäckig hält.

 

Was in Erinnerung bleibt

 
Die Arbeit des Orso-Gründers und Dirigenten Wolfgang Roese. Ihm gelingt es, die musikalische Dualität der Werke, die volkstümlichen und klassischen Passagen, mit seinem Orchester als integratives Ganzes herauszuarbeiten. Nur in den Passagen der Solistin Josy Santos hätte der Orchesterkörper auch weniger gestüm nach vorne stürmen dürfen.

 

Bewertung

 
1 minus.

 

Fazit

 
Mal anmutig und zart, mal leidenschaftlich und expressiv: Das Orso-Neujahrskonzert "Amerikana" begeistert mit einer klangfarbenreichen Hommage an die klassische Musik beider Amerika. Gerne wieder.

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    [Fotos: Miroslav Dakov]